Schweiz
Tonnen von Autobahndreck im See gelandet
Von Simon Wälti. Aktualisiert am 11.01.2010 6 Kommentare
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Autobahnabwässer sind nicht die einzige Belastung für den
Deponie Illiswil Wohlensee. Seit Dezember fliesst das Sickerwasser von der Deponie Illiswil wieder via Bach in den See. In einem Versuch war das Wasser direkt in die ARA geleitet worden. Da die Leitungen im Winter einfrieren und bersten könnten, entschloss sich das kantonale Amt für Wasser und Abfall, das Wasser wieder in den Bach fliessen zu lassen. Der Kanton will in diesem Jahr eine Lösung «unter Einbezug aller Betroffenen» ausarbeiten. Die Deponie enthält rund 1,5 Millionen Kubikmeter Material. (wal)
Der Wohlensee ist an der Oberfläche ein idyllisches Gewässer, der «Teufel» steckt jedoch in den Sedimenten. Seit Jahrzehnten fliesst das Abwasser von den Autobahnen A1 (Bern-Neufeld bis Mühleberg) und A12 (Weyermannshaus bis Wangental) ungereinigt in den Wohlensee – über drei Einleitstellen bei der Halenbrücke, bei der Kappelenbrücke und unterhalb der Eymatt.
Erst seit Kurzem gibt es eine Ausnahme: Das Regenüberlaufbecken im Gebiet Rehag, das einen Teil des Drecks von der A12 im Wangental abfängt, wurde 2009 in Betrieb genommen. «Die Einleitung des Abwassers in den Wohlensee ist sehr problematisch», sagt Christian Gnägi vom Geotechnischen Institut. Der Geologe und Geograf hat im Auftrag des Schutzverbandes Wohlensee (SVW) die Einleitung der Autobahnabwässer unter die Lupe genommen.
Giftige Schwermetalle
«Die Sedimente sind kontaminiert», stellt Gnägi fest. Jedes Jahr landen nach seinen Hochrechnungen alleine von der A1 zwischen Neufeld und Mühleberg 12 bis 34 Tonnen ungelöste Stoffe im Wohlensee. Seit den Siebzigerjahren, als die Autobahn eröffnet wurde, dürften also 500 bis 1000 Tonnen dieser Stoffe im See abgelagert worden sein. Ungelöste Stoffe sind in erster Linie Pneu- und Bremsabrieb oder auch Tröpfchen von Treibstoffen und Schmiermitteln. Dazu kommen giftige Schwermetalle wie Kupfer, Zink, Blei und Chrom. Besonders bei starkem Regen werden grosse Mengen an Schadstoffen in die Gewässer gespült.
In den letzten Jahren sei bei den Abwasserreinigungsanlagen bereits viel geschehen. Die Situation der Aare insgesamt habe sich verbessert, es bleibe aber immer noch viel zu tun. Gnägi schlägt vor, Messungen vorzunehmen, damit eine Qualitätskontrolle möglich ist. Auch die Sedimente im Wohlensee möchte er untersuchen.
Schlecht für Flora und Fauna
«Es ist unerfreulich, dass das Abwasser von der Autobahn immer noch ungereinigt eingeleitet wird», sagt Elisabeth Wieland, Präsidentin des Schutzverbands Wohlensee. Die Schadstoffe hätten negative Auswirkungen auf die Lebensräume von Fauna und Flora, auch wenn sich die Werte für das Wasser noch «im Toleranzbereich» befänden. Der permanente Schadstoffeintrag nach dem Prinzip der Verdünnung sei nicht gesetzeskonform und problematisch.
Wie schädlich die Stoffe für Fische und andere aquatische Lebensformen konkret sind, ist unklar, da noch keine gesicherten Daten dazu vorliegen. Der Schutzverband erwartet vom Bundesamt für Strassen (Astra), dass diese Schadstoffe in den nächsten Jahren um die Hälfte reduziert werden. Er führt im Frühling mit allen Verantwortlichen eine Fachtagung durch, um zu klären, wann die verschmutzten Strassenabwässer in welchen Filteranlagen vorbehandelt werden.
Der Schutzverband werde seit Jahren bezüglich des verschmutzten Autobahnabwassers im Wohlensee vertröstet, sagt Wieland. Lange sei dies mit dem Wechsel der Kompetenzen für die Autobahnen vom Kanton an den Bund begründet worden. Seit 2008 ist das Astra zuständig, vorher die Kantone. Man sei auch im Zusammenhang mit der laufenden Sanierung der Stadttangente noch unverbindlich geblieben. «Der biologische Zustand von Aare und Wohlensee muss verbessert werden», sagt Wieland. «Die Bauarbeiten zur Erweiterung und Erneuerung der Autobahnen kommen immer zuerst und der Umweltschutz muss hinten anstehen.»
Dieser Ansicht widerspricht David Wetter, Chef der Astra-Filiale Thun. Das Astra lege sehr grossen Wert auf Sicherheits- und Umweltaspekte. Daher würden im Rahmen der Stadttangente Bern zwischen Grauholz und Bümpliz respektive Mühleberg unter anderem sechs Saba (Strassenabwasserbehandlungsanlagen) erstellt. «Mit diesen Anlagen können Schwermetalle effektiv aus dem Strassenabwasser gefiltert werden. Allein für die Behandlung des Strassenabwassers werden rund zehn Prozent der Baukosten investiert, das heisst rund 35 bis 40 Millionen Franken.»
Die Anlagen würden in engster Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern entwickelt und geplant, sagt Wetter. «Die Saba entsprechen den neusten Anforderungen der Technik sowie den gesetzlichen Bestimmungen.»
Rund 5 Millionen pro Anlage
Die Umsetzung ist gemäss Astra wie folgt geplant:
- Saba Fischrain auf der Höhe Anschluss Wankdorf. Die Pläne müssen noch aufgelegt werden. Die Anlage kann frühestens 2015 in Betrieb gehen.
- Saba Wylerholz unterhalb der Autobahn vor dem Felsenau-Viadukt. Baubeginn ist frühestens im Herbst 2010.
- Saba Halenbrücke beim bestehenden Ölabscheider. Die Anlage soll 2015 in Betrieb gehen.
- Saba Gäbelbach. Hier ist mit einem Baubeginn 2011 zu rechnen.
- Saba Pfaffensteig in Bümpliz. Baubeginn 2011.
- Saba Hallmatt in Bümpliz. Die Anlage befindet sich in Bau.
Eine Anlage kommt auf rund fünf Millionen Franken zu stehen. Zuleitungen sind dabei nicht eingerechnet. Da beim Bau der Reinigungsanlagen auch bestehende Ableitungen zusammengefasst werden, braucht es Pumpwerke, die einige Millionen pro Werk kosten.
Das behandelte und gefilterte Strassenabwasser wird auch nachher noch in den Wohlensee fliessen. Bei sehr starken Niederschlägen wird ein Teil der Brühe weiterhin in die Aare und den Wohlensee geschwemmt. Die Saba sind für kleinere Hochwasser ausgelegt. (Der Bund)
Erstellt: 11.01.2010, 08:35 Uhr
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6 Kommentare
Wenn nur noch die bezahlten Autos auf der Strasse wären, wenn die täglichen Pendler (ohne Gütertransporte) vermehrt die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen würden, wenn nur noch z.B. die Handwerker aus der Region berücksichtigt würden - dann käme aus dem Rohr bald Trinkwasser raus. - Aber eben: Wenn das Wörtchen wenn nicht wär'...! Antworten
Gerade jetzt bei Schnee ist der Dreck der Strasse sichtbar. Dieser gehört weder ins Gewässer noch ins Grundwasser. Dass jetzt die in der Schweiz entwickelten Verfahren zu Strassenabwasserbehandlung umgesetzt werden, empfinde ich als Fortschritt. Zudem bezahlt dies ja der Verursacher via Treibstoff. Übrigens wurden in der Region Basel bereits solche Anlagen realisiet: z.B. A2/A3 Verzw. Hagnau Antworten
Der Mensch produziert seit seines Bestehens "Müll" für die Umwelt. Bereits der Höhlenmensch produzierte CO2, Russ und andere "Abfallstoffe". Wir können dies nicht ganz verhindern. Die Situation verschärft sich auch mit der Zunahme der Bevölkerung. Unsere Gesellschaft muss also Lösungen finden, die Umwelt möglichst nicht zu entlasten, eine Belastung verhindern können wir aber nie... Antworten
@Roman Meier: Ich bin ja auch ihrer Ansicht aber wie soll das gehen? Auf das winterliche Salz wäre ja noch knapp verzichtbar aber der Gummiabrieb der Reifen oder Fensterreiniger der Scheibenwaschablage, dafür habe ich keine Idee. Ich sehe nur eine Lösung betreffend den PAC-Teilchen bei Dieselfahrzeugen und beim Abrieb der Bremsen. Antworten
Unser ganzes nicht umweltverträgliches System ist im Kern krank. Statt Symptombekämpfung zu betreiben und zig Millionen für Reinigungsanlagen auszugeben, müsste man an der Quelle ansetzen, d.h., problematische Stoffe aus dem Verkehr ziehen und konsequent auf biologisch abbaubare setzen. Wenn uns das nicht gelingt, wird sich die Natur am Ende unerbittlich an uns und unseren Kindern "rächen". Antworten
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Roman Meier
@Jürg Mäder: den Höhlenmenschen als Abfallsünder zu bezeichnen, finde ich völlig daneben. Verglichen mit uns modernen Menschen, war der der reinste Oekofreak. Zum wirklichen Schmutzfinken ist der Mensch wohl erst mit der Industrialisierung geworden. Gleichzeitig hat ihn ein irrwitziger Fortschrittsglaube seine Verantwortung gegenüber der Natur (seiner Existenzgrundlage!) komplett vergessen lassen. Antworten