Schweiz

Tourismus-Chef attackiert Rätoromanen

Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 06.10.2010 20 Kommentare

Der Schutz des Romanischen in den Schulen schade der Wirtschaft, sagt der Chef von «Graubünden Ferien» – und sorgt damit für geharnischte Reaktionen.

Rätoromanischlektion für die Kinder: Ein Wettbewerbsnachteil im Werben um qualifizierte Zuzüger?

Rätoromanischlektion für die Kinder: Ein Wettbewerbsnachteil im Werben um qualifizierte Zuzüger?
Bild: Arno Balzarini/Keystone

Bündner Sprachunterricht

Englisch erst ab der 7. Klasse

Im Kanton Graubünden gibt es drei Amtssprachen: Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch. Die Dreisprachigkeit prägt auch das Angebot an der Volksschule:

Erste Fremdsprache ist in deutschsprachigen Gemeinden Italienisch oder Romanisch, in den anderen Gemeinden Deutsch. Bis anhin wurde die erste Fremdsprache erst ab der 5. Klasse gelehrt. Dieses Schuljahr wurde sie auf die 3. Klasse vorverlegt.

Zweite Fremdsprache ist Englisch. Sie wird erst an der Oberstufe (7. Schuljahr) unterrichtet. Ab Herbst 2012 wird Englisch in die 5. Klasse vorverlegt.

Französisch ist kein obligatorisches Schulfach. An der Oberstufe wird es als Wahlfach angeboten. (ac)

Das Rätoromanische hat einen schweren Stand. Nur noch 40 000 Bündnerinnen und Bündner bezeichnen es als ihre Muttersprache. Und laut dem Sprachenatlas der Unesco ist das Idiom «definitiv» vom Aussterben bedroht. Umso dezidierter kämpfen in Graubünden Behörden und Politiker für den Erhalt der vierten Landessprache.

Jetzt tanzt ausgerechnet der Präsident der grössten Bündner Tourismusorganisation aus der Reihe. Das Rätoromanische sei bloss noch «Folklore» und hemme die Wirtschaft, sagte Andreas Wieland kürzlich öffentlich. Bündner Firmen hätten grosse Probleme, qualifiziertes Personal zu rekrutieren: «Es fällt auf, dass Romanen die deutsche Sprache oft ungenügend beherrschen.» Ganz zu schweigen von den Defiziten in Englisch.

Topleute meiden Graubünden

Der Präsident von «Graubünden Ferien» weiss, wovon er spricht. In seinem Hauptberuf ist er nämlich Direktor der in Bonaduz domizilierten Technologiefirma Hamilton AG – nach der Ems-Chemie zweitgrösstes Unternehmen in Graubünden. Und Wieland gibt noch einen drauf: Für Exportfirmen sei das Bündner Sprachenkonzept auch «ein grosser Nachteil», wenn sie qualifizierte Leute von auswärts holen wollten: «Wenn diese ihre Familien mitbringen wollen, müssen die Kinder in der Schule als erste Fremdsprache Romanisch oder Italienisch lernen.» Das schrecke Topleute ab.

Wieland betonte zwar, dass das Romanische im Tourismusgeschäft «als Werbeträger» einen unbestritten hohen Stellenwert habe und ein «Erfolgsfaktor» sei. Trotzdem ist jetzt die Empörung unter Politikern und Sprachwissenschaftlern gross.

Rassismus-Vorwurf

Angeführt wird der Protest von Vincent Augustin, CVP-Grossrat und Präsident der Sprachorganisation Lia Rumantscha. Vom obersten Tourismusvertreter des Kantons erwarte er ein vorbehaltloses Einstehen für die Bündner Eigenheiten. Stattdessen setze Wieland den Sprachenfrieden aufs Spiel. Dass die Förderung des Romanischen und Italienischen die Kompetenzen in Deutsch und Englisch beeinträchtige, sei schlicht falsch. Und für die Bündner Wirtschaft nicht relevant: «Wer eine Kaderstelle antritt, hat die Mittelschule besucht und spätestens dort gutes Deutsch und Englisch gelernt.» Augustin warnt vehement vor der Vormacht des Englischen und zitiert den deutschen Philosophen Peter Sloterdijk, der in diesem Zusammenhang von «Kommunikationsrassismus» spricht.

Den Streit soll nun die Bündner Regierung entscheiden. Augustin wird im Parlament einen Vorstoss einreichen, der die Absetzung des Tourismuschefs verlangt. Ob sich im Parlament für den Abschuss Wielands eine Mehrheit finden lässt, ist offen. Für den SP-Präsidenten Jon Pult ist entscheidend, «ob Wieland künftig Provokationen in diesem sensiblen Bereich bleiben lässt». Gemäss dem SVP-Präsidenten Jon Peider Lemm hingegen kann Wieland kein Vorwurf gemacht werden: «Graubünden müsste froh sein, wenn es mehr solche erfolgreiche Unternehmer hätte.»

«Polittheater»

Lemm, ein gebürtiger Romane, taxiert den Streit als «Polittheater» und «Vorwahlgeplänkel»: Augustin habe bei den letzten eidgenössischen Wahlen den Einzug in den Nationalrat knapp verpasst. Nun wolle sich der CVP-Mann offenbar auf die Wahlen 2011 hin profilieren.

Der Lia-Rumantscha-Präsident muss allerdings auch gegenüber den Steuerzahlern Flagge zeigen. Denn die Dachorganisation aller rätoromanischen Sprach- und Kulturvereine erhält jährlich 2,1 Millionen Franken vom Bund und 450'000 Franken vom Kanton. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2010, 23:13 Uhr

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20 Kommentare

Reto Dosch

06.10.2010, 21:50 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Ob ein Romane oder Deutschsprechender weitere Sprachen erlernt, hat einzig damit zu tun ob Ihn das interessiert oder nicht. Ich bin romanischsprechend aufgewachsen, habe die ganze Primarschule auf romanisch absolviert und kann mich hier und im Berufsleben problemlos auf Deutsch ausdrücken, genauso in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch und das alles ohne Gymnasium. Antworten


Gion Saram

06.10.2010, 08:12 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Herr Wieland meint also das der Kanton Graubünden attraktiver wäre für ausländische Fachleute wenn die Bünder ihre Kultur und Sprache ignorieren würden und stattdessen sich den Bedürfnissen der globalisierten Wirtschaft anpassen würden. Frage: Existiert der Kanton GR zum Nutzen seiner Bewohner oder zum Nutzen seiner Wirtschaft? Antworten



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