Übergewicht: «Das BAG müsste obligatorische Vorgaben machen»

Die Übergewichts-Statistiken seien beschönigt, sagt Heinrich von Grünigen von der Adipositas-Stiftung. Der Anteil Übergewichtiger sei wohl höher als 53 Prozent. Er fordert Massnahmen vom Bund.

«Die neuen Übergewichtszahlen sind realistischer»: Heinrich von Grünigen, Präsident der Adipositas-Stiftung.

«Die neuen Übergewichtszahlen sind realistischer»: Heinrich von Grünigen, Präsident der Adipositas-Stiftung. Bild: zvg

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Herr von Grünigen, viele Leser haben auf die Nachricht des Bundesamts für Gesundheit (BAG), wonach 53 Prozent der Schweizer Bevölkerung übergewichtig seien, verärgert reagiert. Verstehen Sie das?
Wir wissen, dass wir zu dick sind. Das Problem wird mit den neusten Zahlen des BAG nicht grösser und nicht kleiner, als es vorher war. Aber man nimmt es jetzt anders wahr, weil es wahrheitsgetreuer und realistischer dargestellt ist.

Was ist an den neusten Zahlen wahrheitsgetreuer?
Interessant ist ja, dass die Salzstudie, während der die Bauchumfänge von 1500 Probanden gemessen wurden, auf freiwilliger Teilnahme beruht hat. Es ist also davon auszugehen, dass sich daran keine Leute mit richtigen Gewichtsproblemen beteiligt haben. Also sind die Resultate eher noch zu tief, die Zahl der Übergewichtigen ist wohl höher als die 53 Prozent, die jetzt auf ihre Repräsentativität überprüft werden. Dafür spricht auch, dass wir mit 53 Prozent immer noch unter dem europäischen Durchschnitt lägen, wofür es keinen plausiblen Grund gibt. Wir wandern ja nicht täglich vier Stunden lang in den Alpen. Mit den bisherigen Übergewichtszahlen figurierten wir auf gleicher Höhe mit Japan, die bisherigen Werte stimmten nicht. Was übrigens auch interesssant ist: Nach den neusten Zahlen gibt es prozentual mehr übergewichtige Frauen als Männer. In der bisherigen Statistik ist es umgekehrt.

Was schliessen Sie daraus?
Die bisherige Statistik zum Übergewicht stimmt auch deshalb nicht, weil die Zahlen auf Selbstdeklaration beruhen. Da schummeln die Leute. Und die Frauen beschönigen ihr Gewicht eher als Männer. Die Frauen stehen auch eher unter Druck eines rigorosen Modediktats oder ihres Partners, der sie zum Abnehmen anhält. Es melden sich auch viel mehr Frauen bei uns als Männer. Unsere Erkenntnis ist: Männer leben besser mit Übergewicht, sie finden sich mit ihrem Bauch ab.

Die neusten Zahlen sollen verlässlicher sein, nur weil sie im internationalen Vergleich plausibler erscheinen? Ist nicht etwas mehr Selbstvertrauen angebracht?
Man kann alles in Frage stellen. Es ist aber nicht angebracht, an den international einheitlichen Messmethoden und medizinisch begründeten Übergewichtskriterien zu zweifeln. Wir von der Adipositas-Stiftung haben vor Jahren an einem Messestand Leute gemessen und gewogen. Niemand war unter dem Normal-Bauchumfang. Dann habe ich den Ernährungsspezialist Fritz Horber gefragt, ob man nicht den Grenzwert anpassen müsste. Er antwortete, dies habe man nicht in der Hand. Die statistische Berechnungsgrundlage beruhe auf der medizinischen Erkenntnis, ab welchem Bauchumfang die Zahl der Erkrankungen zunehme. Die Reaktionen dazu auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet sind teilweise absurd.

Was ist absurd?
Wenn ein Mann schreibt, er befinde sich mit 94 Zentimetern Bauchumfang in der Hochrisikogruppe, dann täuscht er sich gewaltig. Er ist nicht im Hochrisikobereich, sondern dort, wo das erhöhte Risiko anfängt. Hysterie ist nicht angesagt.

Bemängelt wird von unseren Lesern auch, dass der Bauchumfang nicht in Relation zur Körpergrösse beurteilt wird, dass für Körpergrössen von 1.60 wie für 1.90 Meter dasselbe Bauchmass gilt.
Das ist richtig. Der Bauchumfang kann unabhängig von der Grösse bemessen werden. Grössere Leute haben vielleicht einen breiteren Rücken und ein breiteres Becken, aber dort misst man ja nicht, sondern auf der Höhe des Bauchnabels. Entscheidend für das gesundheitliche Risiko ist das viszerale Fettgewebe im Bauch-Inneren.

Ist der ständige Wechsel des Übergewichtskriteriums nicht willkürlich? Je nach Messmethode ändert auch die Zahl der Übergewichtigen.
Den Vorwurf der Willkür kann ich nicht bestätigen. Der Body-Mass-Index (BMI) war bisher die Norm der Weltgesundheitsorganisation. Kritiker bemängelten, der BMI setze nur Grösse und Gewicht in Relation, ohne Rücksicht auf die Zusammensetzung des Gewebes, ob es aus Muskeln, Fleisch oder Wasser besteht. Dann erwog man die sogenannte Waist-Hip-Relation, das Verhältnis zwischen Hüfte und Taille. Dies erwies sich als zu kompliziert. Der Bauchumfang ist ein einfaches und aussagekräftiges Berechnungsmittel. Dass es jedes Mal mehr Übergewichtige gab, hängt damit zusammen, dass sich eben die Adipositas-Epidemie weltweit ausbreitete.

Einige Leser sagen auch, die Kritiker der BAG-Zahlen seien selbst zu dick und fühlten sich angegriffen. Sehen Sie das auch so?
Es gibt viele Studien, die besagen, dass Übergewichtige nicht das Gefühl haben, sie seien übergewichtig. Sie nehmen es nicht wahr, weil sie nicht mehr auf die Waage stehen. Jemand, der regelmässig auf die Waage steht, hat auch mehr Chancen, abzunehmen. Man kann sein Übergewicht zwar daran feststellen, dass die Hose spannt. Jedenfalls sind die Zahlen zum Übergewicht ein Fakt, die Reaktion der Bevölkerung und neue Berechnungsmethoden ändern nichts daran.

Viele sehen sich jetzt plötzlich in der Kategorie «zu dick», obwohl sie schlank und gesund sind. Sie fragen sich: Was soll das?
Das ist eben der transitorische Übergang von «noch erträglich», sogenannt normal, zum wirklichen Übergewicht. Die Frage ist: Wann muss man die Notbremse ziehen? In einer deutschen TV-Debatte habe ich letzthin den wunderbaren Begriff «gesund-mollig» gehört. Mit dem Gesundheitsfimmel würden Gesundmollige unnötig gestresst und in die Verzweiflung getrieben, hiess es. Natürlich ist es so, dass sich viele, die «grenz-übergewichtig» sind, durch diese Werte verunsichert und bedrängt fühlen, gerade auch junge Mädchen, die völlig normalgewichtig sind, die nun aber zum Messband greifen und bei 81 Zentimetern in einen Diätwahn geraten. Man muss die Zahlen nüchtern anschauen. Die Leute sollen zur Kenntnis nehmen, dass ein paar wenige Kilos zu viel noch keine akute Gefahr darstellen. Sie werden nur darauf hingewiesen, dass, wenn sie weiter zunehmen, sie dann später ein erhöhtes Risiko für manche Krankheiten haben. Trotzdem ist jemand mit leichtem Übergewicht statistisch immer noch gesünder als einer, der brandmager ist, raucht, Alkohol trinkt und sich nicht bewegt.

Reagieren wir zu empfindlich auf die Zahlen des Bundes?
Die einen reagieren nicht, die andern werden wütend. Die Zahlen und die Prävention wird als staatliches Dreinreden taxiert. Dabei gibt sich das BAG Mühe, niemanden zu bevormunden. Das Amt setzt vor allem auf Freiwilligkeit und Selbstverantwortung, unseres Erachtens zu viel. Es müsste mehr auf obligatorische Vorgaben setzen. Die Leute können heute unter dem Druck des Marktes gar nicht mehr frei entscheiden. Die Sachzwänge, die Essenskultur und der Stress sind übermächtig.

Welche politischen Massnahmen fordern Sie?
Wir befürworten beispielsweise ein Ampelsystem. Das BAG ist jedoch dagegen, weil es zu wenig differenziert ist. Honig beispielsweise bekäme die Farbe rot für «ungesund», obwohl es ein Naturprodukt ist. Wir denken hingegen, dass man die Farben grün, gelb und rot nicht zu absolut sehen darf, es wäre lediglich eine Warnung für jemanden, der auf sein Gewicht schauen muss, dass er dieses Produkt vorsichtig konsumiert. Wichtig sind Aufklärung und Bildung, in der Schule, bei der Elternberatung, in der Schwangerschaft. Wie ist zu vermeiden, dass das Kind schon im Mutterleib auf Übergewicht programmiert wird? Konsequent weiterziehen müsste man auch die Auflagen für Lebensmitteldeklarationen. Doch die Wirtschaft wehrt sich vehement dagegen, weil sie zu sehr auf Wachstum und zu wenig auf Nachhaltigkeit setzt. Dazu kommen rechtspopulistische Politiker, welche den Hass auf das BAG schüren. Dabei investiert die Schweiz im internationalen Vergleich zu wenig Geld in die Prävention.

Befürworten Sie eine Fettsteuer?
Diese ist sehr umstritten. Dänemark hat sie als erstes europäisches Land eingeführt, in England wird sie diskutiert. Jetzt müssen wir schauen, ob diese Steuer eine positive Wirkung hat. Vielleicht kann damit Geld generiert werden für die Aufklärung. Die Schweiz vollzieht sehr eng, was die EU macht. Deshalb ist es wenig sinnvoll, wenn sie in solchen Dingen einen Sololauf macht. Wichtig wäre, die Lebensmittelproduzenten zu verpflichten, die Zusammensetzung der Lebensmittel besser zu deklarieren. Der Bund setzt auf Freiwilligkeit, somit macht jeder nur das Allernötigste, so dass es ihm nicht schadet.

Manche verlangen nach BMI abgestufte Krankenkassenprämien. Eine gute Idee?
Das könnte ein Ansatz sein, das Portemonnaie hat eine regulierende Funktion, Geld nimmt man eher ernst als moralische Appelle. Doch ein solcher Schritt würde das Solidaritätsprinzip in Frage stellen. Übergewichtige sind heute durch Diskriminierung bei den Zusatzversicherungen ohnehin schon genug bestraft.

Sie kämpfen selber schon lange gegen Übergewicht. Wie hätten Sie es verhindern können?
Das war eine Frage von Wissen und Nichtwissen. In jungen Jahren war ich mager. Als junger Journalist war ich ein starker Raucher, dann habe ich aufgehört zu rauchen. Hinzu kam ein Unfall, bei der ich die Schulter kaputt machte. Ich konnte kaum mehr Sport treiben, was mir gelegen kam, ich war noch nie ein Bewegungsmensch. So habe ich in kürzester Zeit 30 Kilogramm zugenommen. Das war so im Alter von 25 Jahren. Als es dann gegen 100 Kilo ging, wollte ich etwas unternehmen. Ich habe sicher jede Diät, die es gibt, ausprobiert. Über den Jojo-Effekt wusste ich nicht Bescheid. Es war zudem die Phase des allgemeinen Mottos «Rund, na und?». Dann kamen irgendwann die realen physischen Einschränkungen, man passt nicht mehr in eine Telefonkabine mit diesen speziellen Falttüren, im öffentlichen Verkehr wird es eng. Dann ist es zu spät, in diesem Stadium ist es schwierig, abzunehmen.

Wieso nicht einfach normal essen?
Das Problem ist, dass man es von Anfang an richtig machen muss. Wenn jemand eine extreme Diät macht, passt sich der Stoffwechsel an, der Kalorienumsatz kann in Extremfällen bis auf 500 Kalorien pro Tag sinken. Diesen Umsatz wieder zu erhöhen, ist schwierig und nur mit viel Anstrengung und Aufbautraining zu erreichen. Wenn man die Hungersnot lange genug kultiviert hat, kann man nicht mehr normal essen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.11.2011, 11:48 Uhr)

Von 165 auf 130 Kilogramm

Heinrich von Grünigen (70) ist seit seiner Pensionierung als Journalist bei Radio DRS im Jahr 2001 Präsident und Geschäftsleiter der schweizerischen Adipositas-Stiftung SAPS. Als 20-Jähriger wog Von Grünigen (1.86 Meter) noch 67 Kilogramm. Nach Unfall, Rauchstopp und verschiedenen Diäten erlangte er Jahre später ein Maximalgewicht von 165 Kilogramm. Unter ärztlicher Aufsicht nahm er («ohne Magenbandoperation, wie oft fälschlich kolportiert wird») 35 Kilogramm ab und hielt sein Gewicht 8 Jahre lang, bevor es wegen gesundheitlichen Beschwerden wieder auf 162 Kilogramm stieg. Aktuell wiegt er 152 Kilogramm (BMI 43).

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