Umweltschützer schädigen die Umwelt
Von Daniel Friedli. Aktualisiert am 19.07.2010 19 Kommentare
Die Protestaktion hat Tradition: Seit 1988 zündet die Alpen-Initiative immer am zweiten Wochenende im August ein Höhenfeuer an – als Mahnung, den Schutz der Alpen vor Verkehr, Luftverschmutzung und Übernutzung nicht zu vergessen. Dieses Jahr wird das «feurige Zeichen» am 14. August am Ritomsee ob der Leventina zu sehen sein – allerdings wohl zum letzten Mal, wie es bei der Vereinszentrale in Altdorf heisst.
Der Vorstand der Alpen-Initiative hat Geschäftsführer Alf Arnold den Auftrag erteilt, für 2011 nach Alternativen zu suchen. Nicht etwa, weil dem Verein das Feuern verleidet wäre. Vielmehr fallen die alpenschützenden Mahnfeuer dem Umweltschutz zum Opfer. Mit einem Brief vom 4. Mai dieses Jahres hat das Urner Umweltschutzamt interveniert. Es gab zu verstehen, dass es solche Feuer aus Sicht des Klimaschutzes für unangebracht hält und künftig nicht mehr bewilligen wird.
Zu junge Tradition
Die Urner berufen sich auf den Zentralschweizer Massnahmenplan zur Luftreinhaltung, aufgrund dessen sie letztes Jahr das Verbrennen von Holz-, Feld- und Gartenabfällen verboten haben. Solche offenen Feuer seien vor allem wegen des hohen Feinstaub-Aussstosses ein Problem, begründet Alexander Imhof vom Urner Umweltschutzamt die Massnahme. Dadurch gelangten schweizweit immerhin halb so viele Feinstaubpartikel in die Luft wie durch Dieselmotoren. Der Kanton Uri geht deshalb auch mit den Ausnahmen restriktiv um: Gestattet sind nur Feuer zur Vernichtung von Schädlingen, Grillfeuer oder Brauchtumsfeuer wie jene zum 1. August.
Um in letztere Kategorie zu fallen, ist die Tradition der Mahnfeuer aber offenbar noch zu jung, wie aus dem Schreiben an die Alpen-Initiative hervorgeht. Dieses ging auch an die Cipra Schweiz, den Dachverband der schweizerischen Alpenschutz-Verbände, der im ganzen Alpenraum am selben Datum jeweils 20 bis 30 Höhenfeuer koordiniert – dieses Jahr 8 davon in der Schweiz.
Kein Verbot ausserhalb Uris
Bei der Cipra hat man kein Verständnis für die Intervention. «Da wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht», ärgert sich Stefan Grass, der für die Koordination der «Feuer in den Alpen» zuständig ist. Es handle sich lediglich um grössere Familienfeuer, deren Schadstoff-Ausstoss gemessen am Total aller Grillfeuer vernachlässigbar sei. Dies umso mehr, als die Cipra grossen Wert auf ökologisches Feuern lege: Sie verwendet nur trockenes, unbehandeltes Holz, was die Luftbelastung stark reduziert. Aufgeschichtet wird dieses Holz erst kurz vor dem Anzünden, damit nicht eingenistete Tiere den Flammen zum Opfer fallen. Und bestehen wegen Hitze und Waldbrandgefahr lokale Feuerverbote, halten sich die Alpenschützer daran.
Dem Druck der Urner wollen sie sich aber nicht beugen, zumal aus anderen Kantonen bisher keine solchen Briefe eingetroffen sind: «Wir werden weiterhin symbolische Feuer anzünden – einfach nicht im Kanton Uri», so Grass.
Angst ums Image
Dies täte auch die Alpen-Initiative gerne, welche die Argumentation der Umweltbehörden ebenfalls nicht nachvollziehen kann. Sie will sich aber nicht auf einen juristischen Streit einlassen. Denn zumindest in einem Punkt muss Geschäftsführer Alf Arnold dem Urner Umweltamt recht geben. «Es wäre vom Image wohl schwierig zu vermitteln, wenn wir weiterhin mit rauchenden Feuern gegen die Emissionen des Verkehrs ankämpfen», räumt er ein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.07.2010, 23:48 Uhr
Kommentar schreiben
19 Kommentare
Dieser Artikel zeigt vor allem zwei Dinge: Das Urner Umweltamt hat mit dem Verbot des Höhenfeuers unverhältnismässig interveniert und die Zeitungen "Der Bund", "Berner Zeitung" und "Tages-Anzeiger" - alle haben den Artikel publiziert - positionieren sich mit dem verzerrenden Titel "Umweltschützer schädigen die Umwelt" in der Boulevard-Ecke. Antworten
Es ist verhältnisblödsinnig, auf die Feuer in den Alpen zu verzichten, schlicht lächerlich. Dass sich die Alpeninitiative von dieser entgleisten Einschätzung des Urner Umweltamts beeindrucken lässt, ist mehr als bedauerlich. Nur ein kleiner Hinweis: ein einziger Kampfjetflug frisst gleich viel Brennstoff wie zwei kleinere Einfamilienhäuser während eines Jahres verbrauchen... Spart da, wo es hilft! Antworten
Schweiz
Schweiz
Meistgelesen in der Rubrik Schweiz
- 1Roger de Weck in der Kritik
- 2Rohe Gewalt als Markenzeichen
- 3300 Einsprachen gegen Bauprojekte – Initianten gehen auf die Barrikaden
- 4Die seltsame Vergabepraxis des Bundesamts für Migration
- 5Möglicher Euro-Austritt: Bund arbeitet an Notfallplan
- 6«Die Schweiz muss intensiver nach Steuerbetrügern fahnden»
































