Unter die magische Marke – Schweizer Renten im freien Fall

Fünf Prozent galten bisher als unantastbar: Nun senken Pensionskassen die Umwandlungssätze deutlich unter diese Schwelle.

Werden auch jüngere Generationen ihren Lebensabend noch geniessen können? Ein Rentnerpaar auf dem Rigi-Gipfel. Foto: Look

Werden auch jüngere Generationen ihren Lebensabend noch geniessen können? Ein Rentnerpaar auf dem Rigi-Gipfel. Foto: Look

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Mit der Rentenreform, über die das Parlament zurzeit debattiert, soll der Umwandlungssatz der obligatorischen Beruflichen Vorsorge von 6,8 auf 6,0 Prozent gesenkt werden, was einer Rentenkürzung von 12 Prozent entspricht. Grund für diese Massnahme ist die gestiegene Lebenserwartung. National- und Ständerat streiten zurzeit darüber, ob sie diese Rentenkürzung ausschliesslich mit höheren Einzahlungen in die zweite Säule oder auch noch mit einem AHV-Zuschuss kompensieren wollen.

Doch für 85 Prozent der Erwerbstätigen mit zweiter Säule geht diese Diskussion an der Realität vorbei. Denn immer mehr Pensionskassen senken den für die Rentenhöhe entscheidenden Umwandlungssatz auf 5 Prozent oder tiefer. Die Schwelle von 6 Prozent haben die meisten längst unterschritten. Die Pensionskassen können dies tun, wenn sie ihren Versicherten Leistungen bieten, die über dem gesetzlichen Minimum liegen. Das Problem für die Versicherten ist jedoch, dass es den Unternehmen und ihren Pensionskassen freigestellt ist, ob sie Kompensationsmassnahmen ergreifen. Viele der künftigen Rentner haben grosse Rentenkürzungen zu gewärtigen.

Umfrage

Umwandlungssätze unter 5 Prozent: Können Sie das verstehen?

Ja, das liegt an der gestiegenen Lebenserwartung.

 
23.1%

Nein, das ist Rentenklau.

 
55.6%

Dass Senkungen nötig sind, ist klar, aber nicht so drastisch.

 
21.4%

6201 Stimmen


Länger als bis 65 arbeiten

Einen der tiefsten Umwandlungssätze hat die Pensionskasse des Rüstungskonzerns Ruag mit aktuell 4,57 Prozent. Sie gehörte neben der Vorsorgeeinrichtung des Kantons Zürich BVK und der Pensionskasse der CS zu den Ersten, die die Marke von 5 Prozent unterschritten. Nun macht ihr Beispiel Schule. Mehrere Kassen haben kürzlich eine drastische Senkung der Umwandlungssätze beschlossen. So geht die Pensionskasse von Tamedia von aktuell 5,28 bis 2020 auf 4,6 Prozent hinunter. Die Kasse von Axel Springer Schweiz senkt bis 2020 auf 4,9 Prozent. Die Sulzer Vorsorgeeinrichtung geht bis 2021 auf 4,8 Prozent und die Pensionskasse der Zürcher Kantonalbank von 5,55 auf 4,5 Prozent. Bei der ZKB gilt dieser Satz allerdings erst für Mitarbeiter ab Jahrgang 1960 und bei einem Pensionierungsalter von 62.

Umwandlungssätze unter 5 Prozent bildeten die versicherungstechnische Realität ab, sagt Pensionskassenexperte Olivier Deprez. Die Senkung sei eine Folge der tiefen Renditen auf den Kapitalmärkten. Deshalb legten die Pensionskassen für die erforderliche Verzinsung des Kapitals ihrer Rentner einen Satz von 2,0 Prozent oder tiefer fest. Dies widerspiegle die langfristigen Erwartungen auf den Kapitalmärkten. Daraus ergebe sich versicherungsmathematisch die Senkung des Umwandlungssatzes auf unter 5 Prozent. «Dies ist der Trend, dem die meisten Kassen folgen werden», sagt Deprez. Sonst müssten Versicherte und Arbeitgeber die Pensionierungsverluste über Umverteilungen finanzieren. Falls aber die Kasse bei der Senkung des Umwandlungssatzes keine Ausgleichsmassnahmen vorsehe, um das Leistungsziel zu erhalten, bleibe manchen Versicherten künftig kaum etwas anderes, als über das Alter von 65 hinaus zu arbeiten, sagt Deprez.

In der Debatte über die Rentenreform sieht sich die Linke darin bestätigt, die Senkung des gesetzlichen Umwandlungssatzes unter anderem mit der Erhöhung der AHV-Renten zu kompensieren. «Die zweite Säule ist ein Fass ohne Boden», sagt SP-Fraktionschef Roger Nordmann. «Die Absicht von SVP und FDP, massiv mehr Geld in die zweite Säule zu leiten, ist nicht vertretbar.» FDP-Nationalrätin Regine Sauter verteidigt die Kompensation in der zweiten Säule durch mehr Kapital. Den Sinn der zweiten Säule sieht sie durch die deutliche Senkung der Umwandlungssätze im Überobligatorium nicht infrage gestellt. «Nach wie vor handelt es sich um eine privilegierte Form des Alterssparens.»

«So geht zweite Säule kaputt»

Für den Berner Pensionskassenexperten Werner C. Hug greift die Sicht der Versicherungsexperten zu kurz. «Die zweite Säule ist keine Lebensversicherung, sondern eine Vorsorgeeinrichtung, mit der ein Unternehmen für seine Mitarbeiter vorsorgt.» Hug hält Umwandlungssätze unter 5 Prozent für ungerechtfertigt, weil sie von übertriebenem Sicherheitsdenken ausgingen. «Mit einem Umwandlungssatz von unter 5 Prozent macht man die zweite Säule kaputt.» Ein Versicherter erhalte mit 65 nicht mal mehr jenen jährlichen Anteil seines Kapitals ausbezahlt, den er aufgrund der durchschnittlichen Lebenserwartung bekommen müsste. Die Ursache für diese Entwicklung sieht Hug darin, dass die Stiftungsräte der Pensionskassen die Entscheidungen faktisch an Versicherungsexperten delegierten.

Video – wieviel Geld braucht es im Alter?

«Mit 4000 Franken Rente kommt man durch»: Umfrage auf der Strasse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 06:51 Uhr

Rechenbeispiel

Rentenkürzung um ein Viertel

Die Senkung des Umwandlungssatzes hat Folgen für die Rentenhöhe. Wenn eine Pensionskasse bisher einen Umwandlungssatz von 5,5 Prozent anwendete und für den Versicherten bei Erreichen des 65. Altersjahrs ein Alterskapital von 500'000 Franken berechnete, ergab dies eine Altersrente von jährlich 27'500 Franken oder monatlich

2292 Franken

Senkt die Pensionskasse nun den Umwandlungssatz auf 4,5 Prozent, ergibt dies noch eine voraussichtliche Jahresrente von 22'500 Franken oder eine Monatsrente von

1875 Franken

Wer in einer Kasse mit überobligatorischen Leistungen versichert ist, erleidet im Beispiel eine Rentenkürzung um 18,2 Prozent. Diese kann gemildert werden, indem die Sparbeiträge erhöht werden oder die Pensionskasse oder der Arbeitnehmer zusätzliches Kapital einschiessen. Überobligatorische Leistungen können aus höheren Beiträgen an die Pensionskasse bestehen, als sie das Gesetz vorschreibt. Im Überobligatorium ist auch, wer über 84'600 Franken im Jahr verdient. (br)

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