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Unterm Schleier: Der Burka-Test

Von Video: Roman Weber Text: Stephanie Hess. Aktualisiert am 21.10.2009

Gemäss Umfragen möchten die Schweizerinnen und Schweizer die muslimische Vollverschleierung am liebsten verbieten. Weshalb nur? Die Burka hat ihre Vorteile, wie ein Selbstversuch zeigt.

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Braucht es ein Burka-Verbot?



«Man muss die Burka in der Schweiz verbieten», sagte Ebadullah Mehtinezhad, Exil-Iraner und Präsident der Ex-Muslime Schweiz, in der letzten Ausgabe der Zeitung «Sonntag». «Die Burka ist ein Gefängnis und ein Zeichen für die Unfreiheit der Frau», meinte Mehtinezhad. Das Kleidungsstück verhindere die Integration. «Islamisten sind gegen die Integration. Sie wollen separate Schulen, separate Schwimmbäder, eine separate Rechtssprechung – das kann nicht sein: Wir sind hier in der Schweiz.»

Tagesanzeiger.ch / Newsnetz startete daraufhin eine Umfrage unter den Leserinnen und Lesern. Resultat: 80 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprachen sich für ein Verbot der Burka aus.

Wie stark ist die Abneigung gegen verschleierte Frauen in der Schweiz?, fragten wir uns drauf und starteten einen Selbstversuch. Wir wollten herausfinden, wie sich eine stark verschleierte Frau in der Schweizer Öffentlichkeit fühlt, wie sie als Frau wahrgenommen wird und wie viel Abneigung ihr wegen ihres Aussehen entgegen schlägt.

Der Saum des Kopftuchs schneidet in meine Stirn. Der Schleier spannt sich um meinen Mund, er riecht nach einem würzigen Parfum – nach einer Welt, die ich nicht kenne. Wenn ich spreche, wird der Stoff vor meinem Mund feucht. Die Luft ist knapp. Am Körper trage ich ein bodenlanges, weites, schwarzes Kleid; es fühlt sich an wie Seide und deckt knapp meine schwarzen Stiefelspitzen. Nur noch zwei dunkle Augen blicken aus dem Spiegel zurück, inmitten eines schwarz abgedeckten Gesichts. Wenn ich lache, erkennt man nichts, nichts ausser einem Zucken um die Augen.

Ich stehe im «Dar El Manar», einem Zürcher Geschäft für muslimische Kleider. Eine somalische Freundin der Geschäftsführerin hilft mir in die Tücher, die Chefin selbst darf sich nicht filmen lassen – das verbiete ihr der Glaube. Die Somalierin lacht, als ich es schliesslich mehr schlecht als recht schaffe, das schwarze Dreiecktuch über meine Nase zu ziehen und hinter dem Kopf zu verknoten. «Wie ein Töfflibub, damit die Nase abgedeckt ist», sagt sie, «nicht mal Ihre Mutter würde Sie jetzt noch erkennen.» Ich sehe nochmals in den Spiegel und erschrecke kurz.

«Ja, jetzt sehen Sie aus, wie eine sehr strenggläubige Muslima», meint nun auch die Geschäftsführerin, «aber wissen Sie: Hier in der Schweiz laufen eigentlich kaum Frauen so stark verschleiert herum wie Sie jetzt.»

Wie die Nase putzen?

Ich gehe in Richtung Paradeplatz, versuche, langsam zu schlendern, um ein Bankgebäude herum. Ich spüre, wie die Blicke an mir hängen bleiben, ahne die Musterung aus dem Augenwinkel, wage nicht, mich umzuschauen. Wieso, weiss ich nicht. Bei der Tramstation Paradeplatz stösst eine Passantin auf meiner Höhe ein «Oh, jesses Gott!» in den Himmel, eine zweite Frau schüttelt den Kopf. Viele Leute blicken mich nur ganz kurz an, sehen sofort wieder weg.

Ich studiere die Abfahrtszeiten der Trams - und dann kommts wie aus dem Hinterhalt: «Scheiss Muslime!», zischt ein älterer Herr, «huere Al-Qaida, da!» Dann ist der Mann schon wieder weg, verschwunden in der Menge.

Meine Burka flattert im Wind, ich muss mich darauf konzentrieren, nicht auf den Saum zu treten. Ich setze mich auf eine Bank mitten auf dem Paradeplatz, neben eine junge Frau, die eine Zigarette raucht. Ich starre auf meine Fussspitzen, die knapp unter dem schimmernden Kleid hervorragen, der viele Stoff hält mich warm. Nur die Nase läuft wegen des Windes, der mir ins verhüllte Gesicht schlägt. Ich überlege mir, wie ich die Nase putzen könnte – mir fällt ein, dass ich ohnehin kein Taschentuch dabei habe.

Der Verlust der weiblichen Reize

Auf dem Weg zur Münsterbrücke sehe ich mich im Schaufenster, meine Augen im schmalen Sichtfenster und das wallende Gewand. Ich bin eine andere Frau und vor allem – nach westlicher Definition – viel weniger Frau. Keine Körperform, kein erkennbares Gesicht, keine Haare. Ein Mann, den ich am Schluss meines Selbstversuchs in ein Gespräch verwickle, meint zu diesem Thema: «Ich finde es schade, dass ich nicht mehr von Ihnen sehe. Sie sind sicher eine junge, hübsche Frau.» Vielleicht rührt die Abneigung einiger Männer gegen diese wenig körperbetonte Kleidung ja auch daher, dass ihnen damit die weiblichen Reize vorenthalten werden, an die sie sich bei der heutigen Mode schon lange gewöhnt haben.

Für eine Frau hat das Sich-Verhüllen durchaus Vorteile. Als ich allerdings meinen Burka-Test nach zwei Stunden wieder beende, bin ich glücklich darüber, dass ich die Freiheit habe zu entscheiden, ob ich es tun will. Oder eben nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.10.2009, 19:23 Uhr

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