Schweiz

Unterwegs mit dem Sprachrohr der Nacktwanderer

Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 20.04.2009 33 Kommentare

Der Naturist P. G. und seine elf Freunde wandern gerne nackt. Kommenden Sonntag will ihnen die Appenzeller Landsgemeinde das verbieten. Aber P.G. lässt sich nicht einschüchtern.

Unterwegs mit Sack und Pack: Der Redaktor mit P.G.

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P.G.* ist ein lustiger Mann: 54 Jahre alt, wohnhaft in Zürich, frühpensionierter Ingenieur, redselig, lebensfroh, schütteres Haar, Vater zweier Söhne. Er ist in der Schamgegend rasiert und - vielleicht ein bisschen - «ein Spinner», wie er selber sagt, aber ansonsten garantiert ungefährlich, was eigentlich nur seine Nachbarin anders sieht.

Und doch hat der gebürtige Berner Grottenpösch erbitterte Feinde. Sie sind viele, und sie wohnen im Appenzellerland. Genauer: rund um den Alpstein, dem bevorzugten Wanderrevier Grottenpöschs und seiner Freunde, die mit nichts als Wanderschuhen und roten Socken bewehrt in den Kampf gegen das bodenständige Appenzellervolk gezogen sind. Denn die Appenzeller wollen das Nacktwandern verbieten.

Vom Alp-Senn zum Teufel gejagt

Am 26. April entscheidet die Innerrhoder Landsgemeinde über ein neues Übertretungsgesetz. Dieses soll Polizisten ermöglichen, Nacktwanderer bei allfälligen Begegnungen auf der Stelle zu büssen und den sittengemäss bekleideten Zustand wiederherzustellen. «Das Gesetz wird angenommen werden, ganz sicher, aber es nützt ihnen nichts», sagt Grottenpösch. Die Rechtslage auf Bundesebene garantiere das Recht auf öffentliche Nacktheit, selbst wenn dadurch Ärgernis erregt werde, die Kantone könnten daran nichts mehr ändern.

«Nacktheit ist erlaubt, solange sie nicht mit einer sexuellen Motivation zur Schau gestellt wird», sagt Grottenpösch in seinem ostschweizerisch eingefärbten Dialekt. Auch die Wanderer, deren Wege sich mit dem des nackten Grottenpösch kreuzen, haben kein Problem mit seiner Nacktheit. Einzig ein Senn habe ihn einst Zeter und Mordio schreiend von seiner Alp gejagt. Er hat seinen Kälblein den gottlosen Anblick ersparen wollen.

Opfer einer Verwechslung

Über 30 Jahre lang ist der stets nahtlos braun gebrannte Grottenpösch nackt durch die Wälder, Täler und Berge der Schweiz geschritten, ohne grosses Aufsehen zu erregen. Warum er es tut? «Um die Freiheit in der Natur zu spüren, die ich schon als Kind so gemocht hatte», sagt der in einer prüden Akademikerfamilie Aufgewachsene.

Doch im letzten September ist das Nacktwandern für ihn zur Mission geworden: Appenzeller Polizisten hatten einen unbescholtenen Nacktwanderer im Alpsteingebiet gesucht, gefunden und kurzerhand verhaftet. Der Mann wurde laut Grottenpösch zwei Stunden lang verhört. Wo die anderen «Blüttler» seien, wollten die Beamten wissen. Der Nacktwanderer war Opfer einer Verwechslung geworden. Eigentlich hatten die Polizisten ein halbes Dutzend Nackte um Grottenpösch gesucht, die zufälligerweise in der gleichen Woche den Alpstein gehäuft bewanderten.

Nachbarin wehrt sich mit Spiegeln

Die Verhaftung und dazu die Sprüche des Innerrhoder Polizeisprechers Paul Broger, dass sich das Problem im Winter von selber löse, haben Grottenpösch herausgefordert. «Wir gingen also extra auch im Winter in den Alpstein, um für unser Recht einzustehen», sagt Grottenpösch und weist jegliche Lust an der Provokation von sich. Die Aufmerksamkeit habe man gesucht, ja. Aber nicht die Aufregung. «Ich laufe nicht nackt durch ein Dorf oder eine Siedlung, das ist sinnlos, weil keine natürliche Umgebung», sagt Grottenpösch.

Seither haben Journalisten der «New York Times», des «Times Magazine» und vieler anderer Medien Grottenpösch - der sich konsequent nur von nackten Journalisten in der Natur interviewen lässt - die Ehre erwiesen und seine Botschaft verbreitet. Grottenpöschs PR-Dienste am Nacktwandertum sind beachtlich. Das Echo sei den tatsächlichen Grössenordungen des Problems gar nicht mehr angemessen. Ausser ihm seien in der Schweiz nur elf weitere bekennende Nacktwanderer unterwegs. Das ändert nichts daran, dass Grottenpösch momentan der berühmteste Naturist der Welt ist. Er und der Appenzeller Alpstein als «Naked Hiking Paradise» finden weltweite Beachtung.

Zu viele Mücken, zu kalt

Die neue Bekanntheit hat für Grottenpösch nicht nur erfreuliche Folgen. «Mein Auto ist mit Eiern beworfen worden, und meine Nachbarin hat Spiegel in den Garten gehängt, die die böse Energie aus meiner Umgebung zurückwerfen sollen», klagt Grottenpösch. Die Appenzeller Landsgemeinde wird er nicht mitverfolgen. Er weilt seit einer Woche in seinem Häuschen in Lappland.

Nacktwandern werde er dort nicht, versichert er. «Es ist zu kalt. Und nach der Schneeschmelze hat es zu viele Mücken im hohen Norden, Sie verstehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2009, 08:35 Uhr

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33 Kommentare

Daniel Glauser

20.04.2009, 19:46 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Ich versteh das Problem nicht. Ich versteh weder die Nacktwanderer noch die Moralisten. Von mir aus können die doch nackt wandern, wenn es ihnen Freude macht. Konsequenterweise sollte man ihnen aber auch die Schuhe und die Sonnenhüte wegnehmen. Antworten


Roland Horni

28.04.2009, 11:12 Uhr
Melden

Soraya Moana, bei dieser "Dichte" der Nacktwanderer wäre es wie ein 6er im Lotto, wenn Sie einem begegnen würden! ca. 14 in CH! Hier wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht, Probleme hat die Menschheit! Und wenn ich mit den Kindern so einem begegnen würde, ich denke die Kinder würden sich kullern vor Lachen. Ausserdem hoffe ich, dass Sie wenigstens nackt nicht ekelerregend sind....;-) Antworten



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