Vallorbe, einfache Fahrt

65 Roma werden in Ungarn auf die Strasse gestellt. Sie verkaufen ihr Hab und Gut und machen sich auf den Weg in die Schweiz, wo sie Asyl beantragen möchten.

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«Der Bus ist da!» Irgendwo von der Strasse kam der Ruf. Und nun wird es hektisch im Haus der Familie Galamb in der nordungarischen Stadt Miskolc. Vater Laszlo schleppt Koffer und Taschen in den Hof, Mutter Anita packt die Essenspakete für die lange Fahrt ein. Die achtjährige Tochter Bianca küsst ein letztes Mal ihre Freundinnen, im Arm hält sie ihre Lieblingspuppe Monica. Ihre ältere Schwester kehrt den Boden in der leeren Küche. «Aber nicht zur Tür», mahnt die Mutter, «sonst kehrst du das Glück hinaus.» Dann versperrt der Vater das Tor, und die Grossfamilie geht über die Strasse Nummer 6 Richtung Busparkplatz. Aus den Nachbarhäusern schliessen sich Menschen mit Roll­koffern und Reisetaschen an. Die Kinder lachen, die Erwachsenen weinen.

65 Menschen verlassen am vergangenen Sonntagabend die Roma-Siedlung, deren Strassen nur Nummern haben. Viele Kinder sind dabei, einige noch kein Jahr alt. Sie kehren ihrer Heimat den Rücken und wollen in der Schweiz um Asyl ersuchen. Sie haben einen Reisecar gemietet, der sie nach Vallorbe im Waadtland bringen soll. In Miskolc, sagen sie, «gibt es für uns keine Zukunft.» Die Stadtverwaltung löst sämtliche Mietverträge in der Siedlung der Nummernstrasse auf. Ersatzquartiere oder finanzielle Entschädigung bekommen die Roma nicht. Aber sie wissen aus Erfahrung: Am Tag des Räumungstermins werden Gerichtsvollzieher und Polizei vor der Tür stehen. «Sind wir erst einmal obdachlos, wird uns das Sozialamt auch noch unsere Kinder wegnehmen», fürchtet Galambs Frau Anita.

Hausschwein geschlachtet

In den vergangenen Wochen hat die Familie Betten, Schränke, Flachbildfernseher verkauft. Am Tag vor der Abfahrt wird das Hausschwein geschlachtet. Die Nachbarn zerlegen sogar ihr Toilettenhäuschen im Hof, damit niemand die Bretter stehlen kann.

Warum Asyl? Warum in der Schweiz? Als EU-Bürger könnten sich Roma überall in der Union niederlassen. Aber um sich eine neue Existenz ohne staatliche Hilfe aufzubauen, fehlt nicht nur das Geld. Es fehlen Bildung und Selbstvertrauen. Von den Roma, die in die Schweiz wollen, kennen nur die Ältesten die Arbeitswelt. Die anderen wuchsen in Abhängigkeit von Hilfe auf. «Die Schweizer sind gut zu den Armen und Schwachen», sagt eine Frau: «Das kann man im Internet lesen.» Von einem «schönen, starken Land» schwärmt eine andere.

Roma müssen Stadt verlassen

Tatsächlich kam der Vorschlag von einem Verwandten der Galambs, der in Genf lebt. Aus der Idee wurde ein Plan. Und wer davon hörte, wollte mit. Die Roma sagen «Schweiz» und denken an gute Schulen für ihre Kinder, an moderne Spitäler für die Kranken. Von strengen Asylgesetzen und der Zuwanderungsinitiative haben sie nichts gehört. Oder wollen es nicht wissen.

Am Abend versammeln sich jene, die gehen, und jene, die zurückbleiben, auf dem Parkplatz vor dem Stadion des Fussballklubs Diosgyör VTK. Der Bus ist doch noch nicht da. Die Sonne verschwindet hinter dem Bükk-Gebirge, es wird rasch kalt. Von einem Plakat lächeln Bürgermeister Akos Kriza und Regierungschef Viktor Orban: «Wir bauen die Gemeinschaft auf.» Es hängt da seit den Kommunalwahlen, die Kriza klar gewann. Ebenso klar war für die Roma Krizas Botschaft, dass sie in der Gemeinschaft nicht erwünscht seien und die Stadt verlassen müssten.

Nicht wie im Ghetto

Miskolc war Zentrum der ungarischen Schwerindustrie. Das Stahlwerk Diosgyör gab 18'000 Menschen Arbeit, darunter vielen Roma. Mit der Wende begann der Niedergang, bis das Stahlwerk vor fünf Jahren endgültig schloss. Wer eine gute Ausbildung hatte, zog nach Westungarn. Die Roma blieben. In Miskolc bauten zwar Nestlé, Bosch und Lidl Produktionsstätten und Supermärkte, aber sie schufen zu wenige Arbeitsplätze und zahlen nur den ungarischen Mindestlohn, knapp 300 Franken im Monat. Damit kann man keine Wohnung bezahlen. Die Preise steigen auch in Ungarns ärmster Region an.

Die Siedlung der Nummernstrassen mag verwahrlost aussehen. Ein Slum ist sie nicht. Die Strassen zwischen den langgestreckten, ebenerdigen Ziegelbauten sind beleuchtet und asphaltiert. Viele Wohnungen haben neue Fenster und Böden, von den Mietern bezahlt und verlegt. Nur die Kanalisation fehlt. Mit dem Geld der EU baute die Stadtverwaltung lieber Radwege und sanierte eine Tramlinie, die an der Siedlung vorbeiführt. Ghetto? Nein, Sandor Lakatos fühlte sich nie wie im Ghetto. Der ehemalige Stahlarbeiter und Vater dreier Kinder liess auf eigene Kosten einen Wasseranschluss legen, damit er nicht mehr das Wasser vom Brunnen holen musste. Dennoch steigt er mit seiner Frau in den Bus. Die Gemeinde wollte sie im September delogieren, vor Gericht konnten sie einen Aufschub um ein halbes Jahr erzwingen. Mitten im Winter aber würden sie auf der Strasse stehen. Die Frage, was er sich in der Schweiz erhoffe, beantwortet er ebenso vage wie seine Mitreisenden: Sicherheit. Nicht mehr als «dreckiger Zigeuner» beschimpft und bespuckt werden. Nicht mehr Polizei und Neo­nazis fürchten müssen.

Falsche Hoffnung Kanada

Die Zigeuner sollen verschwinden – da sind sich die Linke, die konservative Regierungspartei Fidesz und die rechtsextreme Jobbik einig. Die Behauptung, Verbrechen würden ausschliesslich von Roma begangen, kam vom Polizeichef, der nun für die Linke als Bürgermeister kandidierte. Jobbik organisierte Märsche gegen die angebliche «Zigeunerkriminalität», die paramilitärische Ungarische Garde provozierte Schlägereien.

Statt der Siedlung der Nummernstrassen ist ein Parkplatz für Reisecars geplant. Das ist ein Teil des Ausbauprojekts für das benachbarte Stadion von Diosgyör VTK. Es soll auf 15 000 Plätze erweitert und auf Uefa-Niveau gebracht werden. Als die Delogierungen begannen, schrieben Zeitungen von einem unmoralischen Angebot der Stadt: Zwei Millionen Forint (7800 Franken) sollten die Betroffenen bekommen, wenn sie sich im Gegenzug verpflichteten, die Stadt mindestens fünf Jahre nicht mehr zu betreten. In den neuen Kündigungsschreiben gibt es kein Angebot mehr.

«Gott sei Dank, dass die abhauen»

Es ist in Miskolc nicht schwer, Abneigung und blankem Hass gegen Roma zu begegnen. Als die Auswanderer durch die nummerierten Strassen zum Busparkplatz ziehen, steht eine ältere Frau am Strassenrand und sieht der Prozession staunend nach und sagt dem Journalisten: «Gott sei Dank, dass die abhauen. Wollen nichts arbeiten, aber vermehren sich wie die Ratten. Wir brauchen sie hier nicht.» Eine andere Frau kommt hinzu, erzählt von Holzdiebstählen in der Nachbarschaft und gibt der Schweiz den Rat, «denen bloss kein Geld in die Hand zu drücken». Die ethnische Grenze scheint in Miskolc unüberwindbar. In der Stadt spricht man über Roma im besten Fall als «die Fremden». Gemischte Beziehungen gibt es kaum.

Für einige Familien ist es nicht die erste Emigration. Als in den Jahren 2008 und 2009 die rechtsextreme Ungarische Garde immer stärker wurde und gleichzeitig heimtückische Morde an Roma das Land erschütterten, ging das Gerücht, Kanada würde ungarische Roma aufnehmen. Hunderte Familien verliessen das Land, darunter auch die Galambs und ihre Nachbarn aus der 6. Strasse. In Toronto wurden sie nicht mit offenen Armen empfangen, aber doch mit Respekt, den sie in Ungarn nicht gekannt hatten. Laszlo Galamb bekam Arbeit in einer Werkstätte. Weil er oft länger als die anderen arbeitete, gab ihm sein Chef die Schlüssel. «Er vertraute mir», staunt Galamb heute noch.

«Und was, wenn es nicht klappt?» Niemand antwortet.

Der zwölfjährige Nachbarssohn Adrian wurde in Toronto in die Fussball­akademie aufgenommen und spielte mit schwarzen und weissen Kindern, «die Hautfarbe war kein Thema». Er lernte Englisch und spielte so gut, dass ihn sein Trainer für ein Sommercamp in Italien auswählte. Aber Kanada gewährte den Roma doch kein Asyl. Sie kamen zurück. Adrian bewarb sich bei der Jugendmannschaft von Diosgyör. Nach zwei Wochen wurde er hinausgeworfen. «Meine Haut war zu dunkel», glaubt er.

Ein weisser Reisecar fährt auf dem Parkplatz vor. Der Moment des Abschieds ist gekommen. Etwas abseits steht ein älterer Mann, dessen Sohn mit Frau und drei kleinen Kindern vor einigen Wochen mit dem Zug in die Schweiz fuhr. Jetzt lebt er mit seiner Frau und kleinen Kindern im Aufnahmezentrum für Asylbewerber in Kreuzlingen. «Und was, wenn es nicht klappt?», fragt der Mann: «Wenn sie nicht aufgenommen werden, hier aber alles verkauft und verloren haben?» Niemand gibt eine Antwort. Niemand will die Frage hören.

Die Kinder staunen

Der Busfahrer erfährt erst jetzt, dass er Roma quer durch Europa fahren muss und versucht gar nicht, seinen Ärger zu verbergen. Wütend quetscht er das Gepäck in den Frachtraum. Dann fährt der Car hinein in die Nacht. 22 Stunden dauert die Fahrt quer durch Ungarn, Österreich und die Schweiz. Als der Bus durch das Zentrum von Budapest fährt, staunen die Kinder: So viele Lichter! So viele Fast-Food-Lokale! Später erbrechen sie, und der Geruch bleibt im Car hängen. Bald nach der österreichischen Grenze schlafen die meisten ein. Am nächsten Nachmittag kommen sie in Vallorbe an und ersuchen um Asyl. Der Car fährt nur ins Dorfzentrum, die letzten Meter zum Empfangs- und Verfahrenszentrum legen sie zu Fuss zurück, Taschen und Koffer in den Händen, Kleinkinder auf den Schultern. Innert weniger Stunden wird die Gruppe geteilt. Ein Teil bleibt in Vallorbe, ein anderer kommt nach Basel, ein dritter in die Umgebung Zürichs. Die Mobiltelefone müssen sie abgeben.

In Miskolc machen sich inzwischen die Nächsten zum Aufbruch bereit. Die Nachbarn der Galambs haben schon im Reisecar gebucht: Vallorbe, einfache Fahrt. Etwa 80 Franken pro Sitzplatz. Auch sie haben schon von der Stadtverwaltung die Kündigung bekommen. «Gehen müssen wir sowieso», sagen sie: «Warum nicht gleich in die Schweiz?» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.10.2014, 23:57 Uhr)

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Kaum Chance für Roma

Das Bundesamt für Migration will innert weniger Tage über die Anträge der 65 un­garischen Asylbewerber entscheiden, sagt Sprecherin Celine Kohlprath. Ihre Chancen sind minimal. Kein einziger Antrag aus Ungarn wurde in den letzten Jahren positiv erledigt, das Mitgliedsland der EU gilt aus Schweizer Sicht als sicher. Nun geht es eher um die Modalitäten der Rückführung. Gestern gab es dazu ein Gespräch von Vertretern der Migrationsbehörde mit dem ungarischen Botschafter in Bern. Die Botschaft bestätigte dem TA den Kontakt, wollte dazu aber nicht mehr sagen. Der TA wollte auch eine Stellungnahme vom Bürgermeister der Stadt Miskolc. Die Anfrage wurde nicht beantwortet. Sollten die Gesuche abgelehnt werden, dürften die Roma sofort mit dem Bus oder Zug zurückgeschickt werden. Als EU-Bürger hätten sie zwar theoretisch das Recht auf Aufenthalt in der Schweiz, aber dafür müssten sie nachweisen, dass sie entweder Arbeit oder finanzielle Mittel haben. In Miskolc leben rund 25'000 Roma, etwa 600 sollen in nächster Zeit von der Gemeindeverwaltung delogiert werden. Weitere Cars für die Reise in die Schweiz sind für Anfang November bestellt. In den letzten Wochen reisten einige Familien auch mit dem Zug hierher. (bo)

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