Vals hat genug vom Dorfkrieg

Seit Jahren streiten die Valser um die Baupläne des Unternehmers Remo Stoffel. Jetzt lädt sein Mitarbeiter Pius Truffer die Gegner zum runden Tisch.

Der Investor und der Dorfkönig: Remo Stoffel (links) und Pius Truffer während einer Informationsveranstaltung im Oktober 2015. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Der Investor und der Dorfkönig: Remo Stoffel (links) und Pius Truffer während einer Informationsveranstaltung im Oktober 2015. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone) Bild: Walter Bieri/Keystone

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Pius Truffer, der Steinebrecher von Vals, ist ein Meister der Inszenierung und der Strategie. Es passiert am Freitagabend kurz nach zehn an der Gemeindeversammlung in der überfüllten Turnhalle von Vals. Kaum haben die Stimmberechtigten in einer Kaskade von Abstimmungen überdeutlich entschieden, dass sie eine Mehrzweckhalle wollen und Bauherr Remo Stoffel dabei 1,5 Millionen der ursprünglich geplanten 12 Millionen Franken erlassen werden, kaum haben sich der Applaus und das Reden und Murmeln gelegt, schnellt Truffer von seinem Stuhl und schreitet in seiner behänden Art nach vorne. Truffer baut den Quarzit ab, mit dem die Valser Therme, der Bundesplatz und der Sechseläutenplatz belegt wurden, und er ist der Partner von Remo Stoffel, mit dem er ein Luxushotel in Turmhöhe hochziehen will.

Und Truffer ist ein Beschwörer. Man müsse die kritischen Stimmen im Dorf ernst nehmen, sagte er, sie in die künftige Entwicklung einbeziehen. Mit den kritischen Stimmen meint er die Gruppe Dorfbewohner um den Schriftsteller Peter Schmid, die vor vier Jahren aufseiten des Architekten Peter Zumthor stand, mit ihm zusammen aber die entscheidende Abstimmung verloren hatte. Nicht Zumthor sollte das Hotel der von ihm erdachten, weltberühmt gewordenen Therme renovieren, sondern Stoffel, der umstrittene Milliardär.

Pius Truffers Zorn

Schon vorher war die Stimmung angespannt im Dorf, seither schwelt ein Dauerkonflikt. Diesen möchte Pius Truffer beenden, indem er die Gegner an einen runden Tisch bittet. Die Einladung dazu werde er demnächst verschicken, präzisierte er in der «Schweiz am Sonntag», auch an Remo Stoffel selber.

Was hält die Gegenseite davon? Peter Schmid hat nichts gegen solche Gespräche. Aber damit man miteinander reden könne, sagt er auf Anfrage, müssten beide Seiten über alle Fakten verfügen. «Bis heute wissen wir nicht, was der einstige VR-Präsident Truffer beim Kauf der Therme für eine Rolle spielte, ob es geheime Abmachungen gab, welche die Gemeinde Millionen kosteten.» Pius Truffer wollte sich nicht zu den Bedingungen äussern und schrieb stattdessen: «Ich bin und bleibe sprachlos über diese zum Teil persönlichkeitsverletzende Hetzkampagne.» Aus seiner Reaktion wird nicht klar, ob er damit die Kritik seiner Gegner meint oder Artikel von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Aber Versöhnlichkeit klingt anders.

Dennoch: Pius Truffer hat mit seiner Einschätzung recht: Die Valserinnen und Valser haben genug vom Streit, der ihr Dorf auseinanderreisst. Die Debatte vom Freitagabend beeindruckt weniger als Beweis für gelebte Demokratie, die jeweils so gerne bemüht wird, wenn raue Bürger in wüsten Räumen heftig reden. Sondern sie gerät zum Protokoll einer kollektiven Verzweiflung.

Der erste von rund einem Dutzend Rednerinnen und Rednern sagte es am besten, Markus Rieder, ein Bauer mit weissem Bart und müdem Gesicht. Statt Freude herrsche Krieg im Dorf, bekennt er ins hingereichte Mikrofon. Wer an der Gemeindeversammlung das Wort ergreife, bekomme anonyme Post, erhalte ungebetenen Besuch, dem würde an der Versammlung das Wort entzogen. Dass der Remo anderthalb Millionen weniger zahlen müsse, das sei Vertragsbruch und koste die Gemeinde viel Geld.

Sie wollen Frieden mit sich

Dem widersprechen einige, darunter Treuhänder, die für Remo Stoffel arbeiten. Sie sagen, auch sie hätten den Streit satt, die schlechten Medienberichte. Worauf die von der Gegenseite auf den Versprechungen beharren. So geht das eine Stunde lang hin und her, der Applaus für Stoffels Gegner ist schütter und deutet an, wie deutlich ihr Zurückweisungsantrag ausfallen wird. Das Einzige, was aus allen Voten klingt, ist die kollektive Erschöpfung über diesen Dorfkrieg.

Das sagten die Valser zu den Hotelturm-Plänen, als diese im letzten März erstmals publik wurden.

Wer das Leben im Dorf schön findet, herzig, idyllisch, wer also in der Stadt lebt und vom Dorfleben keine Ahnung hat, sollte den Zug und dann den Bus nach Vals nehmen, sollte mit den Leuten reden und ihren Clans, sollte sich informieren über anonyme Hetze und drohende Anrufe, über das gedrückte Schweigen, das Einander-Ausweichen, über Intrigen und zerbrochene Freundschaften, und er wird benommen zurückfahren und denken, das Dorfleben ist die Hölle: Alle kennen einander, keiner kann entkommen.

Die in Vals möchten den Frieden haben mit sich selber.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2016, 09:59 Uhr

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