Verleger fordern: SRG soll bei Tessin, Personal und Reisen sparen
Von Maurice Thiriet. Aktualisiert am 04.05.2010 41 Kommentare
Artikel zum Thema
- Machtpolitik statt Service Public
- Diese SRG-Sender müssen um ihre Zukunft bangen
- SRG gräbt Millionen-Löcher
- SRG SSR verpasst sich neues Logo
Stichworte
Im Sommer befinden Medienminister Moritz Leuenberger und seine Kollegen über den Finanzbedarf der SRG für die Jahre 2011 bis 2014. Schaut keine Gebührenerhöhung heraus, müssen die SRG-Chefs jährlich 54 Millionen sparen. Oder zusätzlich einnehmen. Zusätzlichen Verdienst will die SRG vor allem mit Onlinewerbung generieren, die ihr bislang verboten ist. Für die privaten Verlagshäuser ist das ein Schreckensszenario. Sie versuchen, über ihre Onlineportale das zusammengebrochene Geschäft mit Zeitungsinseraten zu kompensieren. Für die Verleger besonders ärgerlich: Die SRG-Führung setzt den Bundesrat unter Druck, indem sie öffentlichkeitswirksam rät, ganze Programme einzusparen. So etwa Virus oder die Musikwelle.
40 Millionen bei Tessiner TV sparen
Nun nimmt Peter Wanner, Verleger der «Mittelland Zeitung», den Ball auf: «Das gesamte zweite Tessiner TV-Programm könnte man ersatzlos streichen, denn das braucht es nicht. Das Tessin ist zu klein für zwei Programme.» In der Tat profitieren die Tessiner im Verhältnis zu den anderen Regionen überproportional von der Umverteilung der Gebührengelder. Schützenhilfe erhält Wanner von Medienpolitiker und SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr. «Ich meine, dass im Tessin eine Überversorgung existiert. Insbesondere im Vergleich mit der rätoromanischen Schweiz», sagt Fehr. Bevor man dort Einschnitte mache, wo der Grossteil der Einnahmen herkommt, nämlich im deutschsprachigen Programm, sei zu prüfen, «ob nicht im Tessin ein Radio- und/oder Fernsehprogramm gestrichen werden könnte». Verleger Wanner prognostiziert eine Einsparung von «100 Millionen auf einen Schlag».
Diese Zahl ist wohl zu hoch gegriffen. Laut Geschäftsbericht 2008 haben die beiden Tessiner Fernsehprogramme zusammen 170 Millionen gekostet. Zweitprogramme machen in der Regel 30 Prozent der Kosten aus. Dennoch: Abzüglich der Werbeeinnahmen wären rund 40 Millionen einzusparen.
Schockierender Gedanke
Die Tessiner CVP-Nationalrätin Chiara Simoneschi-Cortesi ist alarmiert: «Schon nur der Gedanke ist schockierend. Das Tessin ist vielleicht eine kleine Region, macht aber einen grossen Teil der Schweiz aus», sagt Simoneschi-Cortesi. Und den Tessinern den zweiten TV-Sender zu streichen, sei nichts weniger als «ein Verbrechen an der Verfassung, auf die auch Hans-Jürg Fehr geschworen hat». Bevor der Gleichstellungsgrundsatz der Landesteile verletzt werde, solle man effizienter arbeiten: «In einem 1,6-Milliarden-Unternehmen muss es möglich sein, 54 Millionen zu sparen.» Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger der «Weltwoche», würde beim Management sparen. «Eine SRG-Führung, die hinsteht und sagt, ‹Wir können ohne schwerwiegenden Qualitätsverlust nicht sparen›, gehört sofort entlassen und durch ein schlankes, aber fähiges Führungsgremium ersetzt.»
Weniger aufgeregt ortet laut der «SonntagsZeitung» auch Preisüberwacher Stefan Meierhans Sparmöglichkeiten beim Personal. Dies zeige ein noch unveröffentlichter Bericht an den Bundesrat. In der Tat sind die Zusatzleistungen der SRG an ihre rund 6000 Angestellten im Branchenvergleich überdurchschnittlich.
Aus dem Vollen geschöpft
Auch Hanspeter Lebrument, Verleger der «Südostschweiz» und Präsident des Verbandes Schweizer Presse, ortet bei den Lohnkosten Potenzial: «Die SRG ist im Medienbereich dank Gebühren von über einer Milliarde der grosszügigste Arbeitgeber», sagt Lebrument. Man könne aber auch Programme streichen. «Die Reduktion von Fernseh- oder Radiosendern kann ohne Qualitätsverlust vollzogen werden. Immerhin hat die SRG 8 Fernsehstationen und 18 Radiosender», sagt Lebrument.
Als «störend» bezeichnet er die Reisen von SF-Moderatorinnen und -moderatoren, die zwar für die SRG nicht ergebnisrelevant, aber symbolisch seien: «Mumbai-Erfahrungen, Töff-Fahrten in Amerika und Rumtuckern in den fernsten Winkeln des Mekong lassen kaum darauf hindeuten, dass ein Unternehmen mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft. Es macht eher den Eindruck, dass aus dem Vollen geschöpft wird.»
Martin Wagner, Verleger der «Basler Zeitung», geht die SRG-Spar-Thematik humorvoll an und rät zur Kooperation: «Möglich wäre etwa die Abgabe von Unternehmensaufgaben und Unternehmensstrukturen an die privaten Medienunternehmen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.05.2010, 23:43 Uhr
Kommentar schreiben
41 Kommentare
In der Tat scheinen sie die SRG Buchhalter bis heute nicht bemerkt zu haben dass man sich bei roten Zahlen auch auf die Ausgabenseite konzentieren kann, statt wie bisher üblich einfach nach Gebührenerhöhung zu schreien. Und warum "Deal or No Deal" unbedingt in die Grundversorgung gehört und nicht ersatzlos gestrichen wird (stattdessen Testbild) hab ich bis heute nicht begriffen. Antworten






