Viele Schweizer sehen im Islam eine Bedrohung

Laut einer Studie plädieren die Schweizer für mehr Offenheit gegenüber anderen Religionen. Gleichzeitig passt der Islam für die Mehrheit der Befragten nicht zum Westen.

«Die persönliche Begegnung mit anderen Religionen ist ein Türöffner»: Ein Muslim an einer Demonstration in Luzern (Archivbild).

«Die persönliche Begegnung mit anderen Religionen ist ein Türöffner»: Ein Muslim an einer Demonstration in Luzern (Archivbild). Bild: Keystone

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Jeder zweite Schweizer nimmt den Islam als Bedrohung wahr; 58 Prozent sagen, er passe nicht in die west­liche Welt. Dies zeigt der neue Religionsmonitor der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Ein Team um Stephan Vopel hat dazu Ende letzten Jahres 14 000 Menschen in 13 Ländern, darunter der Schweiz, zum Thema Religion befragt.

Ein Fazit der Studie: Fast alle sagen, man müsse anderen Religionen gegenüber offen sein; die Mehrheit der Deutschen – für die Schweiz sind noch nicht alle Zahlen publiziert – empfindet die religiöse Vielfalt auch als bereichernd. Und doch: 64 Prozent sehen in ihr gleichzeitig eine Ursache für Konflikte.

Ein Widerspruch, zugegeben, doch lässt er sich schnell auflösen. Denn zwischen dem Wunsch, offen zu sein, dem gesellschaftlichen Anspruch, Toleranz zu üben, und der gelebten, vielleicht auch nur gefühlten Realität liegt eine Kleinigkeit. Sie nennt sich Welt. Sie ist geprägt von alltäglichen Begegnungen, von regionalen Spuren, von globalen Ereignissen.

«Das macht mir Angst»

Nur selten ist es das Positive, das nachhallt, das bleibt. Es sind die negativen Schlagzeilen, die das Bild prägen, die sich ins Bewusstsein einbrennen. Attentate, Ehrenmorde, Fanatismus. Sie sind nicht die Religion, sind nicht der Islam, sind nur Randerscheinungen. Und doch: Sie haben sich in den Köpfen festgesetzt. Vor allem in den westlichen. Denn während sich Inder oder Süd­koreaner kaum vom Islam bedroht fühlen, sind es im Westen zwischen 42 Prozent (USA) und 60 Prozent (Spanien). Folgerichtig sind es auch die Spanier, die den Islam am deutlichsten ablehnen. Dicht gefolgt von den Schweizern, den Franzosen, den Deutschen.

Der Blick nach Norden zeigt zudem: Neun Prozent der Muslime in Deutschland halten die eigene Religion für gefährlich. 18 Prozent sagen, sie sei nicht mit dem Westen kompatibel. Erstaunlich. «Das Ergebnis überrascht mich nicht», sagt Jasmin El Sonbati (52), liberale Muslimin aus Basel und Mit­begründerin des Forums für einen fort­schritt­lichen Islam, mit Blick auf die hohen Schweizer Werte.

«Sichtbare Auswüchse»

Die Publizistin sieht zwei Gründe für die Ablehnung. Der eine ist geopolitischer Natur. «Der arabische Frühling hat vielerorts auch islamistische Strömungen gestärkt.» ­Salafisten kommen an die Macht, Christen werden verfolgt, Frauen zurückgebunden. «Das macht auch mir Angst.»

Junge Menschen wie der Bieler Gymnasiast Majd N. reisen in Jihad-­Gebiete, lassen sich zu Gotteskriegern ausbilden. Um zu kämpfen. Dort, hier, niemand weiss es. In diesen «sichtbaren Auswüchsen» liegt für El Sonbati auch der Grund, weshalb der Islam auf viele bedrohlicher wirkt als andere Religionen. Buddhismus, Hinduismus, Christentum hält jeder zehnte für gefährlich; das Judentum jeder fünfte.

Auf dem Land ist man kritischer

Der zweite Grund sind für El Sonbati die «Integrationsvorbehalte», die einige Muslime haben. «Wenn Eltern ihre ­Kinder nicht in den Schwimmunterricht schicken wollen, sorgt dies bei den Schweizern verständlicherweise für Irritationen.» El Sonbati betont aber: «Das sind Einzelfälle. Aus Basel sind mir in den letzten Jahren nur zwei bis drei Fälle bekannt.» Generell sei die Integration in der Schweiz auf gutem Weg.

Klar ist für sie aber auch: Fälle wie jener des Familienvaters, der sich in ­Basel seit Jahren weigert, seine beiden Töchter zum Schwimmen zu schicken, und nun beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagt, «ist stossend und schürt die Vorbehalte».

«Urbane Zentren grundsätzlich offener»

Bei jenen umso mehr, die ohnehin skeptisch sind, die Angst haben vor Überfremdung, Angst auch vor der kulturellen Fremdheit. Doch wer sind sie, diese 50 Prozent Schweizer, die den Islam ablehnen? Die Bertelsmann-Studie zeichnet, ganz generell und skizzenhaft, ein Bild. Zum einen sind «echte Begegnungen offenbar weniger entscheidend als die Stereotype, die über sie verbreitet werden», weiss Programmleiter Vopel.

Zum anderen sind es ältere, weniger gebildete, ärmere Leute vom Land, die besonders islamkritisch sind. Diese ­«Typologie» erstaunt El Sonbati nicht. «Urbane Zentren sind grundsätzlich offener gegenüber fremden Kulturen. Das ist in muslimischen Ländern nicht anders.» Umgekehrt: «Die ländlichen Gebiete sind wertkonservativer. Damit geht eine höhere Angst vor dem Fremden einher.»

Begegnung als Türöffner

Dagegen spielt es keine Rolle, ob man sich selber für religiös hält oder nicht. Allerdings: «Wer davon ausgeht, dass in religiösen Fragen vor allem die eigene Religion recht hat, andere Religionen dagegen eher unrecht haben, tendiert zu einer kritischeren Sicht auf den Islam», halten die beiden Studienautoren Detlef Pollack und Olaf Müller fest.

Zwölf Prozent der Christen glauben, ihre Religion habe die Wahrheit gepachtet. Bei den Muslimen sind es 39 Prozent. «Diese Aussage hat mich schockiert», sagt El Sonbati. «Hier muss man innerislamisch Gegensteuer geben.»

Hinschauen, aufklären, gegensteuern. «Die persönliche Begegnung mit anderen Religionen ist ein Türöffner, denn sie trägt zum besseren gegenseitigen Verstehen bei», sagt Liz Mohn von der Bertelsmann-Stiftung. «Es braucht eine Anpassungsfähigkeit an das jeweilige Land», ergänzt El Sonbati. Der Islam müsse sich von seinen Mutterländern emanzipieren, müsse sich von radikalen Strömungen dis­tanzieren. «Man muss dem Islam bei uns ein europäischen Profil geben.» (Basler Zeitung)

(Erstellt: 03.05.2013, 11:31 Uhr)

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