«Viele Sozialarbeiter haben kein Interesse, die Fälle abzuschliessen»

Der Bieler Stadtrat Alain Pichard (GLP) kritisiert das Schweizer «System der Sozialindustrie». Und schildert, wie Behörden den Überblick verloren haben.

«Überall wird beraten, betreut, empfangen, diskutiert»: Alain Pichard über Integrationsangebote für Asylsuchende.

«Überall wird beraten, betreut, empfangen, diskutiert»: Alain Pichard über Integrationsangebote für Asylsuchende.

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Eine einzige Familie sprengt das Budget der Zürcher Gemeinde Hagenbuch – seit die «NZZ am Sonntag» über den Fall berichtet, ist die Öffentlichkeit in Aufruhr über die Summen, die einige wenige zu verursachen in der Lage sind. Die Familie mit sechs Kindern stammt aus Eritrea und kostet die Gemeinde pro Jahr rund eine halbe Million Franken – ein Viertel des Gemeindebudgets.

Der «SonntagsBlick» will nun mindestens eine Ursache für die exorbitanten Kosten gefunden haben: die privaten Sozialfirmen. Im Bereich Kindes- und Erwachsenenschutz boome die Branche. Die Behörden seien überlastet und lagerten ihre Arbeiten immer mehr an private Anbieter aus. Die Bestätigung für diese Kritik kommt unter anderem aus Biel – der Stadt mit der höchsten Sozialhilfequote in der Schweiz. Alain Pichard, Lehrer und Mitglied der Legislative in Biel, erklärt im Interview, wo er die Probleme sieht und wie er sie lösen will.

Herr Pichard, was ist das «System der Sozialindustrie»?
Die Arbeit im Bereich der Sozialhilfe hat sich zum lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. Es gibt immer mehr Sozialarbeiter, die Firmen gründen, ihre Hilfe zum Beispiel bei der Integration von Asylsuchenden oder Langzeitarbeitslosen anbieten und so an staatliche Gelder herankommen. Diese haben kein Interesse daran, die Fälle abzuschliessen, weil sie damit Geld verdienen. Daraus ist ein regelrechter Wildwuchs an Angeboten entstanden.

Können Sie konkreter werden?
Wir haben in Biel und Umgebung viele Institutionen, die in diesem Markt arbeiten und sich teilweise sogar bekämpfen. Für jeden Arbeitslosen, den sie integrieren, erhalten sie 1500 Franken. Weil das unüberschaubar wurde, richtete die Stadt eine neue Fachstelle ein, die eine erste Beurteilung aller Fälle vornahm und diese den Institutionen zuweisen sollte. Doch diese hat sich dann zum Mitplayer entwickelt, bot selber Beratungen an und verdreifachte ihren Personalbestand. Inzwischen haben die Behörden den Überblick verloren, in Biel konnte uns während Monaten niemand sagen, wie viel die neue Fachstelle kostet. Im Kanton ist die Sache nicht viel besser. Nehmen wir die Brückenangebote: Vor einiger Zeit kam ans Licht, dass drei verschiedene Direktionen gleiche Institutionen unterstützten, ohne dass sie gegenseitig davon wussten. Unter dem Strich wachsen die Ausgaben immer weiter, aber ich kann nicht sehen, dass die Probleme weniger werden.

Ist es nicht einfach so, dass die Nachfrage an solchen Institutionen sehr gross ist?
Es gibt das Sprichwort «Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten». Man könnte genauso gut sagen: «Wer Betreuung sät, wird Fälle ernten.» Es gibt eine Tendenz, dass der Staat immer mehr Aufgaben übernimmt, zum Teil auch ganz einfache Sachen. Überall wird beraten, betreut, empfangen, diskutiert, mit zum Teil horrenden Stundenansätzen. So gibt es zum Beispiel eine staatliche Cafeteria, wo ausländische Frauen diskutieren und ihre Kinder hüten lassen können. Natürlich mit einer Moderatorin, die dafür pauschal 150 Franken erhält.

Das klingt so, als würde man Sozialhilfebezügern das Geld nachwerfen. Das bestreite ich. Es gibt viele Menschen in der Schweiz, die unter desolatesten Umständen leben und auf Hilfe angewiesen sind.
In der Schweiz muss niemand unverschuldet unter desolatesten Umständen leben. Kein Land richtet so grosszügig Sozialhilfe aus wie wir. Und das ist in vielen Fällen auch berechtigt. Aber die Kosten laufen aus dem Ruder. Wir sind daran, einen riesigen staatlichen Betreuungsapparat einzurichten, der den Betroffenen unzählige Pflichten abnimmt und sie dadurch schleichend entmündigt.

Also leisten die Leute in der Verwaltung schlechte Arbeit?
Nein, das sage ich nicht. Wir haben dort gute Leute, die gute Arbeit machen. Auch die Privaten erbringen zum Teil gute Leistungen. Das Problem sind die falschen Anreize. Es gibt immer mehr Sozialhilfefälle, und sie bleiben immer länger in der Abhängigkeit. Besonders beunruhigend ist die Tatsache, dass immer häufiger auch die nachfolgende Generation von Sozialhilfe abhängig wird. Das ist für die Schweiz neu und gefährlich.

Was schlagen Sie vor?
Es gibt keine einfachen Lösungen, und es wird schmerzhaft werden. Zunächst muss man jeden weiteren Ausbau konsequent ablehnen. Anschliessend müssen wir uns überlegen, wo und wie wir den gigantischen Apparat zurückbauen können. Es sind heute viel zu viele Beteiligte im Spiel, wir müssen die Player, welche sich ständig neuen Bedarf schaffen, zurückdrängen. Wenn uns das nicht rasch gelingt, dann kommt es wie im Kanton Bern zu einem Parlamentsentscheid, welcher die Sozialhilfe linear kürzt. Das finde ich wiederum ungerecht und nicht zielführend. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.09.2014, 15:48 Uhr)

Alain Pichard ist Lehrer und politisiert für die GLP im Parlament der Stadt Biel.

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