«Vielleicht sind wir zu schüchtern»

Christoph Wittmer, der Rektor der Zürcher Kantonsschule Enge, blickt den Bildungssparplänen mit Sorge entgegen: Nicht nur Universität und ETH sollten Anspruch auf Exzellenz haben.

«Es geht um Kinder und die Zukunft»: Rektor Christoph Wittmer. Foto: Thomas Egli

«Es geht um Kinder und die Zukunft»: Rektor Christoph Wittmer. Foto: Thomas Egli

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Warum sollte man ein Kind aufs Gymnasium schicken?
Ich glaube, man sollte es nicht schicken. Sondern, falls möglich, sehen, was das Kind möchte. Es gibt zu viele Kinder, die einfach geschickt werden.

Und wenn es will, was erwartet es dort?
Das Gymnasium gibt einem jungen Menschen viel Zeit für den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten, bei denen es nicht um einen direkten Zweck geht. Sondern um die Aufgabe, sich in der Bildungswelt zu verankern. Zeit ist ein wichtiger Wert.

Das ist Bildung: Zeitverschwendung?
Nein. Wir haben klare Ansprüche. Nur Zeit zu geben, das würde überhaupt nicht funktionieren. Aber es braucht eben auch Zeit. Zeit, die eigenen Ideen zu entwickeln. Kreativität, Neugier, Autonomie des Denkens sind nicht denkbar in zu enger Taktung. Deshalb steht das Ziel der persönlichen Reife auch im Maturitätsreglement. Da muss etwas sich selbst entwickeln können.

Wie erkennt man persönliche Reife? Man sagt, dass diese bei den meisten Leuten frühestens im Alter von 45 eintrifft. Wenn überhaupt.
Sie irren sich. Jugendliche sind besser als ihr Ruf, viel reflektierter. Und dann: Das Spielerische gehört dazu – besonders, wenn es darum geht, später zu forschen, zu schreiben, überhaupt Neues zu entdecken. Ohne Spiel geht es in der Wissenschaft nicht. Also ist ein Rest an Unreife kein Problem. Worauf wir Wert legen, ist Verantwortung für sich und die Gemeinschaft. Wir wollen Leute, die sich für die Welt interessieren.

Ist ein Gymnasium eine humboldsche Bildungsanstalt, eine Kaderschmiede für die Wirtschaft, der Zulieferdienst für Universitäten oder das Bollwerk für die Kinder der Besitzenden?
Letzteres nicht. Von den anderen ist je ein Teil mit drin. Die Passgenauigkeit im Schweizer Bildungssystem bedeutet, dass man überall in der Schweiz studieren kann. Das ist ein grosses Privileg. Wir arbeiten intensiv mit den Universitäten zusammen.

Uns sagte man im Gymi: Ihr seid die Elite, also benehmt euch, ihr Ignoranten.
Eine reine Eliteschule war das Gymnasium vielleicht bis in die Vierziger-, Fünfzigerjahre, als nur 5 Prozent aufs Gymi gingen. Heute, nach der Bildungsexpansion, sind es 20 Prozent. Und die Schweiz kennt mit dem dualen Bildungssystem und der Berufsbildung so viele Wege, Umwege, Karrieren, dass man nicht mehr simpel davon reden kann. Das Gymnasium ist der direkte Weg an die Hochschulen.

Wenn man in den Achtzigern ein Gymnasium besucht hat: Was hat sich seither verändert?
Das Schülerbild und die Lehrerrolle. Wir setzen sehr viel stärker auf Kooperation im Unterricht. Wir wissen präziser als früher, dass Lernen im Kopf der Schüler und Schülerinnen stattfindet – und nicht bei dem, der vorne spricht.

Also ist der Frontalunterricht tot?
Nicht tot, nur noch eine Methode unter anderen. Geeignet, wenn man schnell Informationen vermitteln will. Was neu ist, ist etwa die Idee der Praxis: Projekte, Kurswochen, Simulationen, teils zusammen mit Externen. Oder das Forschen bei der Maturarbeit. Und dann ist die grosse Breite ein Merkmal des Schweizer Systems. Dass man nicht wie in England eingeknickt ist: Dort konzentriert man sich am Schluss nur noch auf fünf, sechs Fächer.

Vielleicht bald auch hier. Der Zürcher Regierungsrat will den Gymnasien 5 Prozent des Budgets streichen.
Das ist eine grosse Summe: Wenn wir alle Frei­fächer, Sportwochen, Arbeitswochen streichen, haben wir erst die Hälfte gespart.

Was wären denn Sparmöglichkeiten?
Wir kennen die Vorgaben noch nicht, prüfen aber alle Möglichkeiten sorgfältig. Der eine Ansatz wäre die Schülerzahl. Denkbar ist, dass man die Aufnahmeprüfungen rigider macht. Was dagegen spricht, ist die Verminderung der Chancengerechtigkeit der Generationen, die jetzt gerade ins Gymnasium kommen. Aber das ist meines Wissens kein Thema.

Kommen immer mehr Schüler ins Gymi?
Beim Untergymnasium stieg die Zahl. Aber insgesamt, nein. Die Quote ist seit längerer Zeit stabil. Man nimmt nicht mehr Schüler auf. Trotzdem haben wir – und insbesondere in Zukunft – steigende Zahlen, weil der Kanton mehr Kinder hat. Das ist auch ein Grund für die Sparauflagen. Unsere Kosten steigen nicht, weil wir anders budgetieren, sondern weil mehr Kinder in diesem Kanton sind.

Weil die Zürcher mehr Kinder zeugten, haben Sie ein Problem?
Nicht nur. Es gibt auch die Zuwanderung. Aber Problem ist der falsche Ausdruck.

Sie haben Ärger wegen des wirtschaftlichen und erotischen Erfolgs des Kantons Zürich.
Ärger ist auch der falsche Ausdruck. Wir freuen uns über die Kinder. Die zweite Möglichkeit wäre, die Lehrerlöhne zu reduzieren. Die dritte, Klassen zusammenzulegen. Oder viertens, das Unterrichts­angebot zu reduzieren.

Wären grössere Klassen ein Problem?
Grössere Klassen bedeuten immer auch mehr Arbeit und weniger Beteiligung der Schüler. Besonders, seit auch individuell gefördert wird. Unterricht bedeutet nicht mehr drei Prüfungen im Semester, sondern es wird ständig geschrieben, Feedback gegeben, es gibt Unterrichtsformen wie das Labor, Projekte. Das bedeutet zusätzlich Arbeit.

Das war etwas, was ich als Schüler nie verstanden habe: Ich dachte, Prüfungen sind ein Fest für rachsüchtige Lehrer. Dabei mussten die dann eine Nacht lang korrigieren.
So ist es. Und grössere Klassen haben grössere Schwierigkeiten mit der Klassengemeinschaft. Ich meine, wir haben die Grenze erreicht.

Populär wäre: Lohnkürzungen für Lehrer.
Das wäre eine schlechte Idee.

Warum?
Die letzte Arbeitszeitstudie stammt aus dem Jahr 2000. Dort wurde relativ deutlich gesagt, dass Gymnasiallehrer zu viel arbeiten, im Gegensatz zum Klischee. Und das war vor 15 Jahren. Heute sind die Ansprüche gewachsen: Förderorientierung, dann die neuen Informationstechnologien: die Frage, wie man mit dem Meer von Halbwissen im Internet umgeht. Ausserdem müssen wir als Arbeitgeber attraktiv bleiben.

Was könnte man sonst streichen, Chinesisch, Russisch, Robotik?
Meine Überzeugung ist, dass es Mut braucht, Bildung zu finanzieren. Aber gut. Wenn es so sein soll, dass man für eine gewisse Zeit das Geld nicht hätte in dieser Gesellschaft, obgleich sie zu den finanzkräftigsten Regionen der Welt gehört, dann wäre Folgendes zu beachten: nichts streichen, das irreversibel ist. Also für die Sparzeit auf Punkte setzen, die nicht einen Schaden anrichten, der nicht wiedergutzumachen ist. Nichts am Kernunterricht abbauen, sodass wir unsere Ziele nicht mehr einhalten können. Etwa den prüfungsfreien Zugang zu den Hochschulen. Da ist es so, dass Freifächer am ehesten streichbar scheinen. Nur . . .

Nur?
Viele Ehemalige sagen: Eben weil es ihnen möglich war, an der Schule Dinge wie Chinesisch, Arabisch, Robotik zu lernen, haben sie später auch ihren Beruf finden können. Und ein Gymnasium hat die Aufgabe, denen, die mehr wollen, auch mehr zu geben. Angebote wie Japanisch, 3-D-Printing, Molekularküche. Für uns gehören sie dazu.

Alle beklagen sich, dass clevere Amis, Deutsche und Briten die Schweizer Chefetagen überrennen. Und trotzdem wird gestrichen.
Vielleicht ist man in der Schweiz zu schüchtern. Die ETH und die Uni dürfen Exzellenz beanspruchen, und alle sind stolz darauf. Aber da wir bei den Gymnasien die wichtigsten Vorbereiter sind, muss man uns auch die Chance auf Exzellenz zugestehen: durch hohe Ansprüche und dadurch, dass man gute Leute einstellt. Nicht zuletzt, weil wir uns in einer Wissensgesellschaft bewegen. Und zwar einer, die zunehmend komplexer wird, weil sehr viel mehr Wissen verfügbar ist.

Ist Bildung eigentlich Luxus, Investition oder etwas Drittes?
Etwas Drittes. Der Anspruch ist, dass sich Leute weiterentwickeln, sich bilden.

Warum steigen die Ansprüche dauernd?
Eltern fokussieren heute mehr auf die Zukunft ihrer Kinder. Und die Universitäten sind internationaler orientiert: Heute muss man etwa ungleich besser Englisch können als wir früher. Und Informatik beherrschen, nicht einfach anwenden. Das alles braucht Ressourcen.

Im Kanton werden 650 Millionen gespart, 50 Millionen bei der Bildung. Wer ist am Loch schuld? Die Banken, die keine Steuern zahlten? Oder die mächtige Babyboomer-Generation, die eine Schneise gefressen hat? Erst ging sie auf gute Schulen, dann machte sie Revolte, dann Karriere – und jetzt kassiert sie die Rente als Dessert?
Was ich kompetent beurteilen zu können glaube: Die Mittelschulen haben kein Geld verschleudert. Seit Jahren arbeiten wir mit engen Budgets. Das macht uns Sorge. Weil es um Kinder und ihre Zukunft geht. Klar, wir haben zwei Aufgaben: den Jugendlichen nicht nur eine gute Ausbildung zu geben, sondern ihnen auch keinen Schuldenberg zu hinterlassen.

Dürfen Sie dieses Interview geben? Als Kantonsangestellter stehen Sie unter Neutralitätsgebot.
Wir haben zwei Verpflichtungen: Wir müssen loyal Aufgaben umsetzen. Aber wir sind auch verantwortlich für diese Institution, für die Lehrer und die Schüler.

Ein Problem, das Sie haben: Lehrer haben einen zweifelhaften Ruf. Wenn Erwachsene über die Schule reden, erzählen sie immer wieder die Heldentaten von der Stinkbombe, die sie zündeten. Niemand will ein Streber gewesen sein.
Das ist passé. Ich erlebe das eher so: Man erinnert sich vor allem an die Lehrer, die einen inspiriert haben. Und wenn wir heute mit Schülern und Eltern reden, dann sind die von Ihnen genannten Zeiten vorbei.

Das ist schade. Denn von den schlechten Lehrern lernt man so viel wie von den guten. Von den guten das Fach, von den schlechten die Rebellion gegen sie.
Ich fürchte, Sie irren, wenn Sie glauben, kritisches Denken sei nur in Opposition lernbar. Ich glaube, dass es das Schwarz und Weiss nicht mehr gibt, weil die Lehrer, die heute unterrichten, den Dialog fördern: schon deshalb, weil das zum Programm gehört. Lehrer schwärmen dann von Klassen, wenn sie widerständig sind im Denken.

Was macht denn eigentlich einen guten Lehrer aus?
Schüler ernst nehmen. Klare Ansprüche. Begeisterung. Dass jeder Lehrer sein Fach für das eigentlich Wesentliche hält. Und dass er die Verbindung zum eigenen Fach nicht abreissen lässt. Und dass er oder sie sich für die neusten Entwicklungen darin interessiert.

Und was sind gute Eltern? Was sollten Eltern heute tun, wenn ihr Kind erfolgreich oder nicht erfolgreich ans Gymnasium geht?
Ich glaube, es geht vor allem darum, dass sie Bildung wichtig nehmen, aber ihrem Kind zugleich auch klarmachen, dass sie es nie nur über Leistung definieren.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2016, 22:51 Uhr)

Christoph Wittmer

Rektor Kantonsschule Enge

Der Germanist Christoph Wittmer ist Rektor der Kantonsschule Enge und Präsident der Schulleiterkonferenz Zürich. Als solcher organisiert er am 13. Januar den Tag der Bildung mit, an dem Schule, Bildung und Sparpläne des Kantons in diversen Schulen debattiert werden.(TA)

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