Vom Fluchtkonvoi direkt aufs Schweizer Ackerfeld

Der Bundesrat erwägt, Asylsuchende in der Landwirtschaft einzusetzen. Während die Idee auf viel Zuspruch stösst, spricht CVP-Ständerat Urs Schwaller von Migranten als «Manövriermasse».

Werden Sie bald durch Asylsuchende ersetzt? Saisonarbeiter auf einem Ackerfeld im Kanton Freiburg.

Werden Sie bald durch Asylsuchende ersetzt? Saisonarbeiter auf einem Ackerfeld im Kanton Freiburg. Bild: Keystone

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Die Schweizer Landwirtschaft beschäftigt zurzeit 25'000 bis 30'000 Hilfsarbeitskräfte – grösstenteils Saisonniers, die bevorzugt in Süd- und Osteuropa rekrutiert werden. Das Arbeitsmodell bewährt sich seit Jahren: Die Bauern profitieren von motivierten Arbeitskräften, die den Betrieb während einer gewissen Zeit entlasten. Den Kurzaufenthaltern wiederum bietet sich Gelegenheit auf guten Verdienst, mit dem sie etwa ihre Familien in der Heimat unterstützen können.

Es ist allerdings möglich, dass die Win-win-Situation schon bald der Vergangenheit angehört. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative fürchtet der Schweizerische Bauernverband (SBV), dass ihm die günstigen Arbeitskräfte abhandenkommen könnten. Aus diesem Grund hatte er die SVP-Initiative auch vehement bekämpft.

Grosses Potenzial an Arbeitskräften

Auf der Suche nach Alternativen ist die Branche nun offenbar fündig geworden. So schwebt dem SBV vor, Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene auf Bauernhöfen arbeiten zu lassen. Bereits am kommenden Mittwoch treffen sich Vertreter des Bundesamts für Migration (BFM) und der Landwirtschaft zu einer ersten Aussprache.

Das Potenzial ist beträchtlich: Im Umsetzungskonzept ist die Rede von über 14'000 erwerbsfähigen Personen aus dem Asylbereich. Damit könnte ein beträchtlicher Teil der bisherigen Hilfskräfte kompensiert werden.

Arbeitsverbot trotz Angebot

Von der Politik erhält die Idee viel Beifall. Andy Tschümperlin (SP) spricht von einer «ausgezeichneten Lösung», die auch in der Bevölkerung Anklang finden würde: «Die Leute können nicht verstehen, dass motivierte Asylsuchende nicht arbeiten dürfen – obwohl genügend Arbeit vorhanden wäre», sagt das Mitglied der Staatspolitischen Kommission gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Auch innerhalb der Bauernbranche, die um jede zusätzliche Arbeitskraft froh ist, findet das Modell Anklang. Das zeigt zumindest eine stichprobenartige Umfrage, die das Schweizer Fernsehen am Samstag durchführte: «In der Schweiz finden wir einfach nicht genügend Saisonarbeitskräfte. Solange die Arbeitsqualität stimmt, ist es uns egal, aus welchem Land die Menschen kommen», sagte ein Innerschweizer Bauer gegenüber der «Tagesschau».

SBV-Präsident Markus Ritter weist auf allfällige Schwierigkeiten hin: Die körperliche Belastung in der Landwirtschaft sei hoch. «Dafür braucht es die nötige Konstitution, und jemand muss das auch mitmachen wollen», sagte der CVP-Nationalrat, der sich grundsätzlich für die Idee erwärmen kann.

Schwaller: «Asylbewerber als Manövriermasse»

Anders sein Parteikollege Urs Schwaller. Der Ständerat hält eine vorschnelle Beschäftigung von Asylsuchenden für falsch: «Die Attraktivität der Schweiz als Zielland darf nicht zusätzlich gesteigert werden.» Biete die Schweiz gute Verdienstmöglichkeiten, würde sich das sehr schnell herumsprechen, sagt Schwaller. Stattdessen plädiert er für eine bessere Ausschöpfung des «inländischen Potenzials».

Der Freiburger verlangt ein striktes Arbeitsverbot für Asylsuchende von drei bis sechs Monaten nach ihrer Ankunft in der Schweiz. Dies sei letztlich auch im Interesse der Migranten: «Die Asylbewerber würden so nicht als Manövriermasse betrachtet. Es würden keine falschen Hoffnungen geweckt», sagt Schwaller.

«Wir müssen ein humanitäres Zeichen setzen»

Tschümperlin hält nichts von derartiger Rhetorik. Es gebe zurzeit so viele Flüchtlinge wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Deshalb sei es Zeit, der Realität ins Auge zu sehen: «Wir müssen ein humanitäres Zeichen setzen. Wenn dadurch auch die Schweizer Landwirtschaft profitieren kann, sehe ich nicht, was dagegenspricht», sagt der SP-Nationalrat. Tschümperlin würde die Idee auch auf andere Branchen, wie die Gastronomie oder die Baubranche, ausweiten.

Die neu gebildete Arbeitsgruppe um den Nationalrat und SBV-Präsident Jacques Bourgeois (FDP) gibt sich etwas zurückhaltender. Zunächst müsse geklärt werden, ob und unter welchen Bedingungen der Einsatz von Asylbewerbern oder vorläufig Aufgenommenen überhaupt möglich sei, sagte Bourgeois.

Unterschiedliche kantonale Regelungen

Zurzeit kennen die Kantone unterschiedliche Regelungen, was die Beschäftigung von Asylbewerbern betrifft. So kennen beispielsweise Kantone wie Bern oder Zürich ein generelles Arbeitsverbot. Anders verhält es sich im Kanton Graubünden. Hier hat im letzten Jahr fast jeder vierte erwerbsfähige Asylsuchende gearbeitet.

Bourgeois blickt nach vorn: Falls die Gespräche positiv verliefen, gehe es darum, einen Betrieb für ein Pilotprojekt zu finden. Ein solches würde laut dem SBV-Direktor im Gemüsebau stattfinden und könnte bereits nächstes Jahr starten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.08.2014, 18:26 Uhr)

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