WEF-Stadt verbannt Hirschhorn-Kunst
Von Antonio Cortesi. Aktualisiert am 23.01.2009
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Das vierteilige Werk mit dem Titel «Because, Because» besteht aus Schnipseln aus Porno-Magazinen, Bildern zerfetzter Körper und Anti-Nazi-Klebern. Eine typische Collage des in Davos aufgewachsenen und längst international bekannten Künstlers Thomas Hirschhorn.
Für einmal hängen die Bilder aber nicht in einer Avantgarde-Galerie in New York oder Tokyo, sondern im nüchternen Parlamentssaal von Davos. Eine Provokation sondergleichen: Er sei zwar kein Kunstexperte, sagt FDP-Landrat Florian Kamnik, aber diese Bilder seien «einseitig, destruktiv und pietätlos». Mit Sicherheit seien sie fehlt am Platz in einem Saal, in dem die Meinungsvielfalt gepflegt werde und Politiker an eine bessere Zukunft glaubten.
Kamnik, von Beruf Klavierbauer, kämpft an vorderster Front dafür, dass die Hirschhorn-Kunst rasch wieder abgehängt wird. Er hat ein entsprechendes Postulat eingereicht. Und diese Woche doppelte er mit einem Brief an den Landratspräsidenten Dino Brazerol nach – mit der Bitte, «die Demontage der Collagen umgehend zu veranlassen».
«Die Bilder kommen weg»
Kamniks Chancen stehen gut. Der Entscheid dürfte bereits an der Sitzung des Ratsbüros vom 4. Februar fallen. Zum vierköpfigen Gremium zählen neben Ratspräsident Brazerol und Vize Kamnik der Landammann Hans Peter Michel und der Landschreiber Michael Straub. Zwar will das Quartett allenfalls noch das 17-köpfige Parlament konsultieren. Doch das Schicksal der Hirschhorn-Bilder scheint besiegelt. CVP-Politiker Brazerol ist jedenfalls für deren Entfernung und weiss, «dass auch die Ratsmehrheit so denkt». Selbst Landammann Michel, der den Kauf der Bilder unterstützte, sagte: «Sie kommen weg.»
Damit entziehen die Lokalpolitiker ihrem berühmten Künstlersohn just zu einem Zeitpunkt das Vertrauen, an dem sich Davos als weltoffene Alpenstadt in Szene setzt. Am World Economic Forum von nächster Woche werden sich neben Angela Merkel oder Gordon Brown auch oberste Kriegsherren wie der russische Regierungschef Wladimir Putin ein Stelldichein geben.
Provokative Kunst, die Kriegsgräuel schonungslos thematisiert, hat aber keinen Platz. Landammann Michel bedauert dies und sagt resigniert: «Der Mensch funktioniert leider so. Man nimmt die Kriege in fernen Ländern kaum zur Kenntnis und regt sich darüber auf, wenn einem deren Realität in den eigenen vier Wänden begegnet.»
Thomas Hirschhorn lebt in Paris und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Es ist davon auszugehen, dass er die Aufregung in seinem Heimatdorf gelassen nimmt. Das tat er auch vor vier Jahren, als seine Schweiz-kritische Ausstellung im Schweizer Kulturzentrum in Paris die Gemüter erregte. Damals reagierten die eidgenössischen Räte mit einer Strafaktion: Sie kürzten das Budget von Pro Helvetia, welche die Ausstellung unterstützt hatte, um eine Million Franken.
Um Geld geht es in Davos nicht. Die Gemeinde zahlte für das Auftragswerk bloss 10'000 Franken. Kunsthändler böten für die Collage inzwischen zwar das Zehnfache, weiss Landrat Kamnik. Verkaufen sei aber kein Thema. Man wolle die Bilder einfach an einem «geeigneteren Ort» ausstellen. Wo dies sein soll, ist allerdings noch völlig unklar. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2009, 20:26 Uhr
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