Wann die Pille gefährlich werden kann
Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 10.11.2009
Bruno Imthurn ist Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich.
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Herr Imthurn, haben Patientinnen seit den Thrombosefällen in diesem Jahr tatsächlich mehr Angst vor der Pille und nehmen sie darum seltener ein?
Ja. Aufgrund der aktuellen Berichterstattung ist die Zurückhaltung der Frauen feststellbar, was auch verständlich ist. Ob dies aber zu einem absoluten Rückgang der Pillenverkäufe geführt hat, kann ich nicht sagen.
Ist die Skepsis begründet?
Eine gesunde Skepsis ist immer begründet. Darum stellen mündige Frauen und Patientinnen auch kritische Fragen und nehmen nicht alles einfach so hin. Eine medikamentöse Behandlung ist immer mit Risiken verbunden. Diese Nachteile müssen aber abgewogen werden gegen die Risiken einer unerwünschten Schwangerschaft und gegenüber den Vor- und Nachteilen anderer Verhütungsmethoden. Und da hat die Pille, richtig verschrieben, eine sehr gutes Risikoprofil, sprich eine gute Balance zwischen Nutzen und Risiko.
Kann man sagen: Je mehr Vorteile eine Pille bietet, desto mehr Nebenwirkungen hat sie?
Nein. So enthielten die vor 30 Jahren verschriebenen Pillen viel höhere Hormonmengen mit wesentlich mehr Risiken und Nebenwirkungen. Die heute verschriebenen Pillen sind niedrig-dosiert und wesentlich besser verträglich. Allerdings gibt es gewisse Situationen, die einer speziellen Aufmerksamkeit bedürfen, so zum Beispiel wenn eine Schwester oder die Mutter ohne ersichtlichen Grund vor dem 40. Altersjahr eine Thrombose hatte. In solchen Situationen darf auch eine moderne Pille nur unter äusserster Vorsicht und erst nach einer sorgfältigen Gerinnungsabklärung verordnet werden.
Sind denn die Patientinnen oft zu wenig informiert über Nebenwirkungen?
Ein Aufklärungsgespräch muss die häufigen und die schweren Nebenwirkungen ansprechen. Dazu gehört sicher auch das im Normalfall nur leicht erhöhte Thromboserisiko. Zudem müssen Alternativen zur Pille aufgezeigt werden. Allerdings ist es ratsam, eine Frau nicht zu einer anderen Verhütungsmethode zu drängen. Falls das geschieht, ist die Akzeptanz und die Verträglichkeit der Verhütungsmethode viel geringer als bei einer positiven Einstellung.
Wie kann das Risiko einer Lungenthrombose minimiert werden
Neben dem Alter sind Übergewicht und Rauchen wichtige Risikofaktoren. Falls die Frau trotzdem raucht, sollte sie im Alter von über 35 Jahren keine Pille mehr zur Verhütung einsetzen. Kommt noch Übergewicht dazu, steigt das Risiko weiter an.
Sind alternative Verhütungsmittel im Kommen?
Jede Verhütungsmethode hat ihre Vor- und Nachteile. Richtig eingesetzt haben alle Verhütungsmethoden ein sehr geringes Gesundheitsrisiko. Alternative Verhütungsmittel haben in der Regel weniger schwerwiegende Nebenwirkungen. Allerdings bedürfen sie viel mehr Zuverlässigkeit und Disziplin und sind häufig wesentlich unsicherer in Bezug auf den Verhütungseffekt. Die perfekte Lösung, den «Fünfer und das Weggli», gibt es leider nicht.
Empfehlen Sie trotzdem noch die Pille? Ist sie Ihrer Meinung nach das beste Verhütungsmittel?
Ja, die Pille ist eine sehr sichere und eine sehr gute Verhütungsmethode. Ob sie für eine bestimmte Frau die beste ist, muss im Gespräch und durch eine sorgfältige medizinische Evaluation geklärt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.11.2009, 16:21 Uhr






