Warum Ecopop der Umwelt schadet

Die Initianten der Ecopop-Initiative beklagen die Umweltbelastung einer wachsenden Bevölkerung. Die Forschung zeigt ein anderes Bild.

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Die Ecopop-Initianten fühlen sich missverstanden. Ihr Ziel, die jährliche Nettoeinwanderung im Namen des Umweltschutzes auf ein Viertel zu reduzieren, soll kompensiert werden durch grosszügige Zahlungen an Entwicklungsländer zur Förderung der Familienplanung. Was soll daran unmenschlich, fremdenfeindlich oder arrogant sein? Die Schweiz soll klein, aber fein bleiben, während sichergestellt wird, dass die ­Armen im Ausland sich nicht fort­pflanzen und somit auch weniger Umwelt­probleme durch Bevölkerungswachstum und Migration entstehen.

Die simple lineare Kausalkette – Bevölkerungswachstum führt zu Hunger, und Umweltzerstörung führt zu Verminderung der Lebensqualität – erscheint plausibel. Sie wurde aber seit ihrer ersten Darstellung durch den britischen Wirtschaftsphilosophen Thomas Malthus 1798 wissenschaftlich immer und immer wieder widerlegt. Was nämlich völlig ausgeklammert wird, ist die Rolle des Wissens als einziger nicht knapper Rohstoff. Dieses Wissen wird von Menschen geschaffen, von Menschen genutzt für die Schaffung von Innovation und von Menschen im Austausch und im Handel imitiert, vermehrt und weiter­gegeben. Im Gegensatz zu knappen ­Gütern, die bei Verbrauch immer weniger werden, ist Wissen wie Sauerstoff; ich kann davon konsumieren, ohne dass dadurch weniger für andere vorhanden ist. Ein solches Gut heisst in der Ökonomie ein nicht rivales Gut. Doch darüber hinaus hat das Gut Wissen den zusätz­lichen Vorteil, dass sich sein Wert mit zunehmendem Gebrauch nicht ver­mindert, sondern vermehrt.

Nur durch den Zugang zu Wissen und dessen Umwandlung in innovative und nachhaltigere Güter und Dienstleistungen kann das Bevölkerungswachstum von Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit abgekoppelt werden. Dies ­erklärt auch, warum die Schweiz trotz hoher Bevölkerungsdichte in relativem Einklang mit der Umwelt lebt.

Die Erkenntnis daraus ist, dass ein Land, das in seine Leute investiert und sie dazu ermutigt, in die Fremde zu ­gehen, um dort Erfahrung und Wissen zu sammeln, auch zur langfristigen Nachhaltigkeit durch Innovation beiträgt. ­Somit kann Bevölkerungswachstum, das mit der Vermehrung des Humankapitals einhergeht, durchaus positive Effekte auf die Umwelt, den Zugang zu essen­ziellen Grundbedürfnissen und die Lebens­qualität haben.

Es ist anders gekommen

Dies hat die Sozialforscherin Ester Boserup in ihrer Feldforschung in Kenia aufgezeigt. Sie hat dort die Region Machakos fünfzig Kilometer südlich von Nairobi untersucht. Diese Gegend zeichnete sich in den 1930er-Jahren durch hohe Bevölkerungswachstumsraten aus, und die damalige britische Administration prophezeite ein humanitäres und ökologisches Desaster, das durch eine gutmütige britische Kolonialpolitik entstanden wäre, die es erlaubte, dass sich die Armen ungehemmt fortpflanzen konnten. Nun, es ist anders gekommen. Heute zählt Machakos 1,5 Millionen Einwohner, doch verglichen mit den anderen Regionen Kenias, die viel niedrigere Bevölkerungswachstumsraten hatten, geht es den Einwohnern nicht nur wirtschaftlich und sozial besser. Es führte auch zu einem nachhaltigeren Management der natürlichen Ressourcen und sogar zur Wiederbegrünung von abgeholzten und erodierten Hügelketten. Ausserdem haben die Einwohner schnell erkannt, dass es für ihre Zukunft besser ist, weniger Kinder zu haben und dafür mehr in sie zu investieren.

Schweizer Erfolgsgeschichte

Wie ist das alles möglich ohne Geburtenregelung, ohne die Migration abwürgen zu müssen? Nun, wenn sich die Ecopop-Initianten mit Schweizer Geschichte oder auch nur mit den essenziellen ­Gesetzen der Demografie beschäftigen würden, dann hätten sie schnell begriffen, dass es in jeder sich entwickelnden Gesellschaft demografische Transformationsphasen gibt, die am Schluss mit sehr niedrigen Fertilitätsraten enden, die ebenfalls eine Herausforderung werden können – insbesondere in Wohlstandsgesellschaften wie der unseren. Es sind nämlich oftmals Migranten in der ersten und zweiten Generation, die in der Schweiz sicherstellen, dass ­unsere öffentlichen und privaten Räume gepflegt werden, dass unser Gesundheitssystem die Bevölkerung ausreichend versorgt, dass die kleinen Betriebe und Gaststätten in Dörfern nach wie vor ihre Dienstleistungen auf dem Land er­bringen können, dass Spitzenforschung ­gemacht wird, dass neue Unternehmen gegründet werden. Und so weiter.

Die Migration ist somit nicht ein ­Problem für die Umwelt und die Lebensqualität in der Schweiz, sondern ermöglicht sie erst – und dies seit Beginn der Schweizer Erfolgsgeschichte. Es waren die Hugenotten, die nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes aus Frankreich flüchten mussten, die unsere Uhrenindustrie mit aufgebaut haben. Und es gibt Hunderte weitere Erfolgsgeschichten von Bevölkerungsgruppen, die mit ihrem Wissen und ihrer Bereitschaft, hart zu arbeiten, zum Schweizer Wohlstand, zur Schweizer ­Kultur und zur Schweizer Lebensqualität beigetragen haben. All dies war nur möglich, weil die Schweiz immer Werte gepflegt hat, die mit Offenheit, Toleranz, Neugier und einem ständigen Willen zur Selbstverbesserung verknüpft waren. ­Genau das Gegenteil von dem, was heute als volksnahe Werte verkauft wird; von Parteien, die nach Stimmenmaximierung und Aufmerksamkeit streben und den realen Herausforderungen gleichgültig oder gar zynisch gegenüberstehen. Dass auch unbedarfte Alt-Linke in dieselbe Kerbe hauen, ist nicht erstaunlich. Denn wie der grüne Nationalrat Balthasar Glättli in seinem neuen Buch hervorhebt: Unheimliche Ökologen gibt es seit Thomas Malthus zuhauf. Meistens wollten sie das Gute und haben sich beklagt, dass man sie missversteht. Das Problem war aber immer, dass sie die Konsequenzen ihrer Politik nicht verstanden oder einfach unbelehrbar waren.

Die Ecopop-Initiative mit dem Slogan «9 statt 12 Millionen» mag ein cleverer Streich der populistischen Angstmacherei sein. Letztlich ist die Initiative aber eine Gefahr für unsere Umwelt und die künftigen Generationen in der Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.11.2014, 09:01 Uhr)

Philipp Aerni

Experte für Entwicklung

Der 45-jährige Entwicklungsexperte ist Direktor des Zentrums für Unternehmensverantwortung und Nachhaltigkeit (CCRS) an der Universität Zürich. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Untersuchung der Rolle von Wissenschaft, Technologie und Innovation für eine nach­haltige Entwicklung. Zuvor arbeitete der an der ETH Zürich promovierte Agrarökonom bei der UNO-Welternährungsorganisation FAO in Rom und half unter anderem mit, das African Technology Development Forum zu gründen. Dessen Ziel ist die Förderung von Wissenschaft, Technologie und Unter­nehmer­tum in Afrika. (TA)

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