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Warum Schweizer am liebsten nach Frankreich auswandern

Von Erika Burri. Aktualisiert am 18.02.2010 30 Kommentare

«Ade Schweiz, Bonjour la France»: Sie leben nicht wie Könige in Frankreich. Aber in die Schweiz möchten sie auch nicht mehr zurück. Aus ganz konkreten Gründen.

Schlossbesitzer brauchen nicht die Millionen eines Christoph Blocher: Das «Château du Bois Guy» in der Bretagne, 45 Fahrminuten von Rennes.

Schlossbesitzer brauchen nicht die Millionen eines Christoph Blocher: Das «Château du Bois Guy» in der Bretagne, 45 Fahrminuten von Rennes.
Bild: ZVG

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Rund 180'000 Schweizer ziehen ein Leben in Frankreich jenem in der Schweiz vor. In Frankreich lebt die grösste Gruppe Auslandschweizer. Deutschland und die USA befinden sich auf Platz 2 und 3. Die aktuellen Zahlen veröffentlichte gestern das Eidgenössische Departement für Ausländische Angelegenheiten. Seit Jahren führt Frankreich die Auslandschweizer-Statistik an.

Was zieht die Schweizer nach Frankreich? Antworten darauf liefert ein Ranking des amerikanischen Magazins «International Living» von Anfang Jahr. Bereits zum fünften Mal hat dieses Frankreich zum Land mit der höchsten Lebensqualität erkoren – trotz der zermürbenden Bürokratie und der hohen Steuerlast, die das Magazin beklagt.

Es ist die «art de vivre», die französische Lebenskunst - das Café und Croissant an der Bar am Morgen, der kurze Schwatz am Markt, der Wein, der im Land von Louis XIV. zum Mittagessen serviert wird -, welche das Leben angenehmer macht. Zudem sorgt das «weltbeste Gesundheitssystem» dafür, dass sich Frankreich an der Spitze des Rankings hält.

In Frankreich hat es Platz, um Träume zu verwirklichen

Auch, so schreibt «International Living», sind vor allem auf dem Land Häuser und Anwesen erschwinglich. In Frankreich braucht es nicht Christoph Blochers Millionen, um Schlossbesitzer zu werden. Diese Erfahrung hat Mathias Häfeli gemacht. Seit Juli letzten Jahres ist er Schlossherr.

Der 34-jährige Häfeli, der in der Schweiz als Sozialpädagoge in einem Heim für schwer erziehbare Jugendliche gearbeitet hat, ist nicht gegangen, weil es ihm hier nicht gefallen hat. Häfeli wäre auch in der Schweiz geblieben, wenn er sich hier den Traum von der Selbstständigkeit hätte erfüllen können. Er und sein Partner suchten lange einen Bauernhof. Doch hier – in der Nähe von Zürich sowieso – war alles viel zu teuer. Für eine Summe, die für einen kleinen Bauernhof in der Schweiz kaum gereicht hätte, konnten er und sein Partner schliesslich in der Bretagne, im kleinen Ort Parigné, 45 Fahrminuten von Rennes, ein «Château» erwerben. 2200 Quadratmeter Innenfläche. 18 Hektaren Land und Garten drumherum. Dazu ein kleiner See.

Auch wenn es so aussehen mag: Häfeli lebt nicht wie ein König in Frankreich. Im Moment eher noch von der Hand in den Mund. Im «Château du Bois Guy» betreibt Häfeli und sein Partner ein Bed & Breakfast. Häfeli ist nach Frankreich gegangen, weil es dort noch Platz hat, seine Träume zu verwirklichen.

Die Französische Höchnäsigkeit nervt

Aus anderen Gründen ist vor gut fünf Jahren Martin Kiefer ausgewandert: Er ging nach Paris, um Kunstgeschichte zu studieren – und ist hängengeblieben. Frankreich hat auch seine Nachteile, weiss der Mittdreissiger, der inzwischen im Louvre als Ausstellungs-Koordinator arbeitet. Er nervt sich gelegentlich an der französischen Hochnäsigkeit, der Arroganz der «grande nation». «Was ausserhalb Frankreichs passiert, nehmen Franzosen oft gar nicht wahr.»

Auch das französische Bildungssystem ist für Kiefer nicht das Gelbe vom Ei. Und um den Lehrerberuf – Kiefer hat in der Schweiz selber als Lehrer gearbeitet – sei niemand zu beneiden. Generell ist Arbeit zu finden in Frankreich angesichts der im Vergleich zur Schweiz hohen Arbeitslosigkeit nicht einfach. Firmen bieten, solange es geht, ihren Angestellten Zeitarbeitsverträge.

Doch wer dann mal einen unbefristeten Arbeitsvertrag in der Tasche hat, der hat auch einige Annehmlichkeiten: Mütter erhalten einen grosszügigen Mutterschaftsurlaub. Sie können bis zu einem Jahr von der Arbeit fernbleiben, ohne den Job zu verlieren. Martin Kiefer hat neun Wochen Ferien, üblich sind mindestens sechs. Und die 35-Stunden-Woche lässt noch etwas Zeit, um neben der Arbeit das Leben zu geniessen.

Die Franzosen: kommunikationsfreudig und humorvoll

Nur ist auch der Lohn entsprechend: «In der Schweiz würde ich einen Drittel mehr, wenn nicht gar das Doppelte verdienen», sagt Kiefer. Doch Geld ist kein Grund für ihn, Paris den Rücken zu kehren. Die Mentalität der Franzosen ist das, was ihn hält. «Die Franzosen sind weniger verkorkst». Sie seien kommunikationsfreudig, hätten Humor. Paris ist sein zu Hause.

Die Kontaktfreudigkeit hat auch Mathias Häfeli am «Tag der offenen Tür» seines Schlosses im Oktober überrascht: «Wir haben mit hundert Besuchern gerechnet. Gekommen sind weit über tausend». Heute hat es auf dem «Château du Bois Guy» angenehme 15 Grad statt Hochnebel wie in Zürich. Häfeli renoviert zurzeit die Küche. Irgendwann soll aus der Herberge ein Schlosshotel werden. Häfeli kommt nur selten weg vom Anwesen, noch seltener besucht er die Schweiz. Vermissen tut er nur wenig. «Die Leute kommen zu uns.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.02.2010, 12:09 Uhr

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30 Kommentare

Fred Büchi

18.02.2010, 20:11 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Der Artikel zeigt das Problem ungenügend: Es sind in der Schweiz gut Ausgebildete, die das Land verlassen, Leute, die begriffen haben, dass Lebensqualität nichts mit Geld zu tun hat. Die Schweiz bewegt sich seit knapp 100 Jahren in die falsche Richtung und will das nicht zur Kenntnis nehmen, bis es zu spät ist. Im Ausland werde ich nicht von der SVP und ihrer dämlichen Entourage angegiftet. Antworten


Rudolf Wederli

18.02.2010, 20:49 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Wundert mich überhaupt nicht! Man zahlt einen hohen Preis wenn man in der Schweiz lebt, alles schön sauber und durchorangisiert. Wenn ich aber in die S-Bahn einsteige, die müden, bleichen und genervten Gesichter anschaue, vergeht mir das Lachen. Wir haben es verlernt richtig zu Leben, uns an den kleinen Sachen zu erfreuen. Geld scheffeln, Egoist sein, sichere Rente, das zählt. Antworten



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