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Warum der freie Markt im Gesundheitswesen versagt

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 28.07.2009 40 Kommentare

Für die Amerikaner ist das Schweizer Gesundheitssystem vorbildlich. In beiden Ländern zeigt sich aber: Die Marktwirtschaft funktioniert hier nicht.

Im eigenen Land umstritten, vorbildlich für die USA: Das Schweizer Gesundheitssystem.

Im eigenen Land umstritten, vorbildlich für die USA: Das Schweizer Gesundheitssystem. (Bild: Keystone)

Die heiss geführte Debatte um Gesundheitsreformen in den USA hat viel mit der Schweiz zu tun. Das Schweizer System, so umstritten es hierzulande ist, wird in den USA als vorbildlich gesehen und als Kompromissmodell zwischen den verschiedenen Reformplänen gehandelt. Die Auseinandersetzung im Kernland des Kapitalismus macht zudem klar, dass für das Gesundheitswesen eine reine Marktlösung nicht funktionieren kann. Genau dies wird sowohl in den USA wie in der Schweiz immer wieder gefordert.

Eines der wichtigsten Anliegen der Reformer um Präsident Obama ist die generelle Abdeckung mit Versicherungsleistungen. Etwa 49 Millionen Amerikaner sind nicht versichert. Dabei handelt es sich allerdings nicht nur um jene, die sich dies aus Armut nicht leisten können. Gemäss Studien hätte ein Viertel davon zwar die Mittel, bezahlt aber dennoch nicht dafür, da diese Leute davon ausgehen, im Bedarfsfall auf Nothilfe zählen zu können. Eine Pflicht für alle sorgt daher dafür, dass auch alle sich daran finanziell beteiligen. Wer dazu nicht in der Lage ist, soll gemäss den Plänen der US-Regierung, wie in der Schweiz finanzielle Beihilfen des Staates erhalten.

Freie Wahl und Konkurrenz als Schweizer Trumpf

Die heisseste Debatte in den USA dreht sich daher um die Frage, ob per Versicherungspflicht alle zur Deckung gezwungen werden sollen, wer wie viele Subventionen erhalten soll und ob neben den privaten Versicherern – denen einige Ökonomen zu grosse Marktmacht vorwerfen – auch eine neu zu schaffende staatliche als zusätzliche Konkurrenz auftreten soll. Heftig diskutiert werden – wie überall sonst auch – die hohen Kosten des Gesundheitswesens und deren befürchtete Steigerungen.

In der Reformdebatte wird das Modell immer wieder mit dem Gesundheitssystem der Schweiz verglichen. Als vorbildlich gilt, dass unser Land einerseits ebenfalls eine generelle Versicherungspflicht kennt, den Konsumenten aber die freie Wahl belässt und einen gewissen Grad an Konkurrenz kennt. Gemessen als Anteil am Bruttoinlandprodukt bezahlen die Schweizer einen Drittel weniger für Gesundheit als die Amerikaner, während die Leistungen des Schweizer Gesundheitswesens insgesamt als besser beurteilt werden.

Krugman: «Freie Märkte funktionieren hier nicht»

Aus Schweizer Sicht mag das seltsam anmuten, gilt doch hierzulande das System ebenfalls als krank. Alleine von den Kosten her betrachtet schneidet unser System nur gerade gegenüber den USA gut ab, denn nach diesem ist es das teuerste der Welt. Vergleicht man allerdings die Kosten der Gesundheitssysteme mit den Einkommen, zeigt sich rasch, dass reichere Länder generell mehr für die Gesundheit ausgeben. Man kann und will sie sich leisten. Selbst wenn es gelingt, die Effizienz der Systeme zu steigern, wird daher der Kostenanteil nicht mehr so tief sein, wie in den alten armen Zeiten.

Trotz der Unterschiede in den Gesundheitssystemen in den USA und der Schweiz läuft die Debatte über Reformen und Möglichkeiten verblüffend ähnlich ab. Einerseits dreht sie sich um perverse Anreize für Konsumenten und Gesundheitsanbieter, die zu höheren Kosten ohne entsprechende Verbesserung der Gesundheit führen. Besonders beliebt ist daher auch dort wie hier die Forderung nach einem generellen «freien Markt» im Gesundheitswesen.

Nicht wie Brot oder TV-Geräte

Führende US-Ökonomen erteilen diesem Anliegen eine Abfuhr – weil hier Märkte ganz einfach nicht funktionieren: «Gesundheitsdienstleistungen können nicht wie Brot oder TV-Geräte über Märkte gehandelt werden», führt Nobelpreisträger Paul Krugman aus. Die Ökonomen hätten die Marktversagen in diesem Bereich schon vor Jahrzehnten benannt.

Potenzielle Patienten können sich schwere Operationen nur in Ausnahmefällen selber leisten und können diese meist nicht planen. Allein dies erfordert Versicherungen. Die Versicherungen wollen alle potenziellen Kranken allerdings am liebsten ausschliessen. Die Kosten für das entsprechende Screening der Antragsteller sind für Krugman «sozial destruktive Aktivitäten»: Es sind Kosten, die letztlich dafür sorgen, dass diejenigen, die eine Deckung am meisten benötigen, sie am wenigsten erhalten. Auch hier drängt sich deshalb ein staatlicher Eingriff auf.

Schliesslich können Patienten nicht wie beim Brot zwischen den Anbietern auswählen. Bei der Gesundheit vertraut man lieber dem Rat der Ärzte als dem eigenen Geschmack. Alles andere wäre lebensgefährlich. Selbst die Qualität der Leistungen von Ärzten und Spitälern können «Konsumenten» nur in den wenigsten Fällen selber beurteilen. Ein schlechtes Brot dagegen kauft man nicht mehr und Bäcker mit einem schlechten Ruf verschwinden bald von der Bildfläche.

Krugmans Schlussfolgerung hat für die Debatte in der USA so viel Gewicht, wie für jene in der Schweiz: «Es gibt kein Beispiel eines erfolgreichen Gesundheitssystems, das auf den Prinzipien des freien Markts beruht. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Im Gesundheitswesen funktionieren freie Märkte nicht.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.07.2009, 13:50 Uhr

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40 Kommentare

Kurt Harter

28.07.2009, 14:43 Uhr
Melden

Im Zusammenhang mit dem Gesundheitswesen von freiem Markt zu sprechen zeugt von völliger Unkenntnis. Mit einer obligatorischen Grundversicherung die alles bis ins hinterletzte Detail (sogar die Hokuspokus-Komplementär-Medizin) regelt ist ein freier Markt gar nicht möglich. Antworten


Martin Uhr

28.07.2009, 13:52 Uhr
Melden

Schade, dass diese Erkenntnisse noch nicht in der Schweiz angekommen sind. Es wäre höchste Zeit für radikale Änderungen in unserem Gesundheitssystem. Antworten



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