Schweiz
Was nützt die BaZ der SVP?
Von Christian Lüscher. Aktualisiert am 13.12.2011 106 Kommentare
Bekanntgabe von Suters Nachfolger am Donnerstag
Nach dem Abgang von Moritz Suter, der seine Aktien an Rahel Blocher verkaufte, herrscht bei der «Basler Zeitung» Funkstille: Weder das Unternehmen noch die Redaktion nehmen Stellung. Am Donnerstag soll Suters Nachfolger offiziell bekannt gegeben werden.
Redaktion wartet auf Fakten
Christoph Blocher - Firmen-Partner seiner Tochter Rahel - äusserte sich gegenüber der Nachrichtenagentur sda am Dienstag nicht zur «Basler Zeitung». Informationen dazu werde es keinesfalls vor den Bundesratswahlen, also frühestens am Donnerstag geben, sagte der SVP-Nationalrat am Rande der Session in Bern.
Blocher wollte auch nicht Stellung nehmen zum Gerücht, FDP- Nationalrat Filippo Leutenegger werde neuer Verwaltungsratspräsident der «BaZ». Solange der künftige «BaZ»-Verleger nicht bekannt ist, will auch die Redaktion nicht Stellung nehmen: Dazu lägen noch zu wenig Fakten auf dem Tisch, sagte ein Sprecher der Redaktionskommission.
Derweil ruft die Protestbewegung «Rettet Basel» mit Schriftsteller Guy Krneta, die 2010 nach der Einsetzung von Blocher- Biograph Somm als Chefredaktor entstanden war, zu einer Kundgebung am Samstag auf. Ihren damaligen online-Aufruf gegen Somm und für eine unabhängige BaZ haben bis am Dienstag mehr als 19'000 Personen signiert. (sda)
Artikel zum Thema
- Rahel Blocher übernimmt die BaZ-Aktien
- «Ich habe Einfluss bei der BaZ, das ist ja klar»
- Basler Zeitung erhält Sonntagsausgabe
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Der Abgang von Moritz Suter als Verleger der «Basler Zeitung» sorgt in den Schweizer Medien für Schlagzeilen. Dass SVP-Chefstratege Christoph Blocher über seine Tochter Rahel Einfluss auf die Zeitung hat, wird von Medienexperten mit Besorgnis wahrgenommen.
Medienwissenschafter Professor Roger Blum sagt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass es ihn nicht überrasche, dass Unternehmer mit politischem Hintergrund wie Christoph Blocher versuchen, sich finanziell an Medienunternehmen zu beteiligen. Man könne diese Entwicklung zunehmend auch in Frankreich beobachten. Blum sagt: «Die Verschmelzung von Medien und Politik ist äusserst problematisch, was man in Russland oder in arabischen Ländern unschwer sieht.»
Wird Leutenegger von Blocher auch politisch dirigiert?
Mit Besorgnis registriert Blum die Gerüchte, wonach FDP-Politiker Filippo Leutenegger die Rolle des künftigen BaZ-Verlegers übernehmen soll. Dies berge ein hohes Konfliktpotential, weil nicht klar sei, ob Leutenegger auch politisch von Blocher dirigiert werde. Sollte sich das Engagement Leuteneggers bewahrheiten, gelte es, diese Macht/Geld-Konstellation genau zu beobachten.
Über die Gründe, warum Blocher sich bei der «Basler Zeitung» einbringt, vertritt Blum eine klare Meinung: «Blocher schwebt eine nationale rechte Zeitung vor, die publizistisch im Sinne der SVP Einfluss nimmt.» Blocher nehme die Schweizer Medienlandschaft als zu links wahr. Für Blochers Mainstreamthese hat der Medienwissenschaftler allerdings wenig übrig: «Die Medien berichten sehr differenziert.» Blum glaubt im Übrigen nicht, dass Blocher mit der «Basler Zeitung» Einfluss auf die politische Meinungsbildung nehmen kann, auch wenn es noch keine ebenbürtige publizistische Alternative zur BaZ gäbe: «Die Basler haben jetzt eine Wut im Bauch, werden aber weiterhin links wählen und die ‹Basler Zeitung› lesen.»
Blochers Motive unklar
Auch Karl Lüönd, profunder Kenner der Zeitungsbranche, kommt zu einem ähnlichen Verdikt. Lüönd glaubt nicht, dass die «Basler Zeitung» der SVP viel nützt: «Vielleicht hängt Blocher dem alten Traum nach einem rechtsbürgerlichen überregionalen Sprachrohr nach und vergisst, dass die Leute heutzutage Medien nicht mehr als Sprachrohre nutzen, sondern als Informations- und Serviceplattformen, vor allem im lokalen Bereich. »
Was könnten also Blochers tatsächliche Motivation sein? Löünd sagt: «Ich frage mich die ganze Zeit, warum der Politiker Blocher in ein Zeitungsmodell investiert, das seit fünfzig Jahren an Bedeutung verliert: Parteizeitung, politisches Indoktrinierungsorgan. Das kann doch nur damit zu tun haben, dass der Unternehmer Blocher ein Geschäft sieht.» Es sei sehr selten, dass eine Zeitung von der Grösse und Bedeutung der BaZ auf den Markt kommt. Löünd rechnet vor: 70 Millionen Kaufpreis plus 30 Millionen für die Pensionskasse plus etwa 100 Millionen Schulden. «200 Millionen für 70'000 Abonnenten plus etliche Tochterfirmen – das sieht doch gar nicht so schlecht aus, vorausgesetzt, die Blochers bekommen das Problem mit den Überkapazitäten im Druckbereich in den Griff», meint Lüönd.
Einfache Rechnung
Bleibt die Frage, was passiert, wenn die Abonnenten in Scharen abspringen. Wie vor etwa einem Jahr, bevor Moritz Suter das Ruder in die Hand nahm. Mediaprofi Andy Lehmann hat eine simple Antwort: «Aus mediastrategischer Sicht ist es ganz einfach: Die Leser entscheiden. Wenn die Leser die BAZ nicht mehr lesen, fehlen die Abo-Einnahmen. Wenn die Leser fehlen, werden die Inserenten nicht mehr werben - es fehlen auch die Anzeigenerlöse. Und ob eine Zeitung allenfalls in extremis ohne Leser und ohne Anzeigen auskommen kann, hat der Verleger zu entscheiden.»
Glaubwürdigkeit in Gefahr
Interessant ist auch die Frage, inwiefern die «Basler Zeitung» an journalistischer Glaubwürdigkeit verliert. Besonders da nun bekannt ist, wer offiziell zu den Besitzern der Zeitung gehört. Medienjournalist Francesco Benini, der bereits im Februar Blochers Verstrickungen in der «NZZ am Sonntag» thematisierte, meint: «Einem Chefredaktor, der sich wie Markus Somm an einen Politiker kettet, fehlt meiner Meinung nach die Glaubwürdigkeit. Christoph Blocher hat versucht, die Öffentlichkeit in der Nordwestschweiz hinters Licht zu führen. Für ein Medienunternehmen ist die Glaubwürdigkeit zentral – die Akteure in Herrliberg und Basel haben sie zerstört.»
Benini glaubt, dass Blochers Engagement seiner Partei wenig nützt: «Der SVP nützt diese Entwicklung nicht. Zu erwarten ist vielmehr, dass Blochers Versteckspiel die Abwehrreaktion gegen die Partei in Basel noch verstärkt.»
«Konrad Hummler soll mal das Checkbuch zur Hand nehmen»
Und was würde der bekannte Medienjournalist und Verleger Kurt W. Zimmermann Christoph Blocher raten? So quasi ein kollegialer Tipp unter Verlagskollegen? Auf Anfrage meint er pointiert: «Ich glaube, es ist wie bei Maggi, Mars und Mazda. Ein Markenartikel braucht im Markt Vertrauen. Es wäre darum am besten, wenn die NZZ die ‹Basler Zeitung› kauft. Redaktionell könnten Markus Spillmann und Markus Somm sicher gut zusammen. Und im Verlag wüssten Polo Stäheli und Urs Schweizer genau, wie man eine kaputte Druckerei saniert. NZZ-Verwaltungsrat und Bankier Konrad Hummler soll mal das Checkbuch zur Hand nehmen.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.12.2011, 15:56 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
106 Kommentare
Die These von der "linken Medienlandschaft" ist nur ein Trick der Mächtigen. Die Mainstream-Zeitungen berichten immer noch am meisten über die SVP. Kein Tag vergeht, ohne die Rechtskonservativen zu hätscheln. Ob positiv oder negativ berichtet wird, spielt keine Rolle. Auch Künstler und Werber wissen schliesslich: Mit Provokationen und Verrissen kommt man weiter als mit Totschweigen! Antworten
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.


Bitte warten


