Wasserkraft ist fast ausgeschöpft

Auch Bürgerliche reden vom Atomausstieg, fordern im Gegenzug aber den massiven Ausbau der Wasserkraft. Doch damit lassen sich die AKW nicht ersetzen. Experten sehen mehr Potenzial in der Solarenergie.

Staudämme in der Schweiz

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Die Reaktorkatastrophe in Japan hat FDP, CVP und BDP zum Umdenken gebracht. Ihre Bereitschaft zum Atomausstieg verknüpfen sie jedoch mit Forderungen an SP und Grüne. Diese müssten den Widerstand gegen höhere und neue Staumauern aufgeben. Vor allem CVP-Präsident Christophe Darbellay und BDP-Chef Hans Grunder sehen «grosses Potenzial» in der Wasserkraft.

Doch gerade diese Energiequelle hat die Schweiz wie kaum ein anderes Land schon erschlossen. «Zwischen 90 und 95 Prozent des wirtschaftlichen Potenzials der Wasserkraft schöpft die Schweiz aus», sagt Robert Boes, Professor für Wasserbau an der ETH Zürich. «Mit neuen Wasserkraftwerken kann die Schweiz in Zukunft jährlich maximal rund 6 Terawattstunden Strom herstellen.» Das entspricht rund einem Viertel jener Menge, die beim Atomausstieg ersetzt werden müsste. Mit Wasserkraft aus Lauf- und Speicherwerken werden heute knapp 36 Terawattstunden (TWh) Strom produziert. Zum Vergleich: Die drei alten AKW Mühleberg sowie Beznau I und II produzieren pro Jahr 9 TWh.

Sparen und Fördern

Das Bundesamt für Energie geht davon aus, dass mit dem Aus- und Neubau von Wasserkraftanlagen maximal 7 Terawattstunden gewonnen werden können, realistisch seien 5 TWh. Und dieses Potenzial wird um 1 bis 2 TWh dadurch gemindert, dass die Restwassermengen in den Bächen aus ökologischen Gründen künftig erhöht werden müssen. Zudem führt der Klimawandel langfristig zu einer Produktionseinbusse von 2 Terawattstunden. Unter dem Strich bleibt also wenig neuer Wasserstrom.

Ökologisch verträglich sei sogar nur ein Ausbau um 2,5 TWh, findet Jürg Buri, Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung. Dazu müssten alte Anlagen mit effizienteren Turbinen ausgerüstet und neue Kleinkraftwerke realisiert werden. Die maximale Ausschöpfung der Wasserkraft würde dagegen bedingen, dass aus ökologischen Gründen gescheiterte Projekte wie etwa im Val Curciusa oder der Greina-Ebene (beide GR) reaktiviert würden.

Schweizer Sonnenenergie hat grosses Potenzial

Buri hält die Fixierung auf den Ausbau der Wasserkraft für falsch. Allein mit effizienteren Geräten lasse sich der Stromverbrauch um 30 Prozent reduzieren. Der Ersatz aller Geräte und Maschinen dürfte aber Jahrzehnte dauern. Buri fordert deshalb die konsequente Förderung aller erneuerbaren Quellen, zu denen auch Solar- und Windenergie gehören. Er hält zudem kleinere Gaskraftwerke zur Stromproduktion für vertretbar, wenn die Abwärme in Fernwärmenetze eingespeisten und andernorts zur Reduktion des Heizölverbrauchs genutzt wird. Rolf Wüstenhagen, Professor an der Universität St. Gallen, schätzt das Potenzial der Sonnenenergie in der Schweiz als sehr gross ein. «In den Alpen haben wir eine ähnlich intensive Sonneneinstrahlung wie in Südspanien.» Auf dem Malojapass beispielsweise beträgt diese 93 Prozent der Sonneneinstrahlung von Malaga. Wüstenhagen zieht den Vergleich zu Deutschland. Dort wurden – bei klimatisch schlechteren Bedingungen – allein im letzten Jahr Sonnenenergie-Anlagen installiert, die 10 Prozent des Schweizer Strombedarfs decken. Der Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie hat ausgerechnet: Wenn auf jedem Schweizer Wohnhausdach 25 Quadratmeter Solarzellen installiert werden, sind 10 Prozent mit heutiger Technik erreichbar.

Als eine politische Sofortmassnahme zur Förderung der Solarenergie nennt Wüstenhagen die Aufhebung der Limitierung bei der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV). «Damit würde insbesondere die Installation von Solaranlagen auf Hausdächern forciert.» Tatsächlich reichen die KEV-Fördermittel von heute 265 Millionen Franken pro Jahr nicht aus, um alle beantragten Projekte zu realisieren. Zurzeit umfasst die Warteliste bei der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid projektierte Energieanlagen für 4 TWh. Ab 2013 stehen durch die Erhöhung der Förderabgabe auf Strom 500 Millionen für die KEV bereit.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.03.2011, 10:05 Uhr)

Fixierung auf den Ausbau der Wasserkraft ist falsch: Die Staumauer auf dem Grimsel, aufgenommen am Montag, 20. Juli 2009.

Sanierungsschub zeichnet sich ab

Rund 60 Jahre nach dem Boom der Wasserkraft stehen die Energiefirmen vor einem grossen Wandel: Da Konzessionen in der Regel 60 bis 80 Jahre dauern, müssen viele Unternehmen in den nächsten Jahren neue Gesuche einreichen, um die Werke weiterhin betreiben zu können. «Vor allem ab 2030 gibt es einen Schub an Erneuerungen», erklärt Roger Pfammatter, Direktor des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbandes.

Anders als bei Atomkraftwerken ist nicht vorgesehen, dass die Anlagen nach einer bestimmten Laufzeit vom Netz müssen: «Wasserkraftwerke sind für eine lange Betriebszeit konzipiert. Es ist nicht geplant, diese abzubrechen», sagt ein Sprecher der Bernischen Kraftwerke (BKW). Staumauern etwa sind laut der Axpo auf eine Laufzeit von 200 Jahren ausgelegt. Absehbar ist aber, dass nach der Vergabe von neuen Konzessionen viel Investitionsbedarf entsteht: «Energieproduzenten haben zwar die Auflage, ihre Werke bis zum Auslaufen der Konzession betriebsbereit zu halten», erklärt Jörg Aeberhard, Leiter hydraulische Produktion bei Alpiq. «Kurz nach der Neuvergabe wird der Erneuerungsbedarf dennoch gross sein.» Bereits heute wendet Alpiq pro Jahr 100 Millionen Franken für Sanierungen an ihren bestehenden Wasserkraftwerken auf.

Die Überprüfung der Sicherheit von Wasserkraftwerken findet laut ETH-Wasserbau-Professor Robert Boes laufend statt: «Die Anforderungen an die Erdbebensicherheit von Stauanlagen wurden in den letzten Jahren stark erhöht. Viele Kraftwerke haben hier bereits investiert.» Einige wenige kleinere Staumauern habe man sogar neu errichtet, weil die Qualität des Betons nicht mehr genügend dauerhaft gewesen sei. Bei der Wasserkraft stehe, anders als bei der Atomenergie, keine Kostenexplosion wegen neuer Sicherheitsauflagen an. (David Schaffner)

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