«Wegen meinem Ex-Mann wurden wir zum Sozialfall»
Von Beat Bühlmann. Aktualisiert am 24.12.2009 250 Kommentare
Armut in der Schweiz
Mittelschicht droht der soziale Abstieg Die sozialen Folgen der Wirtschaftskrise stehen der Schweiz erst noch bevor. «Für viele aus der Mittelschicht werden Jahre des sozialen Abstiegs kommen», prognostiziert Caritas-Ökonom Carlo Knöpfel. «Die Armut wird sich in der Schweiz weiter ausbreiten.»
Gemäss neusten Schätzungen von Caritas Schweiz leben zwischen 700'000 und 900'000 Personen in einer Armutssituation. Die Armut in der Schweiz betrifft schätzungsweise 260'000 Kinder, 480'000 Personen im Erwerbsalter und 160'000 Rentner. Unter der Armut leiden insbesondere junge Menschen mit mangelnder Bildung.
«Bereits der Umstand, in eine arme und bildungsferne Familie hineingeboren zu werden, vergrössert das Risiko, als erwachsener Mensch wieder zu den Armen zu gehören», konstatiert Carlo Knöpfel. Deshalb will Caritas Schweiz 2010 - im Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung - Gegensteuer geben. Die Armutsspirale müsse mit besserer Bildung sowie mit Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien gestoppt werden.
Das Parlament hat den Bundesrat vor drei Jahren beauftragt, eine gesamtschweizerische Strategie zur Armutsbekämpfung zu entwickeln. Vorgesehen war, diesen Bericht im Dezember 2009 im Bundesrat zu verabschieden und am 4. Februar 2010 in Bern an einer nationalen Konferenz zur Armutsbekämpfung vorzustellen und zu diskutieren.
Armutskonferenz verschoben
Nun wurde die Tagung vom 4. Februar im Kursaal Bern abgesagt und auf später verschoben. Der neue Departementschef Didier Burkhalter habe veranlasst, dass der Bericht «leicht überarbeitet und angepasst» werde, sagt Harald Sohns vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Insbesondere sollen die Handlungsfelder des Bundes konkretisiert werden. Wann die Armutskonferenz nun stattfindet, ist offen. (bm.)
Sie hat vorgeschlagen, dass wir uns zum Gespräch an der Kleinen Emme bei einem Spaziergang treffen. Frau B. ist wegen Rückenbeschwerden krankgeschrieben und kann nicht längere Zeit ruhig sitzen. Sie ist 49 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von drei Söhnen. Die zwei ältesten absolvieren eine Lehre, der jüngste ist neun Jahre alt und besucht die dritte Primarklasse. Von ihrem Mann ist sie geschieden. Frau B. erscheint pünktlich um acht Uhr morgens am vereinbarten Treffpunkt. Sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift «Arme-Reiche-Schweiz». Sie wolle zur Armut stehen, sagt sie, auch wenn das Mut erfordere. Dann lässt sie ihren Hund von der Leine, und wir ziehen los.
Die Kinder schämen sich
«Ich beziehe seit einiger Zeit keine Sozialhilfe mehr und lebe nun unter dem Existenzminimum. Ich habe diesen ewigen Druck, dieses Rechtfertigenmüssen auf dem Sozialamt nicht länger ertragen. Ständig diese Kontrollen und diese Belehrungen! Die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe Skos sind haarsträubend und werden nach Gutdünken angewandt, ich kann mich auf nichts berufen. Es ist die absolute Willkür. Als das Hochbett der zwei grossen Jungs zusammenbrach, durfte ich es nicht ersetzen. Die Buben könnten auf dem Boden schlafen, hiess es, die Gemeinde habe erst vor zwei Jahren ein Bett bezahlt. Nur mussten wir damals das billigste Bett nehmen, obschon meine Jungs beide über 190 cm gross und fast 100 kg schwer sind. Es ist schwierig, diese Ohnmacht zu ertragen.
Was arm sein bedeutet? Immer froh sein, wenn man die Rechnungen bezahlen kann! Und dann irgendwie schauen, wie man mit den restlichen drei- bis fünfhundert Franken über die Runden kommt: Lebensmittel, Körperpflege, Waschmittel - für neue Kleider reicht es meistens nicht mehr. Die Buben tragen manchmal Socken, es ist eine Katastrophe. Und dann die Arbeitsschuhe, wie sie von der Suva vorgeschrieben sind. Meine zwei Ältesten haben Grösse 47 und 48, wie soll ich die bezahlen? Im Winter ging der eine Bub zwei Wochen lang mit kaputten Sportschuhen zur Arbeit auf die Baustelle. Wäre er verunfallt, hätte die Suva nicht bezahlt. Aber er getraute sich zuerst nicht, es mir zu sagen. Schliesslich nahm ich meine Kreditkarte und kaufte ihm die Schuhe. Ich bin ohnehin immer am Limit, meistens sind nur 100 bis 200 Franken auf dem Konto. Meine Söhne müssen mit Ausnahme von 200 Franken Sackgeld alles zu Hause abgeben, sonst würden wir gar nicht durchkommen. Dafür schäme ich mich sehr. Aber ich habe die Armut vorihnen nie versteckt.
Arm sein ist eine Verdammnis in alle Ewigkeit. Ein Kind, das nicht genug zu essen hat, kann sich in der Schule nicht konzentrieren. Ein Kind, das sich nicht richtig kleiden kann, zum Beispiel für den Sporttag, wird verlacht und ist nicht integriert. Zuweilen schämten sich meine Kinder so stark, dass sie sich weigerten, ins Turnen zu gehen. In dieser Notlage habe ich ihnen hie und da eine Entschuldigung geschrieben, damit sie nicht zur Schule gehen mussten. Ich habe immer versucht, meinen Kindern Anstand beizubringen - nicht lügen, die Arbeiten erledigen, sich korrekt aufführen. Wenn ich vollzeitlich arbeiten würde, wären sie sich selber überlassen.»
Es ist ein prächtiger Morgen. Frau B. bleibt immer wieder stehen, ruft nach dem Hund, grüsst die wenigen Spaziergängerinnen, die unseren Weg kreuzen. Sie arbeitete Teilzeit bei einem Grossisten für Lebensmittel und verdiente monatlich zwischen 700 und 1000 Franken. Die beiden älteren Söhne geben vom Lehrlingslohn gut 1000 Franken in die Haushaltskasse, dazu kommen die Kinder- und Ausbildungszulagen von 700 Franken. Die Alimente machen noch 1200 Franken aus, sie wurden auf Betreiben des Vaters um 1000 Franken gekürzt. Die Familie lebt auf dem Land und ist auf das Auto angewiesen.
Das Betteln ist das Schlimmste
«Durch die Herabsetzung der Alimente von 2200 auf 1200 Franken, die mein Ex-Mann vor acht Jahren vor Gericht durchsetzte, wurden wir zum Sozialfall. Ich mache keine Schulden, wurde bis jetzt nicht betrieben. Aber als Alleinerziehende komme ich einfach nicht aus diesem Schlamassel. Nun habe ich die Stelle wegen meiner Rückenbeschwerden verloren und kann die Lebensmittel nicht länger günstiger beziehen. Was haben wir nun auf dem Tisch? Das Geld reicht doch nirgends hin! Letzthin hat der Sohn 30 Franken ans Benzin beigesteuert, weil ich blank war. Das hört nicht auf, mit dieser Armut. Nur schon eine Stromrechnung, die 40 Franken teurer ist als üblich, bringt mich aus der Fassung. Dann schreibe ich Stiftungen an oder gehe zur Caritas. Dieses Betteln ist am schlimmsten, es ist so demütigend.
Ich bin eine Kämpfernatur, und das wird mir zum Verhängnis. Ich bin ja nicht freiwillig in diese Situation geraten! Als der Richter die Alimente kürzte, habe ich ihm gesagt, damit mache er uns zum Sozialfall. Der Mann brauche eine faire Chance, hat er erwidert, mit drei Kindern werde man in der Schweiz zum Sozialfall. Ich hätte ihn umbringen können. Wo ist m e i n e faire Chance? Diese Ungerechtigkeit, diese Ohnmacht, diese Wut! Nur weil der Vater der Kinder nicht mehr arbeiten und seine thailändische Freundin heiraten wollte, müssen wir unten durch. Als wir damals von einem Monat auf den anderen 1000 Franken weniger zur Verfügung hatten, wusste ich überhaupt nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Wir konnten kaum das Essen bezahlen. Einmal stritten sich meine Kinder um ein Stück trockenes Brot. Ich war verzweifelt. Ich habe meine zwei grossen Buben ins Heim gegeben. Dort hatte jeder sein eigenes Zimmer, genug zu essen, 80 Franken Kleidergeld und pro Woche 20 Franken Sackgeld. Doch es war schrecklich - als hätte man mir das Herz aus dem Leib gerissen. Niemand kann sich vorstellen, was das für eine Mutter bedeutet. Zum Glück hatte ich noch den Jüngsten zu Hause - sonst hätte ich wohl mein Leben beendet.»
Frau B., die selbstbewusst wirkt und sich nicht ohne weiteres unterkriegen lässt, stockt und beginnt zu weinen. Wir gehen schweigend weiter.
Arme reiche Schweiz
«Ich habe versucht, es aus eigenen Kräften zu schaffen. Aber wie soll das gehen? Ich komme mir vor wie in einer Schrottpresse. Ich mache den Job gerne, aber mit meinem kranken Rücken bin ich nicht länger in der Lage, schwere Kisten zu tragen. Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als wieder aufs Sozialamt zu gehen. Sich am Ende für ein paar Hundert Franken prostituieren zu müssen, ist demütigend. Einer meiner Jungs will sogar ausziehen, wenn wir wieder zum Sozialfall werden. Paradox ist, dass wir mehr Geld hätten, wenn die beiden Ältesten auszögen. Soll ich deren Obhut aufgeben, nur um mehr zum Essen auf dem Tisch zu haben? Das fünftreichste Land der Welt versagt bei den eigenen Kindern! Arme reiche Schweiz.»
Der Artikel ist ein Vorabdruck aus dem Sozialalmanach 2010 zum Thema Armut, den Caritas Schweiz herausgibt. Am 15. Januar 2010 findet in Bern das nationale Caritas-Forum zur Armut statt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.12.2009, 07:35 Uhr
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250 Kommentare
Erschütternd, diese Geschichte! Allerdings würde ich gerne mehr über die Hintergründe wissen: Welche Bildungsabschlüsse haben die Beteiligten? Oder der Beruf und die soziale- bzw. die Einkommenssituation des Vaters, v. a. der Grund, weshalb die Alimente halbiert worden ist. Auch das Vorleben, die Zeit bis zur Scheidung wäre von Interesse: Wer hat schlussendlich warum die Scheidung eingereicht? Antworten

































