Schweiz
Er will und will nicht sterben
Von Christian Bütikofer. Aktualisiert am 20.04.2010
Herbert Franz Mataré ist eine Kapazität auf dem Gebiet der angewandten Physik. Der 97-Jährige wurde berühmt, weil er den ersten funktionierenden Transistor entwickelte und mit seiner Grundlagenforschung die aufkommende IT-Industrie nachhaltig beeinflusste.
Gar nicht lustig
Nun machen ihm aber seine Altersgebrechen das Leben schwer. Mataré wollte diesem schon zweimal ein Ende setzen – bei Dignitas in der Schweiz. Beide Male kehrte er aber in Zürich wieder um. Das hat Dignitas-Chef Ludwig A. Minelli angeblich gar nicht lustig gefunden, berichtete Mataré dem renommierten amerikanischen Magazin «The Atlantic». Minelli hätte ihn deswegen wütend angerufen und ihm geschrieben, alles sei organisiert gewesen, sie hätten auf ihn mit dem Giftcocktail gewartet, und dann sei er einfach nicht erschienen.
Laut Mataré wollte Minelli für die entstandenen Unkosten entschädigt werden. Dazu hält Ludwig A. Minelli gegenüber dem «Tages-Anzeiger» fest: «Wir machten mehrfach darauf aufmerksam, dass wir gar nichts dagegen haben, wenn sich jemand auch im letzten Moment dazu entschliesst, wieder nach Hause zu fahren. Es ist uns deshalb völlig schleierhaft, wie eine solche Behauptung veröffentlicht werden kann.» Mataré präzisiert: «Herr Minelli sandte mir eine kurze Aufstellung der Vorbereitungen mit Kosten, die ich vergütete, was normal ist.» Es war denn auch Minelli, welcher der Zeitschrift «The Atlantic» Mataré als Gesprächspartner empfahl, als sie eine Reportage über Dignitas plante.
Schon vor seinem Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod beschäftigte sich Mataré leidenschaftlich mit dem Thema der weltweiten Überbevölkerung. Denn weniger bekannt als seine Arbeiten zur Computerforschung sind seine Traktate zur Eugenik – und seine rassistisch verbrämten Thesen zur Erblehre. Mataré fürchtet den Untergang das Abendlandes: Die grossen Geburtenraten der Schwellenländer und der Dritten Welt zerstörten den Westen in naher Zukunft. Seine Sorgen zur Übervölkerung teilt er grossen Tageszeitungen in Deutschland auch schon mal in gemässigten Leserbriefen mit.
«Gewissenhafte Evolution»
Deutlicher wurde Mataré in «The Atlantic»: Dessen Reporter beschied er, es sei ein Fakt, dass die Leute aus Afrika, dem Mittleren Osten und Asien dümmer seien als Personen europäischer Herkunft. Je mehr es solchen Völkern erlaubt sei, sich zu vermehren, desto verschmutzter würde der Genpool, was wiederum den Fortschritt der Menschheit behindere. Um dieses Problem zu lösen, hat Mataré seine These der «Conscientious Evolution» («gewissenhafte Evolution») entwickelt. Kurz zusammengefasst, will er darin die Vervielfältigung minderwertigen genetischen Materials verhindern, weil es zu minderwertigeren Nachkommen führe. Die Übervölkerung bekomme man nur in den Griff, wenn in Drittweltländern Geburtenkontrollen eingeführt würden. Oder wenn jeder Einzelne wisse, wann er aus dem Leben scheiden soll – nämlich dann, wenn er nicht mehr nützlich sei.
«Oberflächliche Antworten»
Mataré bestätigte gegenüber dem TA diese Aussagen im Kern, fügte aber an: «Sie wissen ja, wie ein Journalist oberflächliche Fragen stellt und meist oberflächliche Antworten erhält.»
Grössere Texte zu seiner These veröffentlicht er in der pseudowissenschaftlichen Postille «Mankind Quarterly», zu deren Gründern der Rassentheoretiker Otto Freiherr von Verschuer gehört. Dieser war Doktorvater von SS-Arzt Josef Mengele, der im KZ Auschwitz Häftlinge für seine Experimente mit Krankheitserregern verseuchte und deren «Proben» seinem Mentor Verschuer zum weiterführenden wissenschaftlichen Studium nach Berlin schickte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.04.2010, 08:31 Uhr
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