«Weltwoche»-Redaktor schrieb auch bei deutscher Zeitung ab

Nicht nur beim britischen «Telegraph» hat sich die «Weltwoche» bedient. Auch aus der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» kupferte sie ganze Passagen ab.

Die violetten Stellen wurden wörtlich von der FAZ übernommen, die gelben Stellen leicht umgeschrieben: Urs Gehrigers Artikel in der «Weltwoche» vom 30. April 2015.

Die violetten Stellen wurden wörtlich von der FAZ übernommen, die gelben Stellen leicht umgeschrieben: Urs Gehrigers Artikel in der «Weltwoche» vom 30. April 2015.

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Die berühmteste Mauer der Welt – jene von Berlin – ist vor gut 25 Jahren gefallen. Weitere bekannte Grenzwälle stehen aber nach wie vor. Zehn davon hat die «Weltwoche» am 30. April beschrieben. «Zusammengestellt von Urs Gehriger» steht unter dem entsprechenden Artikel. Fragt sich bloss, was der «Weltwoche»-Redaktor zusammenstellen musste. Dies hatte vor ihm nämlich bereits die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) getan. In ihrer Onlineausgabe listete sie am 29. September 2014 dieselben zehn Mauern auf. In fast derselben Reihenfolge. Lediglich die beiden ersten Beispiele – dasjenige der Peace Lines in Nordirland und dasjenige der Line of Control zwischen Indien und Pakistan – hat Gehriger vertauscht.

Den Einstieg in den Text passte er ebenfalls nur leicht an. Die FAZ schrieb:

«Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer, doch anderswo leben Menschen auch heute hinter Beton und Stacheldraht. Hochgesicherte Grenzanlagen sollen Terroristen stoppen, Armutsflüchtlinge abhalten oder Gebietsansprüche festigen. FAZ.NET stellt die zehn gefährlichsten vor.»

Daraus machte die «Weltwoche»:

«Vor einem Vierteljahrhundert fiel die Mauer. So symbolisch war der Akt, dass die Europäer dachten, nun breche ein neues Zeitalter an. Doch leben auch heute Dutzende Millionen von ­Menschen hinter Beton und Stacheldraht. Hoch gesicherte Grenzanlagen sollen Terro­risten stoppen, Armutsflüchtlinge abhalten oder Gebietsansprüche festigen. Die zehn bekanntesten Mauerwerke:»

Keinen einzigen Buchstaben geändert

In diesem Stil geht es weiter. Kein einziger Wall wird beschrieben, ohne dass sich die «Weltwoche» ausgiebig bei der FAZ bedient hätte. Es ist auch nicht das erste Plagiat von Urs Gehriger, das bekannt wird. Am Wochenende berichtete die «NZZ am Sonntag», die «Weltwoche» habe beim britischen «Telegraph» abgeschrieben. Es ging um einen Bericht über das jüngste Buch des britischen Historikers Antony Beevor zur Schlacht in den Ardennen. Daraus übernahm Gehriger ganze Textabschnitte.

Dies tat er auch beim Bericht über die Grenzmauern. So schreibt etwa die FAZ über die Sperranlage um den Gazastreifen:

«Trotz Grenzanlagen und Bewachung gelingt es den Palästinensern immer wieder, Waffen und andere Güter durch ein selbstgegrabenes Tunnelsystem in den Gazastreifen zu bringen.»

Daran hat die «Weltwoche» keinen einzigen Buchstaben geändert, weshalb wir uns eine Wiederholung der Passage schenken können. Dasselbe gilt für diverse weitere Textstellen, etwa hier:

Roger Köppel spricht von «Fehlleistung»

«Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel nimmt dazu wie folgt Stellung: «Der erwähnte Text ist eine Fehlleistung und entspricht nicht den handwerklichen Standards der ‹Weltwoche›. Ich habe Sanktionen und Massnahmen getroffen, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert. Über Details gebe ich keine Auskunft.» Urs Gehriger, der vor seinem Wechsel zur «Weltwoche» für den «Tages-Anzeiger» geschrieben hatte, war nicht erreichbar.

Er ist nicht der Erste, der sich beim besagten FAZ-Artikel bedient hat, ohne diesen zu zitieren. Im vergangenen November hatte bereits «Blick am Abend» dasselbe getan – wenn auch etwas weniger offensichtlich. Redaktor Manuel Stocker stellte die Reihenfolge stärker um und verdichtete die zehn Mauern zu deren acht. Auch er kupferte aber von der FAZ gleich ein halbes Dutzend ganze Sätze ab. Dazu sagt Peter Röthlisberger, Chefredaktor von «Blick am Abend»: «Uns ist ein Fehler passiert. Das ist peinlich. Wir legen grossen Wert drauf, dass die Originalquelle immer zitiert wird.»

Es kommt immer wieder vor, dass sich Journalisten von anderen Texten inspirieren lassen. Da fliesst auch mal ein Gedanke oder ein Satz ein, ohne dass dieser zitiert wird. Dass aber fast der ganze Aufbau eines Artikels samt mehreren längeren Textpassagen abgekupfert wird, ist aussergewöhnlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.07.2015, 17:57 Uhr

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