Wenn Eltern den Tod der eigenen Kinder in Kauf nehmen

Kinderärzte sind besorgt: Zunehmend ernähren Eltern ihre Kinder vegan, bis sie krank werden. Andere verweigern ihnen eine möglicherweise lebensrettende Krebstherapie. Oft aus ideologischen Gründen.

«Auffällig viele Fälle»: Immer mehr Kinder werden im Spital nicht optimal versorgt – wegen ihrer Eltern.

«Auffällig viele Fälle»: Immer mehr Kinder werden im Spital nicht optimal versorgt – wegen ihrer Eltern. Bild: Keystone

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Als die Rettungssanitäter im Februar 2010 bei Familie Huber* eintrafen, war Jonas bereits bewusstlos, sein Herz-Kreislauf-System zusammengebrochen. Ein paar Minuten später – und der 7-Jährige wäre wohl gestorben. Die Eltern hatten Jonas über Jahre vegan ernährt, also ohne tierische Produkte. Und sie hatten es unterlassen, ihn zu impfen.

Er erkrankte daraufhin an Diphtherie. Selbst als er kaum mehr atmen konnte und die Nahrung verweigerte, handelten die Eltern nicht. Ebenso wenig stutzig machte sie der Umstand, dass Jonas nur noch auf dem Rücken liegen konnte; seine Beweglichkeit war massiv eingeschränkt. Erst als seine Atmung ganz aussetzte, alarmierten die Eltern den Notruf. Im Mai dieses Jahres wurde das Paar vom Kreisgericht Mels wegen Körperverletzung zu 23 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt. Laut dem «St. Galler Tagblatt» ist die vollständige Genesung des Kindes unwahrscheinlich. Seine vegane Ernährung hat zu teils irreparablen Schäden des Nervensystems, der Sinnesorgane, der Muskeln und der Knochen geführt.

Unterernährt und apathisch

Sind Jonas’ Eltern ein Einzelfall? Leider nein, sagt Oswald Hasselmann vom Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen. Es gebe immer wieder Eltern, die ihre Kinder vegan ernährten, bis sie krank würden. «In den letzten drei Jahren hatten wir sieben solche Fälle – und das war wohl nur die Spitze des Eisberges. Alle diese Kinder waren unterernährt, in ihrer kognitiven und emotionalen Entwicklung deutlich verzögert, apathisch.» Als die Kinder ihm nach einem monatelangen Leidensprozess vorgestellt worden seien, hätten sie nicht einmal mehr die normale Kindernahrung akzeptiert. Lediglich Muttermilch sei für sie noch verträglich gewesen. Und sie hätten sich ständig übergeben müssen.

Das Problem ist laut Hasselmann nicht die vegane Ernährung an sich, sondern der – bewusste oder unbewusste – Verzicht der Eltern auf zusätzliches Vitamin B 12. «Es ist nicht so, dass die Eltern ihren Kindern willentlich Schäden zufügen. Entweder sie wissen nicht, wie wichtig Vitamin B 12 für die Entwicklung des Nervensystems ihres Kindes ist. Oder sie wissen es, wollen ihm aber aus ideologischen Gründen keine Vitamintabletten geben.» Die schweren Folgen dieses Verzichtes könnten sie im Detail nicht abschätzen. Sie nähmen diese – wie im Fall von Jonas – aber indirekt in Kauf. Das Erschreckende daran sei, dass sich manche Beeinträchtigungen nie wieder gutmachen liessen.

Überzeugt, das Richtige zu tun

Auch am Kinderspital Zürich habe es in den letzten Jahren «auffällig viele» Fälle vegan ernährter Kinder mit Mangelerscheinungen gegeben, sagt der Leiter der Abteilung für allgemeine Pädiatrie und der Kinderschutzgruppe, Ulrich Lips. Seiner Einschätzung nach nimmt die Zahl geschädigter Kinder zu: «Behandelten wir vor zehn Jahren noch einen Fall pro Jahr, sind es heute rund fünf Fälle jährlich.»

In den meisten Fällen würden sich die Eltern einsichtig zeigen, sobald sie merkten, wie schlecht es den Kindern gehe, sagt Lips. Kooperierten sie nicht, werde die Kinderschutzgruppe eingeschaltet. Dies war laut Lips letztmals nötig, als die Mutter eines schwer kranken, stationär behandelten Kindes bei Besuchen und am Telefon immer wieder versuchte, das Kind zu «indoktrinieren». So habe die Veganerin ihm etwa das Gipfeli ausgeredet, das es vom Spitalpersonal zum Frühstück bekommen habe. «Das Kind war hin und her gerissen zwischen den Eltern und unserer Institution. Da mussten wir eingreifen, schliesslich war es nur knapp dem Tod entgangen.»

Auch am Inselspital Bern hatte die Kinderschutzgruppe schon mehrfach mit Fällen uneinsichtiger Veganer-Eltern zu tun. Statt wie andere Eltern den Kindern im Notfall sofort Vitamin B 12 abzugeben, seien sie davon überzeugt, das Richtige für ihre Kinder zu tun, sagt Psychologin Mischa Oesch. Sie liessen sich durch nichts umstimmen. «Egal, mit welchen Argumenten wir es versucht haben: Gegen ihre Überzeugung war kein Kraut gewachsen.»Laut Oesch nimmt der Wunsch nach Selbstbestimmung bei Eltern kranker Kinder stetig zu. Sie wüssten besser als früher, was sie für ihre Kinder wollten – und was nicht. Dies gelte auch für Paare, die mögliche schulmedizinische Therapien ablehnten – etwa bei Krebserkrankungen.

«Keine Polizisten, nur Ärzte»

«Die häufigste Begründung ist die Überzeugung der Eltern, wonach eine alternativmedizinische Behandlung mit weniger Nebenwirkungen als die schulmedizinische Behandlung zur Heilung von Krebs führt», sagt Roland Ammann, der am Berner Inselspital als leitender Arzt in der pädiatrischen Onkologie tätig ist.

Liessen sich Eltern auch mittels Gesprächen nicht vom Nutzen der schulmedizinischen Therapie überzeugen, sei dies «schwierig» zu akzeptieren. Doch mehr als den eigenen Standpunkt klar machen und den Eltern Unterstützung für allfällige Komplikationen in der Zukunft anbieten, könne er nicht: «Sie können und sollen nicht dazu gezwungen werden, eine Therapie für ihr Kind zuzulassen, mit der sie nicht einverstanden sind. Wir sind nicht Polizisten – nur Ärzte», sagt Ammann. Und auch er könne den Erfolg der schulmedizinischen Behandlung nicht garantieren.

Mit 5 Jahren gestorben

Welch fatale Folgen die Verweigerung einer Krebstherapie haben kann, weiss Ulrich Lips vom Kinderspital Zürich. Erst diesen Sommer starb die 5-jährige Mara, die wegen eines bösartigen Nierentumors zur Behandlung hospitalisiert war. Ihre Eltern hatten die Therapie verweigert – und dies, obwohl es anfangs durchaus Grund zur Hoffnung gab: Als man den Tumor entdeckte, lag die Chance auf Heilung laut dem Kinderschutzgruppenleiter bei 90 Prozent. Doch die Eltern lehnten die Therapie ab. Ein halbes Jahr später erlitt das Mädchen einen Rückfall, die Chance lag noch bei 50 Prozent – «bedeutend tiefer, aber immerhin», sagt Lips. Als Mara schliesslich nach Zürich gebracht wurde, war es bereits zu spät: Sie starb innert kürzester Zeit. Für Lips unfassbar: «Ob das Mädchen mit unserer Therapie überlebt hätte, wissen wir nicht. Aber es gar nicht erst zu versuchen? Das ist doch kein normales Verhalten von Eltern.»

Auch die Geschichte von Mara ist kein Einzelfall, wie Lips betont. Immer wieder treffe er auf Eltern krebskranker Kinder, bei denen «das Ideologische deutlich spürbar ist, wenn nicht im Vordergrund steht und so das rationale Abwägen und Entscheiden verdrängt». Natürlich gebe es auch Eltern, die schlechte Erfahrungen mit der Schulmedizin gemacht hätten – beispielsweise den Krebstod eines Verwandten trotz Chemotherapie erlebt hätten. Oder sie hätten die Hoffnung auf Genesung ihres Kindes bereits verloren. In solchen Fällen könne er die Skepsis oder gar Ablehnung der Eltern eher nachvollziehen. Doch: «Die Kinder gehören nicht den Eltern, sondern sich selbst», sagt Lips. «Sie haben eigene Rechte – ganz besonders auf das Leben.»

* Namen geändert (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.11.2011, 06:35 Uhr)

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