Wenn Eltern die eigenen Kinder unterrichten

In vielen Kantonen ist heute der erste Schultag nach den Sommerferien. Doch nicht alle Kinder verlassen dafür ihr Zuhause: Beim Homeschooling werden sie von den Eltern unterrichtet – wenn es ihnen denn erlaubt ist.

Mit Homeschooling die «Familienkultur bereichern»: Eltern lesen mit Kindern ein Buch.

Mit Homeschooling die «Familienkultur bereichern»: Eltern lesen mit Kindern ein Buch. Bild: Keystone

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«Am Anfang war es ein Experiment», sagt Regula Bott. «Wir wussten nicht, wie es wird und ob es funktioniert. Mittlerweile hat sich gezeigt: Es ist genau das Richtige für uns.» Die Hausfrau unterrichtet ihre Kinder zu Hause im appenzellischen Herisau. Mittlerweile sind es noch zwei: der 10-jährige Manuel und die 14-jährige Judith. Priska, mit 16 Jahren die Älteste, ist vor zwei Wochen ins 10. Schuljahr in Hauswirtschaft gestartet. Bott verfügt zwar über die Matur, aber nicht über ein Lehrerpatent. Ganz im Gegensatz zu ihrem Mann: Er ist Chemielehrer. Doch weil die Familie auf sein Einkommen angewiesen ist, unterrichtet er am Gymnasium Rämibühl in Zürich.

Wie Judith und Manuel geht es in der Schweiz rund 350 Kindern. Sie werden von ihren Eltern zu Hause unterrichtet – aus den unterschiedlichsten Gründen. Die Botts haben sich für das Homeschooling vor allem deshalb entschieden, «weil es für unser Familiengefüge am besten passt». Anfangs sei nur geplant gewesen, das mittlere Kind, damals eine Viertklässlerin, für ein Jahr aus der Schule zu nehmen. Es habe sich zwischen dem älteren und dem jüngeren Geschwister benachteiligt gefühlt und vermehrter Aufmerksamkeit bedurft. Doch nach ein paar Monaten habe das Homeschooling so gut funktioniert, dass man sich definitiv dafür entschieden habe. «Es ist nicht so, dass in der Volksschule schlecht unterrichtet würde», sagt Bott. «Doch zu Hause können unsere Kinder stärker mitbestimmen, was sie wann wie lernen möchten. Und ich kann besser auf sie eingehen als ein Lehrer, der sich noch um diverse andere Schüler kümmern muss.»

Hochbegabte und behinderte

Stärkere Kritik an der Volksschule übt Willi Villiger, der mit seiner Frau und den zehn Kindern im aargauischen Eggenwil wohnt. «Bei uns war klar die Unzufriedenheit mit der Schule der Grund, weshalb wir uns für Homeschooling entschieden haben», sagt Villiger. Er und seine Frau hätten nicht länger zuschauen wollen, wie ihre Kinder «sozial und schulisch verwahrlosen». Der Glaube habe dabei nur eine zweitrangige Rolle gespielt. Unterrichte man die Kinder zu Hause, könne man das Leben in der Grossfamilie anders gestalten: «Die Kinder bilden miteinander Lernteams, und das gemeinsame Arbeiten führt zu einer bereichernden Familienkultur», sagt er. Drei der Villiger-Kinder studieren bereits, zwei machen die Matura, und die restlichen fünf werden von den Eltern gemeinsam unterrichtet: Villigers Ehefrau übernimmt vor allem die Jüngeren, Villiger die Älteren. Als Reallehrer ist er aber auch für das Einkommen der Familie zuständig.

Laut Villiger, der sich wie Bott im Vorstand des Vereins Bildung zu Hause engagiert, nimmt die Zahl privat bildender Eltern in der Schweiz «langsam, aber stetig» zu. Während sich eine Zeit lang vor allem Christen für dieses Schulmodell entschieden hätten, machten mittlerweile «junge Familien mit grossem reformpädagogischem Gestaltungswillen» den grössten Anteil aus. Sie wollten ihre Ideale von kindgerechter Erziehung umsetzen – beispielsweise die Montessori-Pädagogik. Daneben entschieden sich auch Eltern hochbegabter oder behinderter Kinder für den Heimunterricht.

Unterschiedliche Rechtspraxis

Homeschooling ist in der Schweiz – im Gegensatz zu Deutschland – erlaubt. Doch die gesetzlichen Grundlagen der Kantone unterscheiden sich erheblich. So haben Zürich und St. Gallen den Privatunterricht in den letzten Jahren stark eingeschränkt. In Zürich darf dieser seit Sommer 2008 nur noch von einer «Person mit abgeschlossener Lehrerausbildung» erteilt werden – ausser, er dauert weniger als ein Jahr. Zudem wird die Qualität des Unterrichts jährlich überprüft.

In St. Gallen untersagte das Verwaltungsgericht einer Familie den privaten Unterricht ihrer Kinder. Es bestehe kein direkt einklagbarer Anspruch darauf, privaten Einzelunterricht erteilen zu können, hielt das Gericht fest. Die Familie hatte ihre beiden Töchter zu Hause unterrichtet – trotz fehlender Lehrbewilligung. Laut dem St. Galler Volksschulgesetz ist diese für Heimunterricht Pflicht. Zudem, so das Gericht, müsse privater Einzelunterricht nicht nur den Intellekt der Schüler fördern, sondern auch die sozialen Kompetenzen. Beim Homeschooling könne es zu einer sozialen Isolation kommen. Das St. Galler Ehepaar reichte daraufhin Beschwerde beim Bundesgericht ein – und unterlag erneut.

Ennet der Kantonsgrenze, in Appenzell Ausserrhoden, weht ein liberalerer Geist. Zwar ist der Heimunterricht auch dort bewilligungspflichtig und untersteht der Aufsicht des Bildungsdepartementes. Doch darüber hinaus gelten lockere Bestimmungen: Wer seine Kinder zu Hause unterrichten will, kann das auch ohne Lehrerpatent tun. Aus diesem Grund ist die Familie Bott, die ursprünglich im zürcherischen Wädenswil wohnte, 2008 nach Herisau gezogen. «Mit der Neuregelung des Homeschoolings in Zürich blieb uns nichts anderes übrig. Ein Gang in die Illegalität kam für uns nicht infrage», sagt Regula Bott. Andere Zürcher Familien ersuchten um Ausnahmebewilligungen, die allesamt abgelehnt wurden.

Schulinspektoren auf Besuch

Kaum Restriktionen gibt es dagegen in Bern oder im Aargau, wo die Familie Villiger mit ihren 10 Kindern wohnt. Beiderorts ist Homeschooling für Eltern ohne Lehrerpatent möglich. Bern hat sein Volksschulgesetz 2008 allerdings dahingehend verschärft, dass Eltern in ihrem Heimunterricht von «pädagogisch ausgebildeten Personen» angeleitet werden müssen. Laut Ueli Dürst, Stabsmitarbeiter im Berner Volksschulamt, ist damit der «Wissenstransfer von beispielsweise Nachbarn oder Verwandten, die über ein Lehrerpatent verfügen, zu den Eltern» gemeint. Schulinspektoren prüften regelmässig, ob diese pädagogischen Begleitungen auch tatsächlich stattfänden, sagt Dürst. Eine weitere Verschärfung sei derzeit nicht geplant. «Wir haben mehrheitlich gute Erfahrungen mit unserer liberalen Praxis gemacht.»

Die liberalste Haltung gegenüber dem Homeschooling hat die französischsprachige Schweiz: Wird der Unterricht zu Hause erlaubt, müssen die Familien die zuständigen Bildungsbehörden informieren sowie Lehrpläne vorlegen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2011, 18:00 Uhr

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