Wenn der Chef nur 50 Prozent arbeitet

Nur wenige Schweizer Männer arbeiten Teilzeit. Dies soll sich ändern. Doch sind die Arbeitgeber bereit dafür? Wir stellen drei Firmen vor, die sich ernsthaft darum bemühen. Und ein Experte sagt, was er davon hält.

Axa Winterthur versucht «intern anhand von Beispielen aufzuzeigen, wie Väter ihren Job mit der Familie vereinbaren». (Symbolbild)

Axa Winterthur versucht «intern anhand von Beispielen aufzuzeigen, wie Väter ihren Job mit der Familie vereinbaren». (Symbolbild) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Teilzeitarbeit gilt als wichtiges Element auf dem Weg zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die vom Bund unterstützte «Teilzeitmann»-Initiative will erreichen, dass bis zum Jahr 2020 jeder fünfte Mann in der Schweiz eine Teilzeitstelle hat. Noch ist dieses Ziel in weiter Ferne: 2013 waren lediglich 14,6 Prozent der Männer in einem reduzierten Pensum tätig – der Wert hat sich jedoch in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht.

«Teilzeitmann»-Projektleiter Jürg Wiler sagt, die Resonanz auf das Anliegen falle in der Wirtschaft unterschiedlich aus. Während sich vorab Grossunternehmen aus den Bereichen Finanzdienstleistung, Pharma, Versicherung oder Administration interessiert zeigten, seien kleine und mittlere Unternehmen zurückhaltender. Die Gründe dafür seien vielfältig: So gestalte sich etwa die Rekrutierung für mittelgrosse Firmen in ihren jeweiligen Regionen einfacher als für internationale Konzerne – Teilzeitbedürfnisse müssten daher weniger berücksichtigt werden. In Kleinbetrieben wiederum könnten Forderungen nach Pensumsreduktionen direkt zwischen den Chefs und ihren Angestellten geregelt werden. Besonders in patriarchal geführten Unternehmen sei zudem Teilzeitarbeit noch immer negativ konnotiert, sagt Wiler.

Doch was tun Unternehmen konkret, um ihren (männlichen) Angestellten Teilzeitarbeit im Besonderen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Allgemeinen zu ermöglichen? Drei Firmen unterschiedlicher Grösse und aus verschiedenen Branchen geben Auskunft.

Axa Winterthur

Der Versicherungskonzern gilt in dieser Hinsicht als vorbildlich. Jüngst stellten Mitarbeiter in einer Werbekampagne ihre individuellen Arbeitsmodelle vor, um aufzuzeigen, wie sie Beruf und Familie vereinbaren. Konkret ist es bei Axa Winterthur beispielsweise möglich, regelmässig oder unregelmässig von zu Hause aus zu arbeiten (Teleworking bzw. Home-Office), sich eine Stelle im Jobsharing zu teilen oder mit reduzierten Pensen tätig zu sein, wie Mediensprecherin Bettina Steiner erläutert. Seit einem Jahr würden sämtliche Vollzeitstellen mit einem Pensum von 80 bis 100 Prozent ausgeschrieben. «Damit will Axa dem sowohl bei Männern als auch bei Frauen stetig steigenden Bedürfnis nach Teilzeitarbeit gerecht werden.» Bereits heute seien 44 Prozent der Frauen und 15 Prozent der Männer in einem reduzierten Pensum beschäftigt. Dabei habe sich die Anzahl der Teilzeitmänner in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt. Die Ausübung einer Kaderfunktion ist bei Axa bereits ab einem 50-Prozent-Pensum möglich.

Um männliche Angestellte über die Teilzeitarbeit zu informieren, hat Axa unter anderem das Väterforum eingeführt. Im Rahmen dieser jährlich stattfindenden Veranstaltung können sich Väter über ihre Work-Life-Balance austauschen. Zudem zählt Axa auf Vorbilder: «Wir versuchen intern anhand von Beispielen aufzuzeigen, wie Väter ihren Job mit der Familie vereinbaren», so Steiner. Weitere Angebote seien eine unternehmensinterne Fachstelle und Mittagsveranstaltungen zur Thematik sowie eine betreute Ferienwoche für die Kinder der Mitarbeiter.

Matthias Mölleney ist Leiter des Zentrums für Personalmanagement und Führung an der Hochschule für Wirtschaft Zürich. Er hält Axa für ein wegweisendes Beispiel: «Es gibt wenige Unternehmen, die in der Personalpolitik so fortschrittlich sind und die modernen Arbeitsmodelle auch konsequent umsetzen.» Mölleney hofft, dass andere Firmen durch die Werbekampagne dazu animiert werden, ihren Angestellten ebenfalls solche Möglichkeiten zu bieten. Gleichzeitig äussert er auch die Sorge, ob es dem Versicherungskonzern gelingen wird, diese Personalpolitik längerfristig aufrechtzuerhalten. Denn: «Für eine breite Akzeptanz muss ein nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel einsetzen – und solche Prozesse dauern lange.»

ABB

Die Work-Life-Balance der Mitarbeiter ist dem Industriekonzern gemäss Pressesprecher Markus Gamper ein wichtiges Anliegen. Jahresarbeitszeit, ein Langzeitkonto oder Teleworking ermöglichten den Angestellten eine flexible Gestaltung der Arbeitszeit. Gamper verweist zudem auf die 15 Kinderkrippen und die beiden Horte der ABB, die den Mitarbeitern die externe Kinderbetreuung erleichterten. Für die Zeit nach der Geburt eines Kindes bietet ABB den männlichen Angestellten die Möglichkeit, ein halbjähriges Sabbatical zu machen. «Und mit dem 16-wöchigen, zu 100 Prozent bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie dem einwöchigen Vaterschaftsurlaub gehen wir über die gesetzlichen Vorgaben hinaus», sagt Gamper.

ABB stelle fest, dass vor allem jüngere Männer und Mitarbeitende ab 55 Jahren mit reduziertem Pensum arbeiten wollten. Deren Anteil halte sich seit Jahren auf einem vergleichsweise tiefen Niveau von gut vier Prozent. Im Schnitt betrage das Pensum in diesen Fällen 80 Prozent. Das sei auch in Führungspositionen möglich: Mehr als 30 Prozent der Kadermitarbeiter arbeiteten Teilzeit – wobei es sich dabei zumeist um Pensen ab 80 Prozent handle, so Gamper.

Mölleney sagt, reduzierte Pensen auf der Führungsebene seien ein wichtiges Zeichen – ABB breche damit mit einem Tabu: «Das Modell Teilzeitarbeit wird bei Männern nur funktionieren, wenn es bis ins Kader umgesetzt wird.» Ansonsten seien Karrierebewusste nicht bereit, ihre Pensen zu reduzieren. Dass der Industriekonzern betriebsnahe Krippenplätze anbiete, nehme den Angestellten den täglichen Zeitdruck, die externe Kinderbetreuung und den Job zu vereinbaren. Trotz eingeschränkter Flexibilität der Eltern seien aber Krippenzuschüsse seitens der Arbeitgeber ebenfalls sinnvoll, denn auf diese Weise blieben die Kinder in der gewohnten Umgebung des Wohnorts.

Kuhn Rikon

Auch der Kochgeschirrproduzent, ein KMU mit 170 Mitarbeitern, betont, er biete den Angestellten flexible Arbeitszeiten. In einzelnen Berufskategorien sei Home-Office möglich, und bei der Gestaltung des Schichtbetriebs in der Fertigung hätten Mitarbeiterwünsche berücksichtigt werden können, sagt Daniel Obrist, Leiter Dienste bei Kuhn Rikon. Er verweist zudem auf den unternehmensintern üblichen einwöchigen Vaterschaftsurlaub oder die Überzeitkompensation mit Freizeit. «Wir zahlen Überstunden nur in den seltesten Fällen aus.»

Ausser in der Produktion seien Teilzeitstellen auch für Männer möglich – allerdings sei deren Anteil bisher klein, so Obrist. «Reduzierte Pensen scheinen bei unseren männlichen Mitarbeitern nur selten ein Bedürfnis zu sein.» Bei den Frauen dagegen liege der Anteil bei circa 30 Prozent. Allerdings lebe gerade der Leiter der Informatik vor, dass eine Kaderfunktion auch mit einem 80-Prozent-Pensum möglich sei. Obrist will künftig in Stelleninseraten vermehrt hervorheben, dass Teilzeitarbeit im Unternehmen möglich sei und sich Beruf und Privates gut vereinbaren liessen.

«Kuhn Rikon ist der Beweis, dass sich Massnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht auf Grosskonzerne beschränken müssen, sondern auch in KMU gut umsetzbar sind», findet Mölleney. Während grosse Unternehmen die Mittel und Kapazitäten hätten, personalpolitische Programme und Initiativen zu lancieren, würden in Kleinbetrieben die individuellen Arbeitsmodelle direkt zwischen dem Chef und den Mitarbeitern ausgehandelt. Mittelgrosse Firmen stünden mit ihrem Handlungsspielraum genau dazwischen. Die Mitsprache der Angestellten beim Schichtplan verdeutliche, dass dies eine Chance sein könne: «Mit vergleichsweise kleinen Massnahmen und auf Teams zugeschnittenen Lösungen kann den Mitarbeitern bereits viel geboten werden.» Mölleney sagt, es sei wichtig, dass bei Kuhn Rikon für Männer die Möglichkeit bestehe, Teilzeit zu arbeiten – auch wenn aktuell das Bedürfnis nicht vorhanden zu sein scheint. «Das kann sich schon morgen ändern. Und dann ist das Unternehmen bereits vorbereitet.»

«Unternehmenskultur muss sich ändern»

Home-Office, Sabbaticals, Jahresarbeitszeiten: Auch für Gudrun Sander, Expertin für Diversity Management an der Hochschule St. Gallen, sind die unterschiedlichen Angebote der drei Firmen ein Zeichen, «dass die Arbeitsmodelle grundsätzlich flexibler werden». Zudem seien firmeneigene Strukturen wie Beratungsstellen oder Krippenplätze fortschrittlich, weil dadurch die Verantwortung nicht an den Staat delegiert werde. Doch damit sei es noch nicht getan, sagt sie. Neben den konkreten Massnahmen müsse auch an der Unternehmenskultur gearbeitet werden. Studien zeigten nämlich, dass bereits geringe Pensumsreduktionen einen hohen Preis haben können: «Über längere Zeitspannen hinweg können sie karrierehemmend wirken, weil Leistungsbeurteilungen schlechter ausfallen und die Beförderungschancen sinken.»

Die Unternehmen müssten daher die Präsenz- in eine Leistungskultur transformieren. Dafür seien genau definierte Zielvereinbarungen nötig, damit die Leistung gemessen werden könne. «Noch herrscht vielerorts die Ansicht, dass nur richtig arbeitet, wer immer da ist», so Sander. Weil Teilzeitstellen zudem mit Umstrukturierungen verbunden sind, bleibe es in manchen Firmen beim Bekenntnis, vor der Umsetzung schreckten sie jedoch zurück. So müssten etwa Schichtbetriebe neu organisiert oder Sitzungen verlegt werden. Und die Führungsspanne verbreitere sich – die Teams würden grösser. Das wiederum widerlaufe dem Trend zu flacheren Hierarchien. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 09.10.2014, 11:32 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Wenn die Väter dies tatsächlich wollten, wäre es längst Realität»

Bis 2020 sollen 20 Prozent der Männer Teilzeit arbeiten. Das fordert eine vom Bund finanzierte Kampagne. Avenir Suisse stellt nun infrage, ob die Mehrheit der Männer das überhaupt will. Diskutieren Sie mit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Sponsored Content

Heisse Escorts?

Erotische Erlebnisse mit Escorts? Es gibt besseres!

Werbung

Kommentare

Blogs

Outdoor Kann denn Velofahren Sünde sein?
Von Kopf bis Fuss Der Körperwahn wird immer extremer

Sponsored Content

Heisse Escorts?

Erotische Erlebnisse mit Escorts? Es gibt besseres!

Die Welt in Bildern

Hart am Wind: Taifun Megi wütet im Osten Taiwans mit starkem Regen und noch stärkerem Wind. (27. September 2016)
(Bild: Ritchie B. Tongo (EPA, Keystone)) Mehr...