«Wenn die Väter dies tatsächlich wollten, wäre es längst Realität»

Bis 2020 sollen 20 Prozent der Männer Teilzeit arbeiten. Das fordert eine vom Bund finanzierte Kampagne. Avenir Suisse stellt nun infrage, ob die Mehrheit der Männer das überhaupt will. Diskutieren Sie mit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jeder fünfte Mann soll bis 2020 Teilzeit arbeiten: Das ist das Ziel des Projekts «Der Teilzeitmann». Mit einer Wanderkampagne bei den Arbeitgebern, Workshops und Podiumsdiskussionen will die vom Bund finanzierte Initiative Männer in der Deutschschweiz für eine Pensumsreduktion sensibilisieren.

Der Träger des Projekts, der Dachverband der Männer- und Väterorganisationen (Männer.ch), spricht von einem Erfolg: Im Rahmen der Kampagne sei ein Dialog mit zahlreichen Unternehmen und deren Angestellten entstanden. Doch nun äussert Patrik Schellenbauer, Projektleiter beim Thinktank Avenir Suisse, Vorbehalte gegenüber dem Vorhaben. Zum einen könne die Förderung von Teilzeitarbeit gesamtwirtschaftlich zum Problem werden. Zum anderen bestünden Zweifel, ob die Mehrheit der Männer dies überhaupt wolle. Daher sei das Ziel, den Anteil der Teilzeitmänner innerhalb von lediglich sechs Jahren auf 20 Prozent zu erhöhen, unrealistisch, schreibt er in zwei Blogposts.

Tatsächlich klaffen bei diesem Thema Wunsch und Wirklichkeit auseinander: Eine repräsentative Umfrage von Pro Familia im Auftrag des Kantons St. Gallen ergab 2011, dass neun von zehn Männern gerne Teilzeit arbeiten würden. Andere Befragungen bestätigen diesen Befund. 2013 hatten jedoch gemäss der Arbeitskräfteerhebung des Bundesamts für Statistik lediglich 14,6 Prozent der Männer ein reduziertes Pensum. Immerhin: Die Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren fast verdreifacht. «Teilzeitmann»-Projektleiter Jürg Wiler verweist zudem darauf, dass der aktuellste Wert für das zweite Quartal 2014 noch höher liege: 16,5 Prozent der männlichen Arbeitnehmer (401'000 Personen) waren demnach nicht Vollzeit tätig. Wiler räumt zwar ein, dass dabei auch saisonale Effekte sowie unfreiwillige Pensumsreduktionen eine Rolle spielen mögen, doch er erkennt in dieser Zahl «eindeutig, dass ein Umdenken stattfindet». Viele Männer wollten heute mehr Verantwortung in der Familie übernehmen, für die Kinder präsenter sein als ihre eigenen Väter.

«Lohneinbussen und verringerte Aufstiegschancen»

Dennoch: Für das Ziel der «Teilzeitmann»-Initiative müssten selbst bei dieser optimistischen Rechnung bis 2020 noch immer rund 100'000 zusätzliche Männer zur Pensumsreduktion bewegt werden. Schellenbauer geht aber angesichts der niedrigen Quote davon aus, dass der Wunsch nach Teilzeitarbeit unter Männer gar nicht so stark verbreitet ist – die hohe Zustimmung in den Umfragen führt er auf sozialen Druck zurück: «Heute ist es fast politisch inkorrekt, sich gegen Teilzeitarbeit auszusprechen. Wenn dies tatsächlich die überwältigende Mehrheit der Väter wollte, wäre es schon längst Realität», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Denn wegen des Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung seien gut qualifizierte Männer beim Arbeitgeber keine Bittsteller mehr, sondern könnten durchaus Forderungen stellen.

Stattdessen hätten aber viele Männer Bedenken, sobald eine Pensumsreduktion konkret werde. «Eine Teilzeitstelle ist nicht gratis: Sie ist mit Lohneinbussen und verringerten Aufstiegschancen verbunden.» Zudem hielten sich die klassischen Rollenbilder hartnäckig. Diese könnten nicht im Verlauf von einer oder zwei Generationen überwunden werden – und schon gar nicht in sechs Jahren, sagt Schellenbauer. Vor diesem Hintergrund hält er quantitative Ziele für den falschen Weg.

Auch Wiler ist bewusst, dass es auf dem Weg zur verbreiteteren Teilzeitarbeit noch viele Denkbarrieren zu überwinden gibt; die Männern machten sich häufig Sorgen um den vermeintlichen Verlust von Macht und Status, den subtilen Druck der männlichen Arbeitskollegen oder die Identitätssuche ausserhalb der Arbeitswelt. «Wichtig sind daher Vorbilder im Unternehmen, die vorleben, dass eine erfolgreiche Karriere auch in Teilzeit möglich ist.»

Verschärfung des Fachkräftemangels?

Schellenbauer hält es zudem für widersprüchlich, dass der Bund die «Teilzeitmann»-Kampagne finanziell unterstützt. Einerseits wolle er mit der Fachkräfteinitiative das inländische Potenzial besser ausschöpfen, andererseits animiere das Projekt die qualifizierten Arbeitnehmer dazu, mehr Teilzeit zu arbeiten. «Sollten dereinst 500'000 Männer mit reduzierten Pensen arbeiten, würde das den Fachkräftemangel verschärfen.» Wiler sieht eine Lösung, wie dies verhindert werden kann: Das fehlende Arbeitsvolumen könne mit mehr Teilzeitstellen für Frauen kompensiert werden – schliesslich seien über die Hälfte der Hochschulabgänger weiblich, sagt er. Schellenbauer wiederum kontert, die beiden Geschlechter seien schwergewichtig in unterschiedlichen Branchen tätig.

Auch der Arbeitgeberverband hält diese Lösung für unpraktikabel. Philipp C. Bauer, Bereichsleiter Wirtschaft und Arbeitsmarkt, findet es inkonsistent, die Frauen zu höheren Arbeitspensen anzuhalten, gleichzeitig aber die Männer zu Pensumsreduktionen zu bewegen. Die stärkere Einbindung der Frauen in den Arbeitsmarkt trage lediglich dazu bei, den bereits bestehenden Fachkräftemangel zu reduzieren. «Für die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt wäre ein so hoher Anteil an Teilzeitarbeitern kontraproduktiv.»

Teilzeitmodelle als Vorteile für Unternehmen

Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie ist von dieser Diskussion doppelt betroffen: Dort herrscht ein Fachkräftemangel, und die Branche ist klar männerdominiert. Der Frauenanteil beträgt lediglich 25 Prozent (Gesamtwirtschaft: 46 Prozent), in den technischen Berufen innerhalb der MEM-Industrie liegt er teilweise sogar unter 10 Prozent. Zudem ist Teilzeitarbeit bisher kaum verbreitet: 87 Prozent aller Mitarbeiter sind über 90 Prozent tätig (Gesamtwirtschaft: 67 Prozent), wie Ivo Zimmermann, Pressesprecher des Branchenverbands Swissmem, sagt. Diese Ausgangslage berge jedoch auch Chancen, ist er überzeugt: «Wir sehen grosses Potenzial – sowohl für einen höheren Frauenanteil als auch für mehr Teilzeitstellen für beide Geschlechter und alle Altersgruppen.»

Zimmermann ortet weder fehlenden Willen der Männer, noch sieht er Kollisionsgefahr mit der Fachkräfteinitiative – im Gegenteil: Gerade Männern jüngerer Generationen sei Teilzeitarbeit ein Bedürfnis. Wenn Unternehmen solche Modelle anböten, seien sie im härter werdenden Wettbewerb um qualifizierte Arbeitnehmer im Vorteil. «Heute zählt nicht mehr nur der Lohn, sondern das ganze Paket.» Zimmermann geht folglich davon aus, dass die Bedeutung der Teilzeitarbeit noch zunehmen wird. Auch in anderen Branchen lasse sich dieser Trend beobachten, sagt Bauer. Er ist jedoch wie Schellenbauer der Meinung, dass reduzierte Pensen bereits weiter verbreitet wären, wenn das Bedürfnis der Männer gross wäre.

Swissmem setzt im Kampf gegen den Fachkräftemangel unter anderem auf die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ziel sei es, das Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften insgesamt zu vergrössern, sagt Zimmermann. Und ein Weg dorthin seien mehr Teilzeitstellen sowohl für Männer als auch für Frauen. Doch das sei eine grosse Herausforderung und daher ein langfristiger Prozess. Denn auch beim Versuch, Mädchen für technische Berufe zu begeistern, offenbarten sich tief verwurzelte Rollenbilder. «Dabei wären Frauen problemlos in der Lage, fast sämtliche Jobs in der Industrie auszuführen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 08.10.2014, 10:47 Uhr)

Stichworte

Umfrage

Halten Sie das Ziel für realistisch, dass bis 2020 jeder fünfte Mann Teilzeit arbeiten soll?

Ja

 
38.0%

Nein

 
62.0%

1068 Stimmen


Artikel zum Thema

«Es gibt immer noch zu wenig Chefs, die Teilzeit arbeiten»

Conny Scharfe von Swiss Re ist sicher, dass flexible Arbeitszeitmodelle die Angestellten motivieren. Der Versicherungskonzern offeriert gleich mehrere. Mehr...

Jeder zehnte Vater arbeitet Teilzeit

In der Schweiz ist mehr als jeder Dritte nur Teilzeit erwerbstätig. Vor allem Männer kehren der Vollzeitanstellung häufiger den Rücken – im Jahr 2013 waren es fast doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Mehr...

Die Väter müssen nur wollen

Hintergrund Die meisten Mütter in der Schweiz sind erwerbstätig, jedoch nur Teilzeit. Die Väter hingegen arbeiten fast ausschliesslich Vollzeit. Es gibt allerdings Ausnahmen. Welche Erfahrungen machen diese? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Lässt Zucker die Haut altern?
Blog Mag Taugen Sie fürs Weisse Haus?

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Hart im Nehmen: Ein Schwimmer im chinesischen Shenyang nutzt eine aufgebrochene Stelle in einem zugefrorenen See, um ein paar Längen zu absolvieren. (9. Dezember 2016)
(Bild: Sheng Li) Mehr...