«Wer einen Diskurs will, der soll mit Namen hinstehen»

Filippo Lombardi wird von Ratskollegen für seine Nähe zu Russland kritisiert. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet kontert er die Kritik – während er in St. Petersburg einen Russischkurs besucht.

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Was sagen Sie zur Kritik Ihrer Ratskollegen in der «Aargauer Zeitung», es mangle Ihnen an Distanz zu Russland?
Der Journalist hat nur einen Politiker namentlich zitiert, der mich kritisierte. Der tut das, sobald ich atme, deshalb ist es aus meiner Sicht eine innenpolitische Polemik, die mit den aktuellen tragischen Fragen in der Ukraine sehr wenig zu tun hat. Zu den anonymen Aussagen kann ich keine Stellung beziehen. Wer einen Diskurs will, der soll mit Namen hinstehen, dann antworte ich auch. Aber ich frage Sie: Welche Aussage habe ich gemacht, die man als prorussisch anschauen könnte?

Etwa jene, in der Sie gegenüber der «Schweiz am Sonntag» sagten, es sei verständlich, dass Russland versuche, die Krim zurückzuerobern.
Ich betone immer wieder, dass es völkerrechtlich falsch war, was auf der Krim passiert ist. «Verständlich» heisst nicht «richtig». Aber es ist alleine schon wegen der Lage der Krim aus strategischer Sicht verständlich. Historisch verständlich ist es, weil die Krim früher zu Russland gehörte. Verständlich ist es ausserdem, weil sicherlich eine Mehrheit der Bevölkerung der Krim auch bei einer freien Abstimmung für den Anschluss an Russland gestimmt hätte. Und schliesslich ist es auch verständlich, dass sich Russland gewisse Fragen stellt, wenn sich die Nato entgegen allen Versprechungen immer mehr der russischen Grenze nähert. Natürlich wurde mit der Annexion die territoriale Integrität der Ukraine verletzt, aber auf der anderen Seite gibt es auch das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes. Diese zwei Prinzipien sind kollidiert, und es ist absolut klar, dass Hauruckübungen nicht das richtige Mittel sind, um solche Widersprüche zu lösen.

In der Presse kursiert das Gerücht, Sie hätten als Präsident von Ambri-Piotta versucht, russische Sponsoren zu finden. Ist das wahr?
Das ist nicht mehr als ein Gerücht. Ich habe nie Geld von russischen Sponsoren erhalten und habe keine wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland.

Sie haben in diesem Jahr als Ständerat zwei Reisen nach Russland unternommen und zweimal russische Delegationen in der Schweiz empfangen. Finden Sie es ungerecht, wenn man Ihnen intensive Kontakte zu Russland vorhält?
Wir feiern in diesem Jahr 200 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Schweiz und Russland. Dank der Unterstützung Russlands im Wiener Kongress ist die Schweiz heute neutral und unabhängig. Diese historische Tatsache sollte man im Jubiläumsjahr unterstreichen. Das Programm für die Feierlichkeiten hatten wir bereits letztes Jahr vorbereitet; einige Punkte daraus sind weggefallen, einige sind dazugekommen. Ich befürworte zum Beispiel, die Flugshow mit russischen Jets in Payerne abzusagen. Alles, was einen militärischen Charakter hat, ist derzeit unangebracht – da gibt es keine Diskussion.

Mit anderen Worten: Es trifft gar nicht zu, dass Ihre Kontakte zu Russland aussergewöhnlich intensiv sind.
Ich habe intensive Kontakte zu verschiedenen Ländern, unter anderem auch zur Ukraine. Wir sind ständig bemüht, eine gute Zusammenarbeit mit ukrainischen Parlamentariern zu entwickeln, und möchten helfen, sie auf dem Weg aus diesem Schlamassel zu unterstützen. Derzeit sind diese Kontakte etwas weniger intensiv als sie sein könnten, weil die Ukraine vor Neuwahlen steht und wir deshalb nicht wissen, mit wem wir in Zukunft zusammenarbeiten können.

Es gibt ein Bild von Ihnen, auf dem Sie Wladimir Putin herzlich umarmen. Sind Sie die geeignete Person, um die Ukraine zu beraten?
Das Bild entstand Anfang Februar, vor dem Ausbruch der Krise. Es hat sich in einem sportlichen Rahmen ganz spontan ergeben. Ich glaube nicht, dass dieses Bild eine besonders nachhaltige Wirkung hat.

Laut den USA handelte es sich bei der Rakete, die den Flug MH17 abgeschossen hat, um eine russische. Was hätte das für einen Einfluss auf Ihre Haltung gegenüber Russland?
Wäre das parlamentarische Schachturnier nach dem Absturz von Flug MH17 geplant gewesen, hätten wir es wohl abgesagt. Wenn es eine russische Rakete ist und russische Streitkräfte am Abschuss beteiligt waren, dann würde ich klar Konsequenzen ziehen. Aber derzeit erlaube ich es mir als frei denkender Mensch, abzuwarten, bis wir alle Beweise haben. Ich möchte keine falschen Schlüsse ziehen.

Derzeit weilen Sie in St. Petersburg und lernen Russisch. Wie kommt es dazu?
Ich mache jedes Jahr einen Sprachkurs, ich war mehrmals in Deutschland und in England, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Ich hatte seit Jahren das Ziel, etwas Russisch zu lernen. Dass es dieses Jahr so weit ist, habe ich schon vor langer Zeit geplant. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.07.2014, 06:45 Uhr)

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Tessiner Ständerat und CVP-Fraktionschef Filippo Lombardi wehrt sich gegen die Kritik, nicht genügend Distanz zu Russland zu haben. (Bild: Keystone )

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