Wer flüchtet vor dem Steueramt?

Replik: Der Steuerwettbewerb verführt gar nicht so viele Superreiche zum Umziehen.

Villen in Zollikon am Zürichsee. Foto: TA-Archiv

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In der Schweiz nimmt die Einkommenssteuerbelastung ab einer Million Franken nicht weiter zu. Wer mehr als drei Millionen pro Jahr verdient, liefert dem Fiskus sogar einen tieferen Anteil des Einkommens ab (etwa 25 Prozent, inklusive Bundessteuer) als die «blossen» Einkommensmillionäre (30 Prozent). Die Einkommenssteuer ist in diesen Höhen «degressiv», das heisst: Die prozentuale Belastung sinkt mit steigendem Einkommen. Dies zeigt eine Auswertung aus einer noch nicht veröffentlichten Nationalfondsstudie der Universität Basel. Schuld ist der Studie zufolge der Steuerwettbewerb, der den Vielverdienenden ermögliche, in steuergünstige Gemeinden auszuweichen und somit die Steuerprogression zu brechen.

Ist das die ganze Geschichte? Vergessen wir für einen Augenblick, dass die paar Hundert Personen, die in der Schweiz mehr als drei Millionen verdienen, absolut gesehen über 25-mal mehr Einkommenssteuern als der Durchschnittsbürger zahlen – für die beinahe gleichen staatlichen Leistungen. Vergessen wir auch, dass diese Spitzenverdiener in der Regel auch eine hohe Belastung durch weitere Steuern zu berappen haben, zum Beispiel die Vermögenssteuer. Wenn man die Progression eines Steuersystems beurteilt, sollte man alle Steuern dieses Systems einbeziehen, nicht nur die Einkommenssteuer. Auch müsste man berücksichtigen, was die Haushalte im Gegenzug vom Staat erhalten. Darüber wird hierzulande nicht geredet.

Wenn eine überraschende Erkenntnis aus der Nationalfondsstudie gewonnen werden kann, dann diese: Die Einkommenssteuer ist in der Schweiz erstaunlich wenig degressiv. Auch ohne jeglichen Steuerwettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden würde man erwarten, dass die Steuerbelastung bei sehr hohen Einkommen zumindest abflacht. Der Grund liegt in den Steuertarifen. In der Stadt Zürich wird der maximale Grenzsteuersatz bereits bei 254'000 Franken erreicht. Jeder zusätzliche Franken wird gleich besteuert. Einkünfte von einer Million oder mehr werden also grösstenteils zum maximalen Grenzsteuersatz besteuert. Bei diesen Spitzenverdienern schenkt nur wenig ein, dass der Einkommensanteil unter 254'000 Franken zu tieferen Sätzen besteuert wird.

Trotz Steuerwettbewerb ist die durchschnittliche Steuerbelastung der Schweizer Multimillionäre immer noch beträchtlich. Zum Vergleich: Für Frankreich errechnete der Starökonom Thomas Piketty, dass die Gesamt­belastung der Spitzeneinkommen mit sämtlichen Steuern – also nicht nur mit der Einkommenssteuer – 30 Prozent beträgt. Davon ist man sogar in Wollerau nicht weit entfernt. Der Fall Frankreich ist auch deshalb interessant, weil es in der Grande Nation so gut wie keinen Steuerwettbewerb gibt. Dennoch wirkt gemäss Piketty das Steuersystem als Ganzes stark degressiv.

Andere Faktoren, die zählen

In der Schweiz wohnen viele Reiche nach wie vor lieber in Städten wie Zürich, Genf oder Basel – die Grenzsteuersätze um 40 Prozent haben – als in einer Zentralschweizer Steueroase. Bestimmt, Tiefsteuerkantone wie Zug, Nidwalden oder Schwyz weisen eine vergleichsweise höhere Dichte an reichen Leuten aus. Im Kanton Schwyz zum Beispiel wohnen rund 2 Prozent aller Schweizer Steuerpflichtigen, aber gut 6 Prozent der Topverdiener (des obersten einen Prozents). Das ist relativ wenig, wenn man bedenkt, wie gross die reinen Steuerunterschiede sind. Fakt ist: Zürcher Mehrfachmillionäre könnten bei einem Umzug nach Ausserschwyz viel sparen.

Aber die tiefe Steuerbelastung ist offenkundig nur ein Standortfaktor unter vielen. Grosse Städte bieten andere Vorteile – gute Infrastruktur, ein breites Kulturangebot, urbanes Flair –, weshalb auch viele reiche Personen höhere Steuern in Kauf nehmen. Kleinere, ländliche Kantone wie eben Schwyz, Appenzell oder Nidwalden haben da weniger zu bieten – und locken deshalb mit tieferen Steuersätzen.

* Marco Salvi ist Ökonom bei Avenir Suisse und Mitautor von «Zwischen Last und Leistung – Ein Steuerkompass für die Schweiz». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.06.2014, 06:38 Uhr

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