Weshalb Politologen uneinig sind

Rudolf Strahm antwortet auf Pascal Sciarinis Verteidigung der Vox-Analyse.

«Es braucht Transparenz bei der Methode und einen Pluralismus von Sicht­weisen»: Rudolf Strahm.

«Es braucht Transparenz bei der Methode und einen Pluralismus von Sicht­weisen»: Rudolf Strahm. Bild: Keystone

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Der Genfer Politologieprofessor Pascal Sciarini ist erwartungsgemäss mit meinen Folgerungen aus der Vox-Umfrage zur Abstimmung vom 9. Februar über die Masseneinwanderungsini­tiative nicht einverstanden. Ich pflege vor der Niederschrift meiner Dienstags-Kolumnen stets mit vielen Fachleuten zu sprechen, um die Fakten zu prüfen und meine Einschätzungen zu erhärten. Das hatte ich besonders vor meiner letzten Kolumne getan: weil die ­Vox-Analyse von Professor Sciarini bereits vorher von allen Seiten ­kritisiert worden war.

Eine Kontroverse gibt es um den massiven Sprung der Zustimmung zur Initiative bei der Altersgruppe der 50- bis 59-Jährigen. Die Fakten im Vox-Bericht: Bei den 40- bis 49-Jährigen haben nur 44 Prozent der Initiative zugestimmt. Bei den 50- bis 59-Jährigen gab es den ominösen Sprung auf 62 Prozent Ja. Bei den 60- bis 69-Jährigen ging der Ja-Anteil wieder auf 48 Prozent zurück. Wie kommt dieser Sprung von 18 Prozent zustande? Das ist die Streitfrage.

Dramatisch und schädlich

Professor Sciarini führt den statistischen Ausreisser auf eine andere berufsmässige Zusammensetzung der Altersgruppe 50 bis 59 zurück. Ich habe nun Einsicht in die statistische Detailauswertung erhalten. Der ­Befund: Diesen Sprung nach oben gibt es signifikant bei sämtlichen ausge­werteten Berufsgruppen im Alter 50 bis 59. Es kann also nicht an der ­atypischen Zusammensetzung der Gruppe liegen.

Pascal Sciarini hat ausserdem darauf hingewiesen, dass die Arbeitslosenquote in der Altersgruppe 50 bis 59 nicht höher sei als bei den 40- bis 49-Jährigen. Zu bedenken ist, dass es erstens in der höheren Altersgruppe mehr Ausgesteuerte sowie mehr in den informellen Sektor Abgedrängte und Frühpensionierte (statistisch «Verschwundene») hat.

Zweitens sind 35 000 Arbeitslose im Alter zwischen 50 und 65 Jahren menschlich dramatischer zu werten und volkswirtschaftlich viel schädlicher als gleich viele Arbeitslose im Alter von 30 bis 40 Jahren. Aus der Flut von Mailzuschriften in dieser Kontroverse zitiere ich nur einen Satz vom Personalberater eines Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV): «Ich habe tagtäglich mit Stellen­suchenden im Altersbereich zwischen 50 und 60 zu tun. Ich kann Ihre Analyse absolut unterschreiben.»

Verschiedene Denkschulen

Man muss sich jetzt fragen, weshalb Politologen unter sich uneinig sind. Unter den Politikwissenschaftern gibt es, schematisch dargestellt, zwei gegensätzliche Denkschulen. Die eine Meinungsgruppe geht davon aus, dass das Abstimmungsverhalten der Bevölkerung auf «Werten» beruht – zum Beispiel hier die «global Gesinnten», dort die «Abschottungsorientierten». Die andere politologische Denkschule führt das Abstimmungsverhalten vielmehr auf die persönliche Betroffenheit und das existenzielle Interesse der Stimmenden zurück.

In der Vox-Analyse zum 9. Februar war schon das Fragensetting einseitig auf das ideologisch konstruierte Wertesystem ausgerichtet. Hätte man konkrete Fragen gestellt zur existenziellen Betroffenheit am Arbeitsplatz, zur Erfahrung in der Berufskarriere, zum Erleben am Wohnplatz, zu den Interessen, dann wären ganz andere Motivmuster zum Vorschein gekommen. Wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück!

Den Frageraster anpassen

Trotz der mannigfachen Kritik an der bundesfinanzierten Vox-Analyse darf man nicht in eine Vox-Demontage verfallen. Diese Motivforschung ist ein wichtiges Instrument für die Regierung und die Politik. Wer die Befragung technisch abwickelt, ist an sich unerheblich, aber die weltanschaulich konstruierten Wertmuster des verantwortlichen Studienleiters präjudizieren jeweils die Resultate.

Die Vox-Analyse darf nicht zu einem Instrument werden, mit dem eine intellektuelle Elite ihren weltanschaulich geprägten Frageraster über das Land legt und dann dank ihrer Deutungshoheit die Politik beeinflusst. Deshalb muss sie auf eine breitere Grundlage gestellt werden. Es braucht Transparenz bei der Methode und einen Pluralismus von Sicht­weisen. Die Bundeskanzlei, welche die ganze Übung finanziert, ist jetzt gefordert.

Der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm ist TA-Kolumnist. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 09.05.2014, 23:55 Uhr)

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