Wie Gegner der Abzockerinitiative die Debatte manipulieren

Bezahlte Studenten schreiben unter falschem Namen Kommentare auf News-Portalen. Angeheuert wurden sie von der Agentur, die für Economiesuisse die Anti-Minder-Plakate gestaltete.

Auzüge aus dem Strategiepapier, das den Studenten übergeben wurde. (Ausriss: TA)

Auzüge aus dem Strategiepapier, das den Studenten übergeben wurde. (Ausriss: TA)

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Das Inserat klingt nach ein paar einfach verdienten Franken: «Politikinteressierte Studenten gesucht», heisst es in der Annonce auf dem virtuellen Marktplatz der Universität Zürich. «Für unseren Kunden suchen wir per sofort 5 Studierende, die bei einem Onlineprojekt mitarbeiten. Ihre Aufgabe besteht darin, zu einem politischen Thema Stellung zu nehmen. Sie unterstützen unseren Kunden in der täglichen Sichtung der Medienberichterstattung und reagieren entsprechend auf Leserkommentare.»

Aufgegeben hat die Anzeige die Poolside AG, eine in Zürich beheimatete Agentur, die Studenten vermittelt. Gesucht wurden drei Studenten für die Deutschschweiz, einer für die Romandie und einer fürs Tessin. Recherchen des TA zeigen: Hinter diesem Inserat steckt eine PR-Kampagne. Die Studenten wurden angeworben, damit sie auf Schweizer Medienportalen Kommentare gegen die Abzockerinitiative von Thomas Minder schreiben – unter falschen Namen und mit gefälschten E-Mail-Adressen.

«PR-Guerilla»

Auftraggeber der Poolside AG ist die Werbeanstalt Schweiz AG, eine Agentur aus Zürich (Leitsatz: «Geht nicht, gibts nicht»). Am Morgen des 7. Dezember findet in ihren Räumlichkeiten ein Treffen statt, bei dem eine Handvoll Bewerber ihren Auftrag fassen. In einem Strategiepapier, welches den Studenten ausgehändigt wird, ist das Vorgehen detailliert beschrieben:

«Ausgangslage: Am 3. 3. 13 findet die Volksinitiative ‹gegen die Abzockerei› statt. Die Chancen, dass diese Initiative durch das Volk angenommen wird, stehen nicht so schlecht. Gemäss aktuellen Mafozahlen würden heute 80% der Bevölkerung die Initiative annehmen. [...]
Problematik: Die Stimmen im Markt sind sehr aufgeheizt. Wenn ein Medium über diese Initiative berichtet, gibt es zahlreiche Leserbriefe. 98 Prozent davon sind PRO diese Initiative. Und dies sehr, sehr eindeutig und sehr aufgeheizt.
Auftrag: Wir benötigen – wir nennen dies PR-Guerilla – Gegenstimmen. D. h., sobald ein Medium (Blick.ch, 20min.ch, Tagesanzeiger.ch etc.) über diese Initiative berichtet, müssen wir Gegenpol geben. Heisst: mit gefakten Namen und E-Mail-Adressen (extra lösen bei gmx.ch, hotmail.com, bluemail.ch etc.) sich anmelden und GEGENStimmen geben. Mit verschiedenen (unterschiedlichen also) Argumenten, wieso diese Initiative schlecht ist. Darf nicht zu professionell daherkommen. Absender sind hierbei kritische Bürger, die Angst haben vor einem JA dieser Initiative.»

Den Studenten werden genaue Vorgaben gemacht, wie sie arbeiten sollen:

«Vorgehen: Ein Student löst diverse (8–10) gefakte E-Mail-Adressen (bei gmx.ch, hotline.com, bluemail.ch etc.). Gängige Namen verwenden (Huber, Müller, Baumgartner). Bei der Eingabe schauen, dass es den Ort, PLZ und die Strasse auch effektiv gibt (Check mit Weisseseiten.ch). [...]»

Die geschriebenen Kommentare sollen exakt dokumentiert werden:

«Reporting: Screenshots der Beiträge machen (oder ähnliches) und periodisch via Poolside an WA zukommen lassen.
Auftraggeber für Poolside: Betrifft auch Rechnungsstellung: Werbeanstalt Schweiz AG, Reto Dürrenberger, Bertastrasse 1, Zürich.» Die Studenten werden darauf aufmerksam gemacht, dass sie über ihren Nebenjob nicht reden dürfen:

«Geheimhaltung: Diese Massnahme darf auf keinen Fall gegen aussen auftreten. Warnung vor Konventionalstrafen. [...]»

Aktiv sein sollen sie auf allen Schweizer News-Portalen:

«Medien: Alle Online-Medien: Blick.ch; 20min.ch; sf.tv; Tagesanzeiger.ch etc. Auch mögliche regionale Medien. [...]»

Die Agentur verlangt von den Studenten, täglich 30 bis 60 Minuten zu investieren; in der ihnen zugewiesenen Region sollen sie die erschienenen Artikel zur Abzockerinitiative überwachen und pro Tag vier bis fünf Kommentare aufschalten. Ihre Beiträge müssen sie zur Kontrolle in einer Excel-Tabelle erfassen, die dann an Poolside geht. Den Arbeitsvertrag (Stundenlohn brutto: 25 Franken, Pensum ca. 10–20 Prozent) und eine Geheimhaltungsvereinbarung zum Unterschreiben erhalten sie einige Tage später per Post.

Wer steckt hinter dieser Aktion, die die öffentliche Meinung manipuliert? Beim Wirtschaftsverband Economiesuisse hat der Abstimmungskampf gegen die Initiative höchste Priorität, er investiert 8 Millionen Franken. Die Werbeanstalt Schweiz hat für Economiesuisse Plakate und Anzeigen gestaltet sowie die Argumentarien gelayoutet. Aber Ursula Fraefel, Kampagnenleiterin bei Economiesuisse, sagt: «Von einer Kommentarkampagne im Internet wissen wir nichts. Wir haben der Werbeanstalt keinen solchen Auftrag erteilt.» Im Internet sei es zwar gang und gäbe, dass Leute Pseudonyme verwendeten. «Aber dass Leute fürs Kommentarschreiben bezahlt werden, können wir nicht gutheissen.» Diese Aktion müsse gestoppt werden. «Wir haben genug Leute, die unbezahlt gegen die Initiative Kommentare schreiben.»

«Gegensteuer geben»

Als der TA am Donnerstag WerbeanstaltMitinhaber Reto Dürrenberger fragt, ob er die Studenten habe anwerben lassen, bestreitet er dies. Seine Agentur sei im Internet nicht aktiv. Einen Tag später korrigiert er seine Aussage: «Wir haben diese Studenten engagiert.» Er und Michael Flückiger, der Chef der Studentenvermittlung Poolside, seien langjährige Freunde. Nach einem Tennismatch hätten sie über die Abzockerinitiative diskutiert. Der Abstimmungskampf sei völlig aus dem Ruder gelaufen, die Leute achteten nicht mehr auf sachliche Argumente, es zählten nur noch Neid, Wut und das Schlagwort Abzocker. «Dabei würde die Initiative dem Wirtschaftsplatz Schweiz enorm schaden, weil sie übers Ziel hinausschiesst.» Er und Flückiger seien zum Schluss gekommen, dass es nötig sei, im Internet Gegensteuer zu geben.

Sie hätten die Schreiber aus der privaten Tasche bezahlt und sie vor der Anstellung gefragt, ob sie gegen die Abzockerinitative seien. Er sehe das Bezahlen der Studenten nicht als unmoralisch an. «Die Parteien bezahlen zum Beispiel auch Leute, die für Volksinitiativen oder Referenden Unterschriften sammeln.»

Poolside-Chef Michael Flückiger sagt, er sei als KMU-Mitinhaber stolz, mit der Aktion einen Beitrag zur Erhaltung des Wirtschaftsstandorts Schweiz zu leisten. Zur Frage, ob er das Bezahlen von Kommentarschreibern als unmoralisch erachte, sagt er nichts. Auch die Details der Kampagne – insbesondere die Kosten und die Anzahl veröffentlichter Kommentare – will er nicht bekannt geben.

Claudio Kuster, Mitinitiant und Kampagnenleiter der Abzockerinitiative, zeigt sich vom Vorgehen der Gegenseite schockiert. «Das ist dicke Post, eine Amerikanisierung der Politik. Alles wird käuflich.» Ihm sei vor etwa drei Wochen aufgefallen, dass bei Artikeln zur Abzockerinitiative eine Menge ähnlich klingender Kommentare aufgetaucht seien, die Inhalte seien zum Teil kopiert. «Auch wir fordern Freunde und Sympathisanten auf, fleissig zu kommentieren und für Zeitungen Leserbriefe zu schreiben.» Aber dahinter stünden reale Personen. Und Geld sei nie geflossen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.12.2012, 09:26 Uhr)

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