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Wie Mitarbeitende weniger oft krank werden

Von Philippe Müller. Aktualisiert am 14.07.2010 10 Kommentare

Bei Postfinance gingen die krankheitsbedingten Abwesenheiten innerhalb von vier Jahren fast 40 Prozent zurück. So spart der Finanzbereich der Post jährlich über drei Millionen Franken.

Krank sein: Postfinance-Mitarbeiter fehlen heute im Schnitt noch 7,7 Tage pro Jahr krankheitsbedingt. Früher waren es 12,5 Tage.

Krank sein: Postfinance-Mitarbeiter fehlen heute im Schnitt noch 7,7 Tage pro Jahr krankheitsbedingt. Früher waren es 12,5 Tage.
Bild: Keystone

Die exakten Zahlen sind vielerorts Geheimsache

Wie steht Postfinance mit der Abwesenheitsquote von jährlich durchschnittlich 7,7 Krankheitstagen pro Mitarbeiter im Vergleich da? Auf diese Frage gibt es keine schlüssige Antwort, weil andere grosse Arbeitgeber diesbezüglich keine Zahlen nennen mögen. Die SBB beispielsweise sagen nur, dank ähnlichen Massnahmen seit 2005 die krankheitsbedingten Fehltage um 18 Prozent gesenkt zu haben. Laut Mediensprecher Christian Ginsig macht dies bei 28000 Angestellten pro Jahr einen Sparbetrag von 28 Millionen Franken aus.

Auch die Swisscom verfügt seit 2008 über ein internes Gesundheitsmanagement. Rehabilitation und Integration von erkrankten Mitarbeitern habe Priorität, lässt die Swisscom ausrichten. Die Ausfallkosten und die Absenzen durch Krankheiten hätten im ersten Halbjahr 2010 abgenommen, genaue Zahlen gibt der Konzern jedoch nicht bekannt.
Einzelne Massnahmen wendet auch die Mobiliar-Versicherung an, allerdings etwas weniger umfassend, als dies beispielsweise Postfinance tut. Laut Mediensprecher Jürg Thalmann ist das auch nicht nötig, da man bei der Mobiliar ohnehin schon eine «unterdurchschnittlich tiefe» Abwesenheitsquote habe. Zahlen, die dies belegen, liefert allerdings auch die Mobiliar nicht. Man setze auf Prävention, so Thalmann, und versuche etwa mit flexiblen Arbeitszeiten hoher Belastung vorzubeugen. phm

Wenn sich bei Postfinance ein Mitarbeiter krank meldet, schaut die Post-Tochter sehr genau hin. Wie oft war die betreffende Person bereits krank? Was könnten die Gründe dafür sein? Wie kann dem Mitarbeiter geholfen werden, möglichst rasch an den Arbeitsplatz zurückzukehren? Seit 2005 führt die Personalabteilung von Postfinance genau Buch über alle krankheitsbedingten Abwesenheiten.

Weniger Krankheitstage

Um es vorwegzunehmen: Die Resultate, welche Postfinance mit dem Projekt «Betriebliches Gesundheitsmanagement» erreicht hat, sind eindrücklich: Zwischen 2005 und 2009 gingen die krankheitsbedingten Abwesenheiten um fast 40 Prozent zurück. Statt durchschnittlich 12,5 Tage (2005) war ein Postfinance-Angestellter 2009 im Schnitt noch während 7,7 Tagen krank. Postfinance beschäftigte letztes Jahr 3604 Mitarbeiter. «Dank dieser Verbesserung sparen wir jährlich mehr als drei Millionen Franken», sagt Personalchefin Nathalie Bourquenoud. Mit den Resultaten hat Postfinance die eigenen Ziele übertroffen: «Wir sind davon ausgegangen, die Absenzenquote auf zehn Tage pro Mitarbeiter senken zu können.»

Vorgesetzte in der Pflicht

Mit folgenden Massnahmen hat Postfinance die krankheitsbedingten Abwesenheiten gesenkt: Einerseits werden bei Rekrutierungsverfahren für Stellen mit einem gewissen Stress-potenzial die Kandidaten einem Belastungstest unterzogen. Des Weiteren stehen dem Postfinance-Personal Experten für persönliche Gespräche zur Verfügung. Sie geben etwa Tipps zur Einteilung der persönlichen Energie oder zum gesunden Bewegungsverhalten am Arbeitsplatz. Und für Angestellte, die aufgrund einer Krankheit länger ausfallen, steht auf freiwilliger Basis ein Case-Manager zur Verfügung, der ihnen hilft, möglichst schnell an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Wer fehlt, muss erklären

Nicht zuletzt werden die Vorgesetzten darauf sensibilisiert, für ein positives Arbeitsklima zu sorgen. Gerade für die Kurzabsenzen sei oft das Klima am Arbeitsplatz verantwortlich, so Bourquenoud. Die Vorgesetzten sind von der Personalabteilung angehalten, das Gespräch mit den Mitarbeitern zu suchen, sollten die Absenzen eine gewisse Regelmässigkeit annehmen.

Für Bourquenoud ist für den Erfolg die Mischung aus allen Massnahmen entscheidend. Dass sowohl die Kurzabsenzen als auch die längeren Abwesenheiten gesenkt wurden, zeige, dass alle Massnahmen griffen.

«Man darf krank sein»

Was sagt Bourquenoud aber auf den möglichen Vorwurf, die Mitarbeiter trauten sich gar nicht mehr, sich krank zu melden, weil der Druck durch die verstärkte Kontrolle zugenommen habe? «Ich habe von unserem Personal bisher keinerlei Kritik gehört. Es ist auch nicht unsere Absicht, unsere Angestellten unter Druck zu setzen.» Vielmehr gehe es darum, Konflikte möglichst früh zu erkennen und ein optimales Arbeitsumfeld zu bieten. Und gehe es jemandem wirklich nicht gut, so solle er sich weiterhin abmelden. «Die Leute sollen auch krank sein dürfen.»

Nach den guten Erfahrungen mit dem Gesundheitsmanagement hätten auch die anderen Konzernbereiche der Post einzelne Massnahmen übernommen, erfährt man bei der Medienstelle von Postfinance.

Fachleute sind überzeugt

Und wie reagieren Fachleute auf die Massnahmen von Postfinance? Ruth Derrer Balladore, Ressortleiterin Arbeitsmarkt beim Arbeitgeberverband, beurteilt das Projekt grundsätzlich positiv: «Viele dieser Dinge, die Postfinance nun genauer beobachtet, sind eigentlich selbstverständlich.» Nur seien sie in vielen Betrieben in der Vergangenheit vernachlässigt worden.

Eine Gefahr sieht Derrer Balladore allenfalls in der gestärkten Rolle der Vorgesetzten. Sie befürchtet, dass die Krankheitsquoten zu einem Wettbewerb unter den verschiedenen Abteilungen führen könnte. «Wenn die Chefs anfangen, sich damit zu brüsten, das gesündeste Team zu leiten, üben sie damit Druck auf die Mitarbeiter aus.» Hier sei besonders viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Lob gibt es auch vom Personalverband Transfair. «Postfinance gilt generell als fortschrittliche Arbeitgeberin», sagt Diana Mathys, stellvertretende Branchenleiterin Post. Das betriebliche Gesundheitsmanagement von Postfinance sei überzeugend und sensibilisiere die Mitarbeitenden zu verantwortungsvollerem Verhalten bei Krankheit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.07.2010, 14:18 Uhr

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10 Kommentare

Sonja Maier

14.07.2010, 15:37 Uhr
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Es wäre interessant zu wissen, welche Arbeitszeitmodelle bei der Post angewendet werden. Welche Flexibilität haben die Mitarbeitenden bezüglich Überzeitkompensation und Kurzabsenzen? Je enger die Schranken gesetzt sind, desto mehr sehen sich manche Mitarbeitenden gezwungen, ihre Absenzen als Krankheit zu deklarieren. Antworten


Bruno Kocher

14.07.2010, 15:55 Uhr
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Einerseits dürfte die Massnahme gut sein um chronische Krankmacher zu erkennen. Andererseits haben bei der Post offenbar die Vorgesetzten schon länger versagt. Nur so kann die enorme Zahl von 12.5 Tagen Absenzen im Durchschnitt zustande kommen. Der Verlust ist wohl auch zu hinterfragen. Meistens erledigen die ehrlichen anwesenden Mitarbeiter zusätzlich die Arbeit der Kranken. Antworten



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