Schweiz
Wie Politiker die Medien instrumentalisieren
Von Patrick Feuz. Aktualisiert am 08.07.2011 33 Kommentare
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Im Wahljahr ist es für Parteien und Politiker besonders wichtig, in den Medien präsent zu sein. Der Kampf um Aufmerksamkeit wird zum Überlebenskampf. Dabei machen sich die Politiker den Hunger der Medien nach exklusiven Storys zunutze. Letzte Woche bot die SP-Vizepräsidentin Jacqueline Fehr dem «Tages-Anzeiger» ein Papier an, das belegen soll, dass die SP von allen Parteien jene sei, die am meisten für den Mittelstand tue.
Sie verknüpfte das Angebot mit der Bedingung, ein Interview mit einem Vertreter der SP zu publizieren. Der Ressortleiter Inland zeigte Interesse am Papier, stellte aber klar, man wolle das Thema journalistisch abhandeln. Also einen Artikel schreiben, in dem sich auch die politische Konkurrenz der SP zur Frage äussern dürfe, wer die mittelstandsfreundlichste Partei sei.
Nur mit Frontseiten-Garantie
Doch die SP wollte das Thema lieber in ihren eigenen Worten abhandeln und wandte sich an einen anderen Ressortleiter des «Tages-Anzeigers». Als auch dieser ein Interview für nicht adäquat befand, teilte der stellvertretende SP-Parteisekretär am Mittwochabend per Mail mit: «Uns ist es ein Anliegen, unsere entsprechende Position und das dazu erstellte Papier in einem Interview mit eigenen Worten erläutern zu können. Darum haben wir nun einer Sonntagszeitung den Vorzug gegeben.» Eingestiegen auf die SP-Bedingung ist der «Sonntag», die von den AZ Medien herausgegebene Sonntagszeitung. Dort erscheint am Wochenende ein Interview mit Jacqueline Fehr, falls nicht in letzter Minute ein unerwartetes Grossereignis den Auftritt vereitelt.
Immer häufiger versuchen Parteien und andere Interessengruppen, den Medien die Regeln für die Publikation von Informationen zu diktieren. Storys werden dadurch nicht selten grösser, als sie es vom Inhalt her verdienen. Und im schlimmsten Fall unterbleiben kritische Fragen zu den transportierten Forderungen, Vorstössen und Papieren. Der Leserschaft bleibt all dies verborgen, weil sie nicht weiss, wie die Artikel entstehen und was hinter den Kulissen verhandelt worden ist.Auf die vom Bundesrat vorgeschlagene Bewilligungspflicht für Kinder hütende Tanten angesprochen, erklärte ein FDP-Nationalrat im Frühling einem Journalisten der gemeinsamen Bundeshausredaktion von «Bund» und «Tages-Anzeiger», er plane einen politischen Vorstoss gegen die Hüte-Lizenz. Doch mehr verrate er nur, wenn die Redaktion dazu einen Artikel auf der Frontseite platziere.
Und als CVP-Präsident Christophe Darbellay im Juni 2009 der «SonntagsZeitung» und dem «SonntagsBlick» die News preisgab, die CVP verzichte künftig auf Spenden der UBS, tat er dies laut einer zuverlässigen Quelle nicht umsonst: Der Parteichef erwartete einen nicht zu knappen Artikel an prominenter Stelle. Die Nachrichtenflaute kam ihm entgegen. In der «SonntagsZeitung» landete die Story als Hauptartikel auf der Frontseite.Auch Bundesräte stellen Bedingungen. Im November 2010 bot das Volkswirtschaftsdepartement der «Basler Zeitung» ein Interview mit Johann Schneider-Ammann zur Ausschaffungsinitiative an – mit der Auflage, es müsse schriftlich geführt werden. Die «BAZ» lehnte ab, denn das Risiko schien ihr zu gross, dass nicht der Bundesrat, sondern seine PR-Abteilung die Fragen beantworten. Publiziert wurde das «Interview» schliesslich in der «Berner Zeitung». Zum Courant normal gehört längst, dass Bundesräte vorschreiben, worüber sie in Interviews reden wollen, und dass sie gewisse Fragen untersagen.
Immer wieder der «Sonntag»
Wie Jacqueline Fehr im Fall des «Tages-Anzeigers» beharrte auch ein SP-Bundespolitiker gegenüber der «SonntagsZeitung» auf einem Interview, als er in einer anderen Sache um eine Stellungnahme angefragt wurde. Und wie Fehr bekam am Schluss auch der SP-Mann sein Interview – im «Sonntag».
Ein Journalist einer anderen Sonntagszeitung erklärt, der Markteintritt des «Sonntags» im Jahr 2007 habe die Spielregeln verändert. Immer öfter bekomme man von Politikern zu hören, dass sie im «Sonntag» am leichtesten ungefiltert sagen könnten, was sie wollten. Patrik Müller, Chefredaktor des «Sonntags», sagt, ein Interview in seiner Zeitung bedeute inhaltlich keineswegs eine Carte blanche. Der «Sonntag» frage kritisch nach. Im Fall der Mittelstandsstory, an der die Bundeshausredaktion «seit langem» recherchiere, sei bloss ein Interview als Zusatzelement geplant.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.07.2011, 09:03 Uhr
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33 Kommentare
Was diesem Artikel zum Schluss noch fehlt: "und vice versa", dann wäre er so etwas wie ausgewogen. Dann wäre er allerdings natürlich auch nicht im Sinne der Medien, die der Politik in Sachen "Manipulation" in rein gar nichts nachstehen. Ein biederes Schweizer-Beispiel: die Info-Brüll-Show ARENA und ein globales Beispiel: der Abhör- Skandal um NEWS OF THE WORLD and HMG (HER MAJESTIES GOUVERNMENT). Antworten
Medien und Politik sind schon lange miteinander verbandelt - der eine kann nicht ohne die andere. Ob das gut ist? Wünschenswert wären unabhängige Medien, aber das sind sie schon lange nicht mehr - vielleicht noch nie gewesen. Zum ganzen System gehört aber auch die Wirtschaft. Ob wir morgen lesen können, inwiefern die grossen Anzeigenkunden Einfluss nehmen? Warte gespannt ... Antworten
Der Tagi ist einfach beleidigt. Solche Absprachen sind im Journalismus üblich. Der Tagi war nicht interessiert an dem Exklusivbericht, die Sonntagszeitung schon… und jetzt reagiert er beleidigt. Ich habe das Mittelstandspapier gelesen und es ist gut. Wann erkennt der Tagi das? Antworten
Wenn die Medien in der Lage wären, selbständig eine faire und ausgewogene Berichterstattung zu garantieren, wären solche Spielereien nicht nötig. Ich selber stelle immer wieder fest, dass man als Partei nur dann medial beachtet wird, wenn man diejenigen, die über das Erscheinen eines Artikels entscheiden, persönlich kennt. Also beschweren Sie sich nicht über die Geister, die Sie selber riefen! Antworten
Auf admin dot ch kann jeder die Protokolle der Ratssitzungen einsehen und so die Motionen, Interpellationen, Antworten und Redebeiträge ohne mediengetreue Aufbereitung oder parteiprogrammatische Filter lesen. Nur so kann man sich ein Bild über die wirklichen Absichten seiner Gewählten machen. Antworten
auch eine folge davon dass immer weniger sachverständige journalisten am werk sind, die überhaupt die richtigen fragen stellen können. wenn man sieht wie politische themen im 20min und im blick (und z.t. auch im tagi) und vor allem bei den lokalradios abgehandelt werden, dann wird einem angst und bang.... Antworten
Wenn Parteien nun Journalisten kopieren, dann kommt der Aufschrei der Medien. Dabei, + das wissen wir Leser schon lange, sind es genau diese Medien, welche das Spiel der Informations-Manipulation bestens beherrschen! Da werden uns "Experten", "Umfragen" + vieles mehr präsentiert, die einer genauen Überprüfung nie standhalten würden; nicht ins Konzept passende Blog-Kommentare nicht publiziert .... Antworten
Zum Courant normal gehört längst, dass Bundesräte vorschreiben, worüber sie in Interviews reden wollen, und dass sie gewisse Fragen untersagen. Und das nennt sich bürgerfreundlich! Mich mahnt dieses narzisstische Gehabe eher an eine Bananenrepublik. Dass sich die Medien wegen ein paar billiger Storys erpressen lassen (Der Sonntag) ist bedenklich. In der BZ konnte C. Wermuth über die SVP herziehen! Antworten
Gut, dass dieser Artikel publiziert wurde! Ab und zu etwas kritisches über die Medien selber bereichert die Zeitungen!
Und ich frage mich zum Teil, ob die Politiker, die so handeln wirklich nur an die Wahlen im Herbst denken oder schlicht und einfach Narzisten sind...
Antworten
Dieser Artikel scheint einfach nur ein schwacher Versuch zu sein, die Eigenverantwortung der Medienhäusern ab zu schieben. Dass Parteien manipulieren müssen, damit sie ihre Ziele erreichen, ist meiner Ansicht nach zu genügen bekannt und teilweise auch Legitim, das täglich Brot in der Politik. Dass das auch "neutrale" und "freie" Journalisten machen dürfen, jedoch ist absolut ungerechtfertig! Antworten
"Über 99 % aller Nachrichten … gelangen nie vor das Auge des Lesers, weil sie als zu unbedeutend, zu fragmentarisch, zu polemisch oder – nach den jeweils herrschenden Vorstellungen – zu unsittlich aussortiert werden." - Manfred Steffens: Das Geschäft mit der Nachricht. München 1971. Dass es in den Redaktionen teilweise ungeschriebene Regeln der Berichtserstattung gibt, ist ein weiterer Fakt... Antworten
In der heutigen Zeit der Hektik und der Gier bleiben leider auch auf Seiten der Medienschaffenden und ihrer politischen "Lieferanten" Moral und Ethik auf der Strecke. Von der vielgerühmten hohen Qualität schweizerischen Medienschaffens ist trotz Vielfalt immer weniger zu spüren. Ich fürchte, dass der journalistische und verlegerische Wettbewerb bald einmal zu Murdoch-Verhältnissen führen wird. Antworten
Es gehört auch zum "Courant normal" dass Journalisten nicht nur Informationen liefern, sondern diese auch in ihrem Sinne werten. Damit machen sie natürlich auch Politik! In einer Zeit aber, in welcher die Anonymität stets wächst, wäre ich froh, mehr Informationen aus erster Hand zu bekommen und sehe im Vorgehen der demokratisch gewählten Volksvertreter nichts Verwerfliches. Antworten
Das ist stossend, dass Politiker und Bundesräte den Medien ihre Bedingungen diktieren. Nur: Die Verlagshäuser wehren sich ja auch nicht gross dagegen, und das gilt wohl kau nur für den "Sonntag". Übrigens gilt das Beispiel noch viel mehr fürs Showbusiness, da werden viele Gefälligkeitsartikel geschrieben, und diese werden dann als "News" verkauft. Dabei handelt es sich um indirekten PR. Antworten
Dabei sind die meisten Verlagshäuser (Inkl. Tamedia) gleich: Es wird nicht mehr gründlich recherchiert und hinterfragt, man lässt "Experten" und Politologen die Aussagen machen, setzt auf reisserische Titeln und der Inhalt entspricht oftmals nur verzerrt den Tatsachen (Entspricht eigenen Beobachtungen) Dass da die Parteien gerne diktieren wie was geschrieben werden muss, ist nur verständlich. Antworten
...und wenn dann doch einmal ein «richtiges» Interview (oder Pressekonferenz) stattfindet, werden kritische Frage übergangen oder die Veranstaltung wird schlicht abgebrochen. Hut ab vor all den Journalisten welche nach haken und sich nicht scheuen, Rückgrat zu zeigen. Hut ab auch vor dem Tagi, welcher hier solche Praktiken transparent macht.
Bei der Personalisierungs und Skandalisierungstendenz der Medien habe ich grosses Verständnis dafür, dass die Parteien einen Weg suchen, ihre Botschaften ungefiltert und unkommentiert an die grosse Masse zu bringen. Schliesslich geht es in der Politik ja auch um Inhalte und nicht nur um Klamauk, Skandale etc. Antworten
Herzlichen Dank für diesen aufklärenden Beitrag zur Entstehung von Polit-Nachrichten. Ich befürchte, in diese Richtung gäbe es noch viel mehr Aufklärungspotential. Doch wie oft hat der TA schon populistische Äusserungen von Politiker unhinterfragt veröffentlicht? Ist glaub ich nicht nur ein Problem von Boulevardzeitungen. Kostendruck, Zeitdruck oder was ist das Problem? Antworten
Dass die linkslastigen AZ-Medien auf einen solchen Deal einsteigen verwundert in keiner Weise. Es ist dem Tagi hoch anzurechnen nicht nur den Einheitsbrei der SP zu publizieren. Martin Hächler Nationalratskandidat FDP Aargau Liste 3 Antworten
Wer hier was und wie instrumentalisiert scheint mir nicht so klar. Natürlich weiss ich als Leser nicht alles. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen wie Journalisten nach "Geschichten" lechzen, und dafür auch einige Grenzen überschreiten. Leider bringt dieser Artikel aber nicht mehr Transparenz, wie mit Informationen "gehandelt" wird. Antworten
Umgekehrt wird auch ein Schuh draus. Weil differenzierte Statements den heutigen Fastfood-Leser grösstenteils überfordern, wird auf Teufel komm raus zugespitzt, ja mitunter fahrlässig verfremdet. Sachdienlich im Sinne des öffentlichen Diskurses ist dies nicht. Information weicht Emotion. Dabei bleibt nur zu oft die Vernunft, das Räsonieren auf der Strecke. Antworten

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