Schweiz
Wie Secondos stolz darauf werden, Ausländer zu sein
Von Dario Venutti. Aktualisiert am 09.06.2010 13 Kommentare
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Als Sekundarschülerin war Ardita hungrig nach Bildung. Sie wollte Dentalassistentin werden. Um mehr Zeit für die Lehrstellensuche investieren zu können, verliess sie den Sportverein. Wenn sie in den Kosovo reiste, in das Land ihren Eltern, wusste sie: nur nicht so leben wie die Frauen dort. Nur nicht zu früh heiraten. Lieber engagierte sie sich im Schülerrat.
Jetzt, mit 21 Jahren, pflegt Ardita Demenzkranke in einem Altersheim. Ihr Bildungseifer ist erlahmt. Dutzende von Bewerbungen wurden abgeschmettert. Und sie überlegt sich, bald ihren Freund zu heiraten und eine Familie zu gründen.
Bauarbeiter statt Mechaniker
Ardita ist eine von insgesamt 45 Jugendlichen, welche die beiden Soziologinnen Eva Mey und Miriam Rorata für ihre Nationalfondsstudie in einem Abstand von drei Jahren zweimal ausführlich befragt haben.
Die Biographie der jungen Kosovarin ist typisch für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund. Der Übergang von der Schule in die Berufswelt ist für sie im Vergleich zu Schweizern weit häufiger mit Enttäuschung und Ernüchterung verbunden: Die Herkunft ist eine hohe Hürde bei der Lehrstellensuche. Sie müssen sich mit einer Zwischenlösung arrangieren, beispielsweise mit einem 10. Schuljahr. Und statt Mechaniker zu werden, landen sie auf dem Bau, statt einer KV-Lehre absolvieren sie eine Ausbildung zum Verkäufer.
Die 45 befragten Jugendlichen aus dem Balkan, Italien und Portugal leben alle in Emmen LU, wo der Ausländeranteil bei rund einem Drittel liegt. Daher ist die Studie einigermassen repräsentativ für andere Agglomerationsgemeinden mit vielen Ausländern.
Doch die Arbeit der beiden Soziologinnen bestätigt nicht einfach das, was man schon immer wusste oder zumindest vermutete. Sie beschreiben die Veränderungen in der Haltung und in den Erwartungen der Jugendlichen. In der Summe ergibt das, was in dieser Übergangsphase zwischen Schule und Beruf passiert, eine Entfremdung von der Schweiz.
Während der Schulzeit war für Ardita der Kleidungsstil ihrer Kolleginnen wichtiger als deren Herkunft. Verkehrte sie damals privat auch mit Schweizern, beschränkt sich ihr Kontakt zu ihnen heute auf den Arbeitsplatz und ist rein professionell. Weil der Beruf wegen unerfüllter Wünsche stark an Bedeutung verloren hat, ist das Private umso wichtiger geworden. Ardita bewegt sich praktisch ausschliesslich unter Albanern: in albanischen Klubs, in der Verwandtschaft, mit Nachbarn. Schweizerin will sie einstweilen nicht mehr werden. Vor drei Jahren noch hatte sie sich die Einbürgerungsformulare besorgt.
Es können auch nicht alle Schweizer ihr Berufsziel verwirklichen. Bei Ausländern aber wirkt sich die Ernüchterung deshalb stärker aus, weil sie an frühere Erfahrungen von Ausgrenzung anknüpft. Die erste Selektion findet laut der Soziologin Mey beim Übergang von der Primar- in die Sekundar- oder Realschule statt. Schon zu diesem Zeitpunkt dominiere nämlich das Prinzip «Herkunft statt Leistung»: Ausländische Kinder werden im Vergleich zu schweizerischen häufiger in die Realschule geschickt, und das unabhängig von ihren Fähigkeiten. Der «2. Integrationsknick» geschieht dann im Übergang von der Schule in die Berufswelt.
Aussenseiter wie die Eltern
Wer solche Erfahrungen macht, zieht sich zurück und orientiert sich vermehrt an seiner ethnischen Gemeinde. Und entwickelt einen Stolz auf sein Ausländerdasein, sagt Mey im Gespräch. «Es ist bedenklich, dass viele Secondos in einer ähnlichen Aussenseiterposition landen wie ihre Eltern.» Möglicherweise liegt in solchen Biografien auch ein Hintergrund für die Schlagzeilen über kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund – und zwar jenseits von ethnischen Erklärungen.
Was ist zu tun? Bleibt die Chancengleichheit nicht eine Illusion, wenn die Weichen bereits am Ende der Primarschule gestellt werden? Eva Mey empfiehlt, die Schülerinnen und Schüler konsequenter nach dem Prinzip «Leistung statt Herkunft» auf die verschiedenen Niveaus zu verteilen.
Und die Politiker sollten vermehrt um Secondos werben: beispielsweise durch ein Mitspracherecht auf Gemeindeebene. Jugendliche mit Migrationshintergrund seien lokal stark verankert und daher grundsätzlich daran interessiert, am Gemeindeleben teilzunehmen. «Das wäre ein Signal dafür, dass man sie nicht ausschliessen will, sondern dass sie gebraucht würden.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.06.2010, 22:50 Uhr
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13 Kommentare
@A.Berg: Ich meinte mit alle nicht die gesamte Migration in Erwägung ziehende Welt sondern den vermeintlich gefährlich hohen Ausländeranteil in der Schweiz (Komm. Baldini). Man darf sich keine Illusionen darüber machen, dass es auch Schweizer gibt, die den Migrantinnen das Ankommen in der Gesellschaft madig machen. Neuerdings mit Unterscheidungen wie "vielleicht Schweizer aber kein Eidgenosse". Antworten
@Maja Zrnic:Die Aussage "es hat hier Platz für alle" ist schlicht falsch. "Alle" bedeutet keine Bedingungen und Anforderung im Bereich der Migration aufzustellen und das würde mit absoluter Sicherheit in eine politische und soziale Katastrophe führen. Die Schlüsse der Studie sind unwissenschaftlich. Sich als Nicht-Schweizer zu definieren fängt bei Migranten schon lange vor der Lehrstellensuche an. Antworten
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