Wie die Affäre Geri Müller ihren Anfang nahm

Die Chatpartnerin von Geri Müller versprach einem PR-Mann Material, das den Grünen «aus der Politik katapultieren» würde.

«Brisantes Material»: Die Lehrerin suchte einen politischen Gegner von Geri Müller (Bild). Foto: Emanuel Freudiger (AZ, EQ Images)

«Brisantes Material»: Die Lehrerin suchte einen politischen Gegner von Geri Müller (Bild). Foto: Emanuel Freudiger (AZ, EQ Images)

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Es begann harmlos, mit ein paar Facebook-Kommentaren über selbst gemalte Bilder. Daraus entwickelte sich in den letzten Tagen ein schmutziger Polit-­Krimi. Die Protagonisten, der grüne Nationalrat Geri Müller und eine 33-jährige Lehrerin, die einander erotische Nachrichten und Fotos geschickt hatten, gerieten beide in Schwierigkeiten. Gegen die Frau läuft ein Verfahren wegen Nötigung und unbefugten Aufnehmens von Gesprächen, und Müllers politische Karriere ist in der Schwebe.

Unklar blieb bislang, wie die ganze ­Affäre überhaupt in Gang kam. Wie konnten die kompromittierenden Fotos an die Medien gelangen? Der TA enthüllte am Donnerstag, dass weitere Akteure in diesem Fall aktive Interessen verfolgten, unter anderem der PR-Berater Sacha Wigdorovits. Am selben Tag befragte die Staatsanwaltschaft Berner Jura-Seeland die Chatpartnerin Müllers erstmals ausführlich. Dem TA liegen Informationen aus der Einvernahme vor. Danach sagte die Frau gegenüber den Strafverfolgern aus, sie sei aus eigenem Antrieb auf Wigdorovits zugegangen, weil er ihr als erklärter politischer Gegner Geri Müllers aufgefallen sei. Der Politiker hatte nach mehreren Monaten der Affäre versucht, auf Distanz zu gehen.

«Dokumente über Wigdorovits»

Die Lehrerin sagt, sie habe sich mit Wigdorovits persönlich getroffen. Dieser habe sie gebeten, ihm ihr Handy zu übergeben, auf dem der Verlauf des Chats und die Fotos gespeichert waren. Das habe sie abgelehnt – auf dem Telefon sei ihr ganzes Leben gesammelt. Wigdorovits habe daraufhin gesagt, sie solle die Daten kopieren und ihm zur Ver­fügung stellen. Als sie zögerte, habe Wigdorovits insistiert, woraufhin sie ­einen Teil des Materials herausgegeben habe: Tonmitschnitte von Gesprächen zwischen Müller und ihr sowie die ominösen Nacktfotos.

Dieser Version widerspricht Sacha Wigdorovits, der gegenüber dem TA ­gestern seine Sicht der Dinge und einen SMS-Austausch mit der Frau darlegte. Am 22. April habe er von ihr erstmals ein SMS erhalten: Sie schrieb, sie habe «brisantes Material», das Geri Müller «für immer aus der Politik katapultieren» werde. Zudem schrieb sie, Müller habe ihr «Dokumente der Bundesanwaltschaft über Sacha Wigdorovits» in die Hand gedrückt. Wigdorovits sagt, er sei beunruhigt ge­wesen und habe die Frau noch am selben Tag getroffen. Die Sache mit dem staatlichen Dossier habe sich dann aber als harmlos erwiesen. Stattdessen habe sie ihm Teile des Chat-Verlaufs mit Müller vorgelesen – allerdings ohne ihm diesen zu zeigen.

Ebenso habe sie gesagt, dass sie Angst vor dem Politiker habe. Nach seiner Darstellung empfahl Wigdorovits der Frau deshalb, ihre Daten zu sichern und das Handy einem Anwalt zu übergeben. Weil sie keinen kannte, habe er ihr den Juristen Josef Bollag empfohlen – «ihn kenne ich seit Kindesbeinen». Zudem habe er der Frau gesagt, dass sie wohl illegal gehandelt habe, als sie die Telefonate zwischen ihr und Müller aufzeichnete.

Die Frau habe ihn darauf ange­sprochen, ob und wie man das Material in die Medien bringen könnte. Darauf habe er die Namen der Chefredaktoren von «SonntagsZeitung» und «Blick» genannt. Im Fall der «SonntagsZeitung» habe er auf ihr Bitten auch eine Kontaktmöglichkeit vermittelt. Mehr habe er nicht getan, insbesondere habe er ihr keine Kontakte bei der «Weltwoche» oder der «Schweiz am Sonntag» genannt.

In den SMS, die Wigdorovits dem TA vorgelegt hat, heisst es, er wolle der Frau «keine Empfehlung» zu ihrem Vorgehen abgeben, sie müsse «selbst entscheiden», was sie tun wolle. Er wolle sich «aus der Sache heraushalten». Im letzten SMS vom 28. April schreibt er: «Wie ich Ihnen schon letzte Woche gesagt und geschrieben habe (...), möchte ich nicht in die Angelegenheit hineingezogen ­werden.» Nach dieser Nachricht habe er nichts mehr von der Frau gehört.

Das Stellenangebot

Laut der Lehrerin kam es in der Folge zu einem Treffen mit Josef Bollag in Zug. Dieser führt dort ein Anwalts- und Treuhandbüro; in Baden amtet er als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde. Wigdorovits und Bollag kennen sich über diese Gemeinde sowie über die Stiftung Audiatur, die sich für die Belange ­Israels in den Medien und der Öffentlichkeit einsetzt. Die beiden Männer verbindet, dass sie im Bereich der Nahostpolitik erbitterte Gegner Geri Müllers sind. Dieser polarisierte immer wieder mit Aussagen zum Israelkonflikt – und mit seinen Kontakten zur Hamas.

Die Frau sagte, Wigdorovits und Bollag hätten zusätzliche Chat-Informationen verlangt. Wigdorovits und Bollag entgegnen, solche Forderungen habe es nie gegeben. Nach Aussagen des CVP-­Nationalrats Gerhard Pfister ist da­gegen bekannt, dass Bollag versuchte, der Frau eine Stelle zu vermitteln: Er organisierte ein Treffen mit Pfister, der als Verwaltungsrat eines Zuger Privat-Internats amtet. Daraus entstand allerdings nichts Fruchtbares, Pfister sagte, er habe sich von der Frau manipuliert gefühlt.

Nach Darstellung von Wigdorovits bauten Drittpersonen – oder die Frau selbst – weitere Verbindungen zur Presse auf. Sowohl «SonntagsZeitung» wie auch «Blick» und «Weltwoche» entschieden sich, die Geschichte nicht zu publizieren. So blieb die Story unter Verschluss – bis sie auf bislang unbekanntem Weg bei der «Schweiz am Sonntag» landete, die publizierte, weil die Affäre zwischen Müller und der Lehrerin so eskaliert war, dass die Polizei hatte einschreiten müssen.

Die Lehrerin war für den TA gestern nicht zu sprechen. Josef Bollag gab keine weitere Stellungnahme ab. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.08.2014, 00:00 Uhr)

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