Uni Zürich

Wie die Mörgeli-Affäre eskalierte

Am Anfang stand ein Arbeitskonflikt an einem kleinen Zürcher Universitätsinstitut. Daraus entwickelte sich eine Affäre mit gewaltiger Sprengkraft. Wie konnte es dazu kommen? Eine Übersicht.

Christoph Mörgeli will wieder zurück ins Museum. Doch das Rekursverfahren zieht sich in die Länge. Foto: Sabina Bobst

Christoph Mörgeli will wieder zurück ins Museum. Doch das Rekursverfahren zieht sich in die Länge. Foto: Sabina Bobst

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Zürich – Manch einer hat den Überblick im Fall Mörgeli längst verloren. In zu rascher Folge jagen sich Entlassungen, Anschuldigungen und Verfahren. Ein Blick in die Schweizerische Mediendatenbank zeigt, dass bereits mehr als 1000 grössere und kleinere Artikel zur Affäre erschienen sind, seit der TA am 11. September 2012 den Fall ins Rollen brachte. Unter dem Titel «Leichen im Keller des Professors» berichteten wir damals über schwere Mängel, die Christoph Mörgelis Chef thematisiert hatte. Flurin Condrau tat dies in seinem Jahresbericht 2011 zum Zustand des Medizinhistorischen Instituts:

Da war zum Beispiel von der Vorlesung «Medizinische Museologie» die Rede, die Mörgeli 13 Jahre lang angeboten hatte, obwohl sie mangels Interesse «noch nie durchgeführt werden konnte», wie Condrau schrieb. Auch das zweite Lehrangebot des SVP-Nationalrats – «Erzählte Medizingeschichte» – war bei den Studenten kein Renner. Dafür hörten jeweils Senioren zu, wenn Mörgeli ehemalige Mediziner und Gelehrte über vergangene Zeiten berichten liess.

Als Fremdkörper abgestossen

Mörgelis Medizinhistorisches Museum bezeichnete Condrau als «eine grosse Belastung und sicher kein Asset». Die Dauerausstellung sei «teilweise fehlerhaft, unzweifelhaft veraltet und museologisch überholt». Seit ihrer Eröffnung vor 22 Jahren sei sie praktisch nicht verändert worden. So stand auf einem Informationstableau zu Aids immer noch: «Eine wirksame Therapie gibt es bisher noch nicht». Dies, obwohl eine Kombi-Therapie seit 1996 Aidspatienten das Leben erleichtert.Noch mehr Sorgen machte sich Condrau wegen der sogenannten Objektsammlung, die Konservator Mörgeli betreute. Sie ist laut dem Zürcher Regierungsrat «die weltweit grösste Universitätssammlung ihrer Art» und soll rund 100 000 Objekte umfassen. Genau weiss es aber niemand, weil nur ein kleiner Teil katalogisiert ist. «Mehrere Zehntausend unkatalogisierte Objekte verstauben in offenen Regalen», konstatierte Condrau in seinem Bericht.

Kritische Töne schlug auch eine internationale Expertenkommission unter der Leitung des Stuttgarter Professors Robert Jütte an. Sie hatte die Sammlung evaluiert und sprach in ihrem Bericht von fragwürdig aufbewahrten Wasserleichen, von Feuchtpräparaten in undichten Behältern und von Knochen, die Staub und Ungeziefer teilweise direkt ausgesetzt seien. «Dem ehemaligen Menschsein», mahnte die Kommission, sei besser Rechnung zu tragen.

Mit diesen Vorwürfen konfrontiert, räumte Mörgeli erst ein, «ein klimatisches und ethisches Problem» zu haben. Die Schwierigkeiten führte er auf einen Mangel an Personal zurück. Nebst seinen eigenen 80 Stellenprozenten habe er nur 25 weitere Prozente für die Sammlung und das Museum einsetzen können. Das sei auch der Grund, weshalb die Inventarisierung nicht richtig vorangekommen sei. Mörgeli verwies überdies auf eine sehr gut ausgefallene Mitarbeiterbeurteilung von 2004 durch seinen ehemaligen Chef, Beat Rüttimann sowie einen Bericht der Evaluationsstelle der Uni Zürich, die sein Museum 2006 für gut befunden hatte.

Zum Gegenangriff blies Mörgeli erst nach Erscheinen des ersten TA-Artikels. Jetzt sprach er von «Brotkorbterror» und politischem Mobbing. Dabei stützte er sich unter anderem auf eine Passage im Jahresbericht, wo Condrau schrieb: «Ein weiteres Problem besteht in der Isolation von Institut und Museum. Die Zusammenarbeit wird uns von Kollegen vermutlich aus politischen Gründen verweigert, und die Reichweite unserer Veranstaltungen ist leider auch immer noch beschränkt.»

Christoph Mörgeli war zweifelsohne der Paria seiner Branche.

Aus politischen Gründen geschnitten fühlte sich Mörgeli auch von der Schweizer Fachzeitschrift für Medizinhistoriker «Gesnerus», weil diese einst einen Artikel von ihm abgelehnt hatte. Die beiden Chefredaktoren – Vincent Barras und Hubert Steinke – widersprachen. Die politische Haltung des Autors könne gar keine Rolle spielen, weil die Artikel anonym – ohne Kenntnis des Autorennamens – begutachtet würden.

Die fachlichen Vorbehalte gegenüber Mörgeli waren aber gross. Er war zweifelsohne der Paria seiner Branche. Die Fachkollegen monierten, ihm fehle die kritische Haltung zu Medizinern und Pharma. Auch beteilige er sich nicht an den wissenschaftlichen Debatten und habe in den letzten zehn Jahren nichts in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert. Umso mehr muss es die Medizinhistoriker genervt haben, dass Mörgeli ihr prominentestes Aushängeschild war – wegen seines bekannten Namens und wegen seines Museums, dem einzigen der Schweiz.

Da drängt sich der Vergleich mit einem Organismus auf, der einen Fremdkörper abzustossen versucht. Wenige Tage nach Mörgelis Kritik an den «Gesnerus»-Chefredaktoren wollte der Vorstand der Schweizer Fachgesellschaft Mörgeli ausschliessen. Später krebste man zurück und verzichtete darauf.Wenig Herzlichkeit verspürte Mörgeli auch an seinem Arbeitsplatz im Medizinhistorischen Institut der Uni Zürich. Er habe den kritischen Jahresbericht selbst dann nicht zu Gesicht bekommen, als Auszüge daraus bereits im TA erschienen seien, kritisierte er. Erst Tage danach habe man ihm das Papier ausgehändigt. Auch sei ihm von Condrau das Gespräch verweigert worden. Überdies habe er beim Besuch der Expertenkommission nicht dabei sein dürfen.

Der Streit um die Knochen

Diese Nichtteilnahme führte laut Mörgeli zu einem Fehler. Die viel diskutierten staubigen Knochen hätten nämlich nicht in zu seinem Verantwortungsbereich gehört, sondern zu jenem des Anatomischen Instituts. Die Uni Zürich widerspricht: Die Knochen seien sehr wohl unter Mörgelis Aufsicht gestanden.

Wer lügt? Der TA begab sich auf Spurensuche und erfuhr, dass sich das Anatomische Institut sehr über Mörgelis Aussagen gewundert hat. Zumal man die Behauptungen nur den Medien entnommen habe, so Direktor Oliver Ullrich. Direkt habe sich Mörgeli nie gemeldet. Ullrich liess daher untersuchen, welche Knochen seines Instituts allenfalls gemeint sein könnten. Fündig wurde er nicht. Zwar lagerte einst die gallersche Knochensammlung in Mörgelis Räumen. Diese sei aber 2010 an die Uni Irchel verschoben worden. Und die Inspektion der Jütte-Kommission fand erst 2011 statt.

Wäre es nach der Uni Zürich gegangen, hätte die Öffentlichkeit nie vom Jütte-Bericht gehört. Niemand sollte erfahren, wie das Medizinhistorische Institut mit ihm anvertrautem Material und Steuergeld umgeht. Auch Condraus Jahresbericht 2011 erklärte die Universitätsleitung im September 2012 für vertraulich – obwohl alle Vorjahresberichte im Internet publiziert worden waren.Der TA kam trotzdem zu den Berichten, ohne jemanden zur Amtsgeheimnisverletzung anzustiften. Stattdessen sprach der Schreibende mit über einem Dutzend Personen, stellte Fragen und erhielt Antworten – mal weniger, mal mehr als erwartet. Schliesslich liess er die Texte auf allfällige Fehler überprüfen.

Im ersten Artikel hiess es noch, möglicherweise verliere Mörgeli in einigen Jahren seine Lehrbefugnis. Doch dann überstürzten sich die Ereignisse. Wenige Tage nach der Publikation gab die Uni bekannt, eine ausserordentliche Leistungsbeurteilung laufe bereits seit November 2011.

Am 21. September 2012 hätte ein Mitarbeitergespräch stattfinden sollen, bei dem man Mörgeli eine sechsmonatige Bewährungsfrist einräumen wollte. Doch dazu kam es nicht mehr. Erstens wollte ihm die Uni nach seinem Gegenangriff auf Condrau gleich sofort kündigen. Zweitens trat Mörgeli gar nicht erst zum Gespräch an. Darauf gab Rektor Andreas Fischer vor den Medien die Entlassung des SVP-Nationalrats bekannt – bei sechs Monaten Lohnfortzahlung.

Fremde Richter für Mörgeli?

Dagegen hat Mörgeli Rekurs eingereicht. Sein Anwalt, der Solothurner SVP-Kantonsrat Manfred Küng, möchte nicht nur zusätzliche Monatslöhne erstreiten. Er fordert Mörgelis Rückkehr an den Arbeitsplatz. Analog zur Geschlechterdiskriminierung gelte dieses Recht auch bei politischer Diskriminierung. Dies ergebe sich aus Artikel 14 der Menschenrechtskonvention.

Mörgelis Anwalt setzt also auf fremdes Recht. Doch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wird sich nicht so schnell mit der Mörgeli-Affäre befassen müssen. Vorderhand liegt der Fall noch bei der Rekurskommission der Zürcher Hochschulen. Und dort rechnet man nicht mehr mit einem Entscheid in diesem Jahr. Küng hat es auch nicht eilig. Gerne würde er erst die Untersuchung der Zürcher Staatsanwaltschaft abwarten, die gegenwärtig wegen Herausgabe des Jahresberichts 2011 und des Jütte-Berichts ermittelt.

Die Untersuchung ist bereits seit über einem Jahr im Gang, ohne dass jemand wegen Amtsgeheimnisverletzung angeklagt worden wäre. Die Uni mochte aber das Resultat nicht abwarten und hat eine der Verdächtigen bereits Ende Oktober entlassen – Titularprofessorin Iris Ritzmann. Das Vertrauen sei zerstört, weil sie dem TA Auskunft gegeben und ein Passwort verraten habe. Ein Passwort, das der Schreibende nicht für seine Recherchen brauchte.

Die Folgen der Entlassung sind bekannt: ein Aufschrei von in- und ausländischen Professoren, der frühzeitige Rücktritt von Rektor Andreas Fischer und ein Zurückkrebsen der Uni. Entgegen der ersten Absicht darf Ritzmann nun ihre bereits bezogenen Saläre behalten. Auch verzichtet die Uni auf eine Überprüfung der Lehrbefugnis. Darüber hinaus überprüft der ehemalige Direktor des Bundesamts für Justiz, Heinrich Koller, die Umstände der Kündigung.

Zahlreiche Untersuchungen

Überhaupt hat der Fall Mörgeli eine regelrechte Lawine an Untersuchungen und Verfahren ausgelöst. Neben den bereits erwähnten untersucht etwa die Aufsichtskommission des Kantonsrats Strukturen und Abläufe der Uni, damit Ähnliches nicht wieder passiert. Der Datenschützer analysiert, ob die Uni zu viele Daten an die Staatsanwaltschaft geliefert hat. Und die Staatsanwaltschaft soll auch gegen Christoph Mörgeli vorgehen. Er habe an einer Pressekonferenz die Namen der Verfasser des Jütte-Berichts preisgegeben und damit wohl das Amtsgeheimnis verletzt, findet die Uni.

Mörgeli wiederum hat Unirätin Kathy Riklin angezeigt, worauf nun auch die Berner Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Vorwurf: Die CVP-Nationalrätin habe in der Wandelhalle bereits vor der Publikation eines Berichts über Dissertationen am Medizinhistorischen Institut geplaudert. Sie habe gesagt, es sehe nicht gut aus für Mörgeli, und damit das Amtsgeheimnis verletzt.

Die Uni Zürich hatte diesen Bericht bei drei internationalen Experten in Auftrag gegeben, nachdem die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens Mörgeli vorgeworfen hatte, Doktortitel fürs Abschreiben von alten Texten verliehen zu haben. Der Anfang Oktober bekannt gegebene Bericht war für Mörgeli wenig schmeichelhaft, wenn man der Uni glauben darf. Ein «beträchtlicher Teil» der von ihm betreuten Dissertationen sei «mangelhaft» und entspreche «nur knapp» wissenschaftlichen Standards, teilte die Uni mit. Grund dafür sei die «ungenügende Betreuung der Doktorierenden in wissenschaftlicher und methodischer Hinsicht». Inwiefern sich diese Aussagen mit dem Expertenbericht decken, lässt sich nicht überprüfen, da die Uni auch diesen Bericht unter Verschluss hält. Der TA hat dagegen bei der Rekurskommission der Zürcher Hochschulen Einsprache erhoben.

Derweil investiert die Uni eine Million Franken, um Ordnung in die Objektsammlung des Medizinhistorischen Instituts zu bringen. Dafür zuständig sind Flurin Condrau und Johann Steurer, der vor einem Jahr ad interim die Leitung des Instituts übernommen hat. Condrau hatte diese vorübergehend abgegeben, weil nicht auszuschliessen war, dass die Staatsanwaltschaft auch gegen ihn vorgeht. Dies scheint nun aber nicht der Fall zu sein, weshalb er im Februar 2014 die Leitung wieder offiziell übernehmen dürfte. Noch offen ist, was mit dem Museum geschieht. Möglicherweise wird es mit anderen zusammengelegt.


Dossier: Der Fall Mörgeli www.moergeli.tagesanzeiger.ch (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.11.2013, 07:14 Uhr

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