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Wie ein Flipperkasten lässt er die Kugeln tanzen

Von Jean-Martin Büttner, Bern. Aktualisiert am 29.01.2010 3 Kommentare

Christophe Darbellay reagiert rasch, aber nicht immer sehr besonnen. Damit bringt der CVP-Präsident nicht nur sich selbst, sondern auch seine Partei in Schwierigkeiten.

Die CVP, diese langsame Maschine, müsse an Tempo zulegen, «sonst gehen wir unter»: Christophe Darbellay.

Caspar Martig

Sprungbereit sitzt er am Kaffeetisch, gross und schlaksig, der Alpinist und Gebirgsfüsilier, der Parlamentarier mit den vielen Vorstössen, der Aufsteiger aus dem engen Tal von Martigny. Christophe Darbellay hat alles drauf, was ein moderner Parteipräsident in der gleitigen neuen Medienwelt mitbringen muss. Mal gibt er sich gönnerhaft («Oh, vous savez!»), dann wieder selbstironisch («Ich gehe gern auf die Jagd, auch wenn das nicht alle in Zürich gut finden»). Er kann aufrichtige Empörung simulieren («Meine Reaktion auf die Minarett-Initiative war überhaupt nicht opportunistisch»), dann wieder lässt er Konzilianz verströmen («Wir von der CVP müssen mehr miteinander reden als andere»). Man spürt die Intelligenz hinter dem hellen Blick, den Ehrgeiz, den Willen zur Macht.

Und den Erfolg: Vor sieben Jahren wurde Christophe Darbellay auf Anhieb und mit Bestresultat von den Wallisern in den Nationalrat gewählt. Und 2006 hievte ihn die CVP diskussionslos an die Parteispitze – als Nachfolger von Doris Leuthard. Dass er seiner Vorgängerin auch in den Bundesrat nachfolgen möchte, hat er bereits zu spüren gegeben. Seine hochglänzende Hochzeit in der Kathedrale von Sitten inszenierte Darbellay wie eine Bischofswahl. Grosses Selbstbewusstsein, noch grösserer Ehrgeiz.

Schneller, klarer, lauter

Wer möchte es ihm verdenken? Als Parteipräsident hat Darbellay seine zaudernde Partei an der Niederlage vorbei durch die Nationalratswahlen 2007 gesteuert, er wirkt bei Auftritten frisch und kommt im Volk gut an. Bei den nächsten Wahlen will er der CVP 50'000 neue Wählerinnen und Wähler zuführen. Sie sollten endlich merken, sagt er, dass seine Partei die Probleme löse, von denen die SVP nur rede. Gerade die kleinen Leute würden «zu willigen Geiseln der SVP – das Stockholm-Syndrom».

Unglücklicherweise schienen die SVP-Wähler nicht zu merken, wie viel besser sie es bei der CVP hätten. Das will Darbellay ändern. Dazu müsse die CVP, diese langsame Maschine, an Tempo zulegen, findet er. «Die Politik hat sich enorm beschleunigt, das haben bei uns noch nicht alle gemerkt. Oft weichen wir unsere Positionen dermassen auf, dass am Schluss keiner mehr weiss, dass wir eine haben.» Die Wähler müssten die Politik seiner Partei nicht nur verstehen, sondern auch wahrnehmen, «sonst gehen wir unter». Vor allem der Zickzackkurs seiner Partei ärgere ihn, damit komme man nicht an.

Der direkte Gegenschlag

Wie die CVP es machen müsste, hat Darbellay letzte Woche vorgemacht, mit seinem rasch vorgetragenen, direkten Gegenvorschlag zur Abzocker-Initiative, den die CVP bei einer stark beachteten Kontroverse als Problemlösung anbot.

Nur nützt das Tempo der Entscheide wenig, wenn die Positionen nicht geklärt sind. Das mussten Darbellay und CVP-Fraktionschef Urs Schwaller vor zwei Wochen erfahren. In einem Interview hatte der Parteipräsident eine PUK zur UBS-Affäre gefordert, in einem anderen trat der bedächtige CVP-Fraktionschef Urs Schwaller stark auf die Bremse. «Das war offensichtlich nicht abgesprochen und handwerklich miserabel», sagt Peter Bodenmann dazu, der ehemalige SP-Präsident. Darbellay sei vital, präsent und beweglich, «aber es fehlt ihm jede Systematik: Er ist ein Flipperkasten». Um aber die Mitte zu besetzen, brauche es Umsicht und strategisches Geschick.

Davon habe Darbellay entschieden zu wenig, heisst es in seiner Partei. Zurückhaltend formuliert es Fraktionschef Schwaller: «Es lohnt sich manchmal, mit einer Reaktion etwas zuzuwarten.» Deutlicher äussert sich ein wichtiger CVP-Mann des rechten Flügels, wenn auch nur bei abgeschaltetem Mikrofon. Als Welscher habe Darbellay Freude an der Debatte, sagt er. «Doch das Interesse an politischen Inhalten geht ihm ab. Und alles Strategische und Langfristige langweilt ihn.» Um in die Medien zu kommen, tue er fast alles, kritisiert auch SP-Präsident Christian Levrat, der sich persönlich sehr gut mit Darbellay versteht. «Dadurch macht er zwar die Partei zum Thema, nur geht das auf Kosten der Glaubwürdigkeit.»

Dem Vorpreschen folgt das Zurückweichen

Darbellay inspiriert die Schlagzeilen, aber nicht immer in seinem Sinn. Häufig prescht er vor, ebenso häufig muss er dann zurückweichen. Dass er nach der Minarett-Initiative mit einem Schleierverbot reagierte, war mit einer früheren Position der Partei noch kompatibel. Für seine nachgedoppelte Forderung nach einem Verbot jüdischer Friedhöfe musste sich Darbellay dann entschuldigen. «Ihm fehlt in solchen Situation die innere Alarmglocke», kommentiert ein CVP-Nationalrat trocken.

So gehe das oft bei ihm, hört man aus dem Parlament. Vor den Wahlen habe er die CVP grüner machen wollen als die Grünen, sei dann zwischen den Positionen der Partei Slalom gefahren. Er habe sich für Parallelimporte ausgesprochen, dann aber ausgerechnet die Pharmaindustrie davon ausgenommen. Erst habe er das Gebaren der UBS scharf kritisiert, sich aber geweigert, auf ihren Check zu verzichten. Heute sagt er: «Solange die UBS am Staatstropf hängt, nehmen wir keine finanzielle Unterstützung von ihr an.»

Überall ist Wallis

Dass er selber den Zickzackkurs fährt, den er bei seiner CVP kritisiert, lässt er natürlich nicht gelten. Als Beispiel zitiert er die Umweltpolitik. Von allen bürgerlichen Parteien engagiere sich die CVP am meisten, sagt er. So konnte er beim Klimaschutz dem rechten Flügel Zugeständnisse abringen. Im Gegenzug lässt er es zu, dass der konservative KMU-Club der Partei Präsenz markiert, um die rechte Flanke abzudecken: eine taktische Arbeitsteilung.

Dennoch mehren sich die Zweifel in der Partei, ob Darbellay mit seinem Hin und Her immer nützt. Walliser Politiker seien durch Machtkämpfe und Intrigen gestählt, heisst es in Bern, das vitalisiere ihre Auftritte. Heiterer formuliert es Alt-Bundesrat Pascal Couchepin, der Darbellay zum Vizedirektor des Bundesamtes für Landwirtschaft gemacht hatte: «Walliser betreiben Politik als Ausdruck von Lebensfreude.»

Politik gehört zur DNA

Bei Darbellay gehört die Politik zur DNA. Der Sohn eines Unterwalliser Bergbauern entstammt einem weitverzweigten christlichsozialen Clan, der im Wallis haufenweise Posten besetzt hält. Um seine Wahl in den Nationalrat zu erleichtern, wechselte Darbellay zur CVP. Damit handelte er sich erstmals den Ruf eines Opportunisten ein, wofür ihn die Partei später bestrafte: Als er im Sommer für den Walliser Staatsrat kandidieren wollte, verweigerten ihm die Delegierten die Unterstützung. Das war seine erste Niederlage. Sein anhaltendes Weiterflippern mit sausenden Kugeln lässt die Frage offen, was er daraus gelernt hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2010, 06:29 Uhr

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3 Kommentare

Rolf Schumacher

29.01.2010, 09:15 Uhr
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Agil, vital, stets am Drücker. Die Jugend muss sich das trauen. Sie muss Starres und Verfilztes aufbrechen. Sie muss sich an Tabus wagen. Sie muss der älteren Generation zeigen, dass ein Wille da ist die Schweiz ins nächste Jarhundert zu tragen. Das geht nur mit neuen Ideen. Krusten sprengen ist die eine Seite, die andere Seite ist weitsichtige, solide Polit-Arbeit CD hat beides drauf. Merci. Antworten


J. Stübi

29.01.2010, 09:20 Uhr
Melden

Ich sehe keinen Grund für Hr. Darbellay zurückzutreten! Als CVP-Präsident nützt Er den anderen Parteien am meisten. Antworten



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