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Wie ein Libyer in der Schweiz die Libyen-Affäre sieht

Von Hanna Jordi. Aktualisiert am 15.09.2009 1 Kommentar

Als Jamal Ibrahim 1984 in die Schweiz kam, hatte er sich vom Libyen seiner Kindheit und Jugend längst verabschiedet. Am heimischen Gartentisch sagt er, dass er Qadhafis Äusserungen lachhaft findet.

Zu Hause  kommt Jamal Ibrahim mit Schweizer Freunden zusammen – Libyer trifft er online. (Marcel Bieri)

Zu Hause kommt Jamal Ibrahim mit Schweizer Freunden zusammen – Libyer trifft er online. (Marcel Bieri)

Libyer in der Schweiz

Von den 666 Libyern, die heute in der Schweiz leben, wurden die meisten als politische Flüchtlinge aufgenommen. 1998 verdreifachte sich die Anzahl libyscher Gesuchsteller auf 177 infolge einer verstärkten Verfolgung oppositioneller Kräfte in Libyen. In den Folgejahren gewährte die Asylbehörde 50 bis 80 Prozent der Gesuchsteller politisches Asyl – Tendenz abnehmend.

2009 hat sich die Anerkennungsquote auf 16,7 Prozent eingependelt. Von den heuer eingereichten Asylgesuchen durch libysche Staatsangehörige – knapp dreissig an der Zahl – wurden drei gewährt.

Das Bundesamt für Migration (bfm) beurteile Bleiberecht oder Wegweisungsvollzug von Fall zu Fall und auf der Basis von regelmässigen Länderstudien, sagt Marie Avet vom Informationsdienst des BFM.

Am ersten September des Jahres 1969 war Jamal Ibrahim fünfzehn Jahre alt. Der Sohn eines ehemaligen Beduinen, der es in der zweitgrössten Stadt Libyens zum Gemeindebeamten gebracht hatte, war eben eingeschlafen, als er von seiner Schwester aufgeweckt wurde: «Wach auf, Militär ist in den Strassen», sagte sie. Vom Balkon aus beobachteten die Kinder den Aufmarsch der Truppen, der Qadhafis Staatsstreich besiegelte.

«Ich war damals nicht politisch interessiert, aber ich wusste, dass etwas Grosses geschehen war», sagt Ibrahim heute, vierzig Jahre später, auf der Gartenterrasse seines Einfamilienhauses in einem Vorort im Raum Bern, eingerahmt von blühenden Geranien und Dahlienrabatten.

Die unsichtbare Gemeinschaft

Ibrahim ist einer von knapp siebenhundert meist gut ausgebildeten Libyern, welche die Schweiz als Auswanderungsland gewählt haben. Eine Interessengemeinschaft, wie sie für fast jede Exilnation in der Schweiz existiert, sucht man bei den Libyern vergeblich. «Die Menge an libyschen Immigranten ist schlicht zu klein, als dass sie sich organisieren könnten» sagt Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaft an der Uni Bern. In der näheren Umgebung von Bern schätzt er die Anzahl Libyer auf unter zehn, Botschaftsangehörige ausgeschlossen.

Wenn Ibrahim Kontakte zu anderen Libyern pflegt, dann über das Internet. «90 Prozent meiner libyschen Freunde kenne ich aus Chatforen», so der 55-Jährige, der als Röntgenarzt in einer Klinik arbeitet. Er nutze den Austausch mit anderen Exillibyern,um sich für Demonstrationen zu organisieren – und um Erfahrungen auszutauschen über die Erfahrungen in der «zweiten Heimat».

Seinen ersten August verbrachte Ibrahim also damit, die Eigenarten der Schweiz online zu preisen: Dass der ehemalige Staatenbund im Gegensatz zu Libyen keine Rohstoffe habe, für die wirtschaftliche Stärke aber auf Ausbildung setze. Dass die Schweiz auf einer Verfassung basiere und direktdemokratisch organisiert sei. Und dass ein Grossteil seiner Schweizer Mitbürger gegenwärtig wütend sei ob der Politik der Vertröstung, mit der Qadhafi seine vertraglichen Verpflichtungen handhabe.

«Ich verstehe die Verärgerung der Schweizer», sagt Ibrahim. «Die lachhafte Äusserung Qadhafis über die Aufteilung der Schweiz in ihre Landesteile spricht für sich.» Dass die aktuelle Libyen-Affäre dem Image von Libyern im Ausland schaden könnte, glaubt er indes nicht. «Vermutlich ist den Leuten klar, dass der Konflikt nicht dem libyschen Volk, sondern seiner Führung anzurechnen ist», sagt Ibrahim.

«Keine Luft zum Atmen»

Als sich Ibrahim vor 25 Jahren entschied, Libyen zu verlassen, hatte er eben sein Medizinstudium abgeschlossen. Infolge eines Anschlags auf Qadhafis Leben im Mai 1984 wurden im Norden des Landes auf einen Schlag 3000 Oppositionelle verhaftet. Ibrahim, obgleich nicht politisch aktiv, so doch regimekritisch eingestellt, wollte dieses Schicksal nicht teilen und entschied sich zur Flucht. «Die Luft war zu dünn geworden zum Atmen», sagt er, «da Qadhafi keine politischen Parteien duldet, war man entweder für oder gegen die Regierung – eine Alternative gab es nicht.» Er gab vor, einen Urlaub in Jugoslawien zu unternehmen, und benutzte das Ausreisevisum, um sich langfristig abzusetzen. Eine Rückkehr habe er, nicht nur aus Angst vor den Konsequenzen, bisher nie in Betracht gezogen: «Meine Mutter fragte mich: ‘Prinzipien – ist das etwas zum Essen?’ Doch ich halte nach wie vor an ihnen fest», sagt Ibrahim.

Obwohl sich Ibrahim nach wie vor als regimekritischer Oppositioneller versteht, hat er keine Angst davor, seinen Namen in der Zeitung zu lesen. «Ich stehe bereits auf der schwarzen Liste», sagt er schlicht. Zehn Monate nach seiner Ankunft in der Schweiz wurde Ibrahim als politischer Flüchtling in der Schweiz anerkannt – obwohl er in der Befragung keine Narben einer physischen Bedrohung durch das Regime vorzuweisen hatte. «Ich wollte nicht lügen», sagt Ibrahim, «ich habe ihnen erklärt, dass die psychischen Verletzungen ebenso schwer wiegen.»

Kultureller Schulterschluss

«Libyer sind nüchterne Menschen», sagt Ibrahim in seinem Hochdeutsch mit den kehligen Reibelauten. «Eigentlich sind wir ähnlich trocken wie die Schweizer», sagt Ibrahim, der heute einen veritablen Schweizer Alltag lebt: Er arbeite viel, finde am Wochenende aber meist Zeit für einen Einkaufsbummel, um anschliessend seinem Hobby zu frönen und seine Schweizer Ehefrau zu bekochen. In der Schweiz vermisse er einzig seine libyschen Freunde. «Enge Männerfreundschaften, wie es sie im arabischen Raum gibt, kennt man hier kaum», bedauert Ibrahim. Dafür könne er auf viele gute Schweizer Freunde zurückgreifen: «Sie behandeln mich als Jamal nicht anders als einen Peter», sagt er, bevor ihn der aufkommende Herbstwind von der Terrasse verscheucht. (Der Bund)

Erstellt: 15.09.2009, 09:01 Uhr

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1 Kommentar

Peter Chylewski

21.10.2011, 00:44 Uhr
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Gut geschriebener Artikel. Ganz ähnliche Aussagen erhalte ich von meinen FreundInnen, kommen sie nun aus dem Iran, Algerien, Marokko, Ägypten, dem Libanon, der Türkei oder China. Man muss halt nur die Ohren etwas spitzen. Antworten



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