Das Ansehen der Eidgenossenschaft hat in den letzten Monaten arg gelitten. Doch wie genau nimmt man das Land im Ausland wahr? Sechs Stimmungsberichte aus sechs Hauptstädten.
Das Bild einer heilen Schweiz: Drei Fahnenschwinger messen sich.
Bild: Keystone
Wie urteilt man in der Europäischen Union über die Schweiz? Was denkt man in Japan über unser Land, was in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Grossbritannien, Deutschland?
Sechs Korrespondenten haben sich in sechs Hauptstädten auf Spurensuche gemacht. Die Berichte aus Brüssel, Tokio, Washington, Paris, London und Berlin erreichen Sie per Klick auf die entsprechenden Reiter.
Der Sonderfall wird zum Sonderling
Die Schweiz hatte in der EU einst viele Freunde und Bewunderer. Heute ist sie wegen der Libyenaffäre das Ziel hämischer Kommentare.
Klar, auch Doris Leuthard möchte als Bundespräsidentin das neue Führungsteam in Brüssel möglichst schnell persönlich kennen, doch die Suche nach einem Termin gestaltet sich als schwierig. Ein Treffen mit Leuthard steht nicht auf der Prioritätenliste des EU-Ratsvorsitzenden Herman Van Rompuy und der EU-Aussenministerin Catherine Ashton.
Die Zeit, als der Schweiz in Brüssel alle Türen offen standen, ist vorbei. Einst hatte sie als Musterdemokratie und selbstständige Wirtschaftsmacht ihre Bewunderer. Die Schweiz, das war die heile Welt im Herzen Europas. Später festigte sich das Image der Schweizer als Trittbrettfahrer und als «Rosinenpicker», die nur von den Vorteilen des Binnenmarktes profitieren wollen. Neu ist die Mischung aus Desinteresse und Kritik. Die Schweiz taucht nur noch mit Negativmeldungen auf dem Radarschirm auf.
Selbst Verbündete wie Luxemburg und Österreich gehen auf Distanz. Gemeinsam verteidigte man das Bankgeheimnis, doch den Freunden von einst ist die heimliche Allianz inzwischen unangenehm: Die Aktivitäten der UBS in den USA sind auch bei ihnen auf Unverständnis gestossen. Und bei der EU-Kommission wurde genau registriert, in welchem Ausmass die Schweiz sich gegenüber den USA erpressbar zeigte.
Die Pannen und Pleiten in der Konfrontation mit Libyen stiessen nur noch auf Verwunderung: Selten habe sich die Führung eines Landes so blamiert, so der Tenor. Die Schweiz hat in Brüssel ein Kommunikationsproblem und ist zum Ziel hämischer Kommentare geworden. Das Minarettverbot finden die Schweden schlicht schockierend. Andere fürchten, dass die Schweizer mit ihrer falschen Antwort auf ein ernstes Problem europaweit ein Feuer gelegt haben. Die Schweiz findet in Brüssel für ihren Alleingang keine heimlichen Bewunderer mehr. Es hat sich herumgesprochen, dass sie für ihr Abseitsstehen einen hohen Preis zahlt. Der «Sonderfall» wird als Sonderling gesehen, dem es an Verbündeten fehlt.
Die Klischees halten sich hartnäckig
Die meisten Japaner kennen von der Schweiz vor allem die Schokoladenseite. Das positive Image dürfte sich auch in Zukunft halten.
In Japan ist die Schweiz noch in Ordnung, eine heile Welt, das Land von Heidi, Käse, Uhren und dem Matterhorn. Viele Japaner waren einmal in Luzern, auf dem Jungfraujoch, in Genf. Oder sind wenigstens in Kloten umgestiegen und haben im Skytrain die Kuhglocken gehört. Unsere Tourismuswerbung bedient diese Klischees erfolgreich.
Von den Banken haben die meisten Japaner schon gehört. Auch, dass dort Geld liege, das eigentlich nicht jenen gehört, die es deponiert haben. Aber kaum jemand macht dies der Schweiz zum Vorwurf. Selbst ein Skandal um den Aufzugs-Hersteller Schindler, der nach einem Unfall vor drei Jahren reichlich ungeschickt reagierte, vermochte das Bild von der Sommerferien-Schweiz nicht zu trüben. Hören Japaner, dass man aus der Schweiz kommt, kommen sie ins Schwärmen. Und verstehen nicht recht, warum ein Schweizer nicht in der Schweiz lebe.
Ältere Männer sehen die Schweiz auch als Vorbild. An einem Abend mit viel Sake kam ein Bekannter auf die bewaffnete Neutralität zu sprechen und holte eine Übersetzung des «Zivilverteidigungsbüchleins». Dieses Machwerk aus dem Kalten Krieg wurde 1969 in unserem Land zur Verbesserung der Wehrhaftigkeit an alle Haushalte verteilt. Und löste einen Skandal aus. Jüngere Japaner sind überzeugt, die Schweiz habe keine Armee. Sie brauche ja keine.
Die Schweiz ist ein wichtiger Handelspartner Japans, sie hat heuer als erstes europäisches Land mit Japan ein Freihandelsabkommen unterzeichnet. Aber das wissen die wenigsten. Jetzt versucht die Schweiz, sich als Standort für die Europa-Hauptquartiere japanischer Firmen zu profilieren. In Japan wird künftig mehr Schweizer Käse und Wein erhältlich sein. Beides dürfte das Image von der heilen Schweiz noch verstärken.
In dieser Zeit der Schweinegrippe das wichtigste Schweizer Produkt ist Tamiflu, das in Japan auch gegen die normale Grippe verschrieben wird. Aber die wenigsten Japaner wissen, dass Tamiflu aus der Schweiz kommt. Es passte nicht in ihr Bild von der Schweiz.
Der renitente, freche Zwerg
Das Schweiz-Bild hat wegen des Steuerstreits Kratzer erhalten. Doch die meisten Amerikaner kümmern sich kaum um die Eidgenossen.
Eine wechselhafte Wahrnehmung bestimmt das Image der Schweiz in den USA: Da ist die humanitäre Schweiz, welche die amerikanischen Interessen in Kuba oder im Iran vertritt und durch stille Diplomatie hilft. Oder jene, die Roman Polanski auf amerikanisches Ersuchen hin festnimmt. Und dann gibt es die andere Schweiz, ein renitenter Zwerg in manchen amerikanischen Augen, der sich 1983 erfrechte, den zigfach vor amerikanischen Gerichten wegen Betrugs und Steuerhinterziehung angeklagten Rohstoffdealer Marc Rich nicht auszuliefern. Oder jene Schweiz, deren Bankiers die Gelder reicher Amerikaner vor dem Fiskus verstecken.
Das letztere Image ist besonders betrüblich, will die Schweiz doch nirgendwo mehr geliebt sein als in den Vereinigten Staaten – weshalb sie froh über jede Streicheleinheit vom grossen Partner ist. Sie freut sich über die Versammlung der Freunde der Schweiz im Washingtoner Kongress und nimmt stolz zur Kenntnis, dass Roger Federer als berühmtester Schweizer den Ball über die Tennisplätze fegt.
Eine erstaunliche Kaskade von Skandalen hat indes das glänzende Image ein wenig verunreinigt, auch wenn das Berner Aussenministerium noch diesen Sommer befand, die Eidgenossenschaft habe kein allgemeines «Imageproblem» in den USA. Oder nach dem beschämenden Zusammenbruch der Swissair, der die Schweiz der Lächerlichkeit preisgab? Und wen könnte es kalt lassen, dass die Amerikaner im Skandal um die UBS die Schweizer Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und -betrug als freche Haarspalterei auffassten?
Dass die Credit Suisse wegen allerlei illegaler Händel mit dem Iran eine hohe Strafe an Washington entrichtet, tat der Schweiz ebenfalls nicht gut. Das Minarettverbot anderseits wurde je nach politischer Ausrichtung bewertet: Das liberale Amerika war schockiert, das konservative zeigte Verständnis. Zumal der Mann auf der Strasse nicht übermässig an der Schweiz interessiert ist. Er hält sie bisweilen für Schweden.
Grande Nation wundert sich über kleinen Nachbarn
Die bisher in Frankreich kaum beachtete Schweiz ist plötzlich aus ihrem Schatten getreten – aber wohl nicht für sehr lange.
Jean Ziegler (75)
Der Soziologe und Sachbuchautor gilt in Frankreich als bester Schweiz-Erklärer. Obwohl er sich bei seinen Ausführungen immer wieder alter Klischees bedient.
Man muss sagen, dass die Schweiz den Franzosen in der Regel ja eher gleichgültig ist: klein gewachsen, abseits aller geopolitisch strategischen Achsen, ohne sonderliche Merkmale, idyllisch und langweilig. Frankreich hat grössere, wichtigere und gewichtigere Nachbarn, mit denen es mal in Konkurrenz und mal in Kooperation steht, an denen es sich reibt, mit denen es sich gerne streitet, die es jedenfalls interessieren: Deutschland, Italien, Spanien und, jenseits des Kanals, Grossbritannien.
Die Schweiz steht auf der Prioritätenskala von Paris, im Spiegel der französischen Politik und Presse, in der unteren Hälfte. Mit Luxemburg und Belgien. Vor Andorra. Der bekannteste lebende Schweizer dürfte – abgesehen von Roger national – Jean Ziegler sein, der Soziologe. Er gilt in Frankreich als bester Schweiz-Erklärer. Und es ist nicht so, dass Ziegler die Klischees über die Schweiz, wie sie die Franzosen oberflächlich und leidenschaftslos kultivieren, entkräften würde. Im Gegenteil.
Nun tritt der kleine Nachbar aber plötzlich aus dem Schatten und wirkt seltsam anders, als man ihn sich vorgestellt hatte: trotzig, aufmüpfig, rebellisch fast in seiner selbst gewählten Isolation. Irgendwie unvorhersehbar. Der «Nouvel Observateur» schickte einen Reporter nach Genf (zu den Banken) und nach Wangen (zum gebauten Minarett), um die Seele der Schweizer zu sondieren. Er sah unter den Affären dieses Jahres die Pfeiler der Identität und des Selbstverständnisses wanken. «Bis jetzt prosperierte das Land im Schatten», schreibt das Nachrichtenmagazin, «nach dem Motto: Ruhe, wir zählen.» Gemeint war das Geld. Die Bank sei eine Religion gewesen – ein fester, tiefer Glaube. Das ist sie offenbar nicht mehr. «Die Schweiz ist in Panik geraten. Daran erkennt man sie.»
Französische Doppelmoral
Und sie bewegt die Franzosen mehr als zuvor. Die Schweiz scheint 2009 an Gewicht gewonnen zu haben, mag es auch unfreiwillig passiert sein. Die Debatte zu den Minaretten schwappte mächtig über die Grenze. Das Schicksal von Roman Polanski stellte die eigene Doppelmoral im Umgang mit berühmten Justizflüchtlingen infrage. Und die gestohlenen Kundenlisten der Genfer Filiale der Privatbank HSBC warf nicht nur ein Licht auf die angeblich unmoralische Praxis helvetischer Geldverwalter, sondern auch auf die Steuerflucht französischer Bürger.
Die Schweiz liegt nun zum Ende dieses Jahres in der Pariser Wahrnehmung deutlich vor Andorra, wahrscheinlich sogar eine Nuance vor Luxemburg und Belgien. Doch wahrscheinlich nur für eine Weile, bis sich der wohlige Schatten des unauffälligen kleinen Nachbarn wieder über das Land legen wird.
Das Geld fliesst – für Berlin und die Auswanderer
Die deutsche Öffentlichkeit hat begonnen, sich mit der Schweiz zu beschäftigen. Von Schokolade und Heidi ist kaum noch die Rede.
Peer Steinbrück
Der frühere deutsche Finanzminister (62) hat mit seiner Wildwest-Rhetorik die Schweiz in Deutschland zum Thema gemacht. Die Empörung war gross – auch nördlich des Rheins.
Der deutsche Tenor lautet: Die «Eidgenossen» mögen a) keine Indianer, b) keine Minarette und c) keine Deutschen. Das deutsche Schweiz-Bild hat sich damit nicht komplett erneuert, aber es hat sich geschärft, diversifiziert, es hat die Schoggi-und-Heidi-Fixierung abgeschüttelt. Um die ehrwürdige «Frankfurter Allgemeine Zeitung» sprechen zu lassen: Die Schweiz sei nicht nur, wie sie sich selber gerne sehe, «urdemokratisch, weltoffen, tolerant»; sie trage auch Züge, die von «Engstirnigkeit, Ängstlichkeit und Abschottungswillen künden».
Den Katalysator in dieser deutschen Schweiz-Schau spielte der damalige Finanzminister Peer Steinbrück. Er brachte im Steuerstreit die «Kavallerie» in Stellung – mit ihr wollte er die Schweizer «Indianer» erschrecken. Steinbrücks Genosse, SPD-Chef Franz Müntefering legte noch einen drauf. Früher, bemerkte er, habe man in Steueroasen «Soldaten geschickt». «Das gehe heute nicht mehr», sagte der deutsche Sozialdemokrat.
Auch Westerwelle war empört
Die Empörung über solche Sprüche war gross – nicht nur südlich des Rheins. Auch im Bundestag in Berlin gingen die Wogen hoch. Guido Westerwelle, inzwischen der deutsche Aussenminister, fand Peer Steinbrücks Wildwest-Rhetorik «eine diplomatische Unverschämtheit».
So viel Aufmerksamkeit geniesst die kleine Schweiz selten im sogenannten grossen Kanton. Aber damit nicht genug: Erstaunt registrierte man vom Bodensee bis nach Hamburg, dass beim kleinen Nachbarn eine Debatte über deutsche Einwanderer tobt. «Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?», fragte der eidgenössische Boulevard.
Begeisterter Busfahrer
Im Herkunftsland der Arbeitsmigranten war die Berichterstattung zweigeteilt. «Bild» erzählte begeistert von einem Dresdner Busfahrer, der in Zürich bei den Verkehrsbetrieben angeheuert hat. Titel: «Für 3300 netto ab in die Schweiz.»
Weniger schmeichelhaft dagegen eine Reportage des Berliner «Tagesspiegels». Thema: ein Integrationskurs für Deutsche in Zürich. Die Teilnehmer werden darin als eingeschüchterte Minderheit geschildert – umgeben von feindseligen Berglern, die «Grüezi» sagen statt «Grüzi».
Als die Eidgenossen dann Ende November dem Minarettverbot zustimmten, wussten selbst die klügsten Redaktionen in der deutschen Medienlandschaft nicht mehr weiter. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» widmete dem Abstimmungsergebnis den Frontkommentar. Der Titel lautete: «Rätsel Schweiz».
Was ist nur mit Heidi los, fragen sich die Briten
In Grossbritannien hat der Minarettentscheid für böse Schlagzeilen gesorgt. Selbst Federer kann das negative Image nicht korrigieren.
Roger Federer (28)
Die Nummer 1 der Tennis-Weltrangliste ist sehr beliebt bei den Briten. Aber Federer passt nicht mehr ins Schweiz-Bild, das in Grossbritannien vorherrscht.
Die Briten haben ein Problem mit der Schweiz. Und dieses Problem heisst Roger Federer. Grossbritannien nämlich liebt Roger Federer. Es kennt ihn ja aus nächster Nähe, vom Centre-Court her. Allsommerlich verfällt es seinem Charme, der Gefälligkeit seines Auftritts, seinem Sportgeist. So einen Federer hätten sie gern auch in ihren Reihen. Mit so einem würden sie sich auch gern schmücken. Dieser «Jolly Roger» erinnert sie an ihr traditionelles SchweizBild, das sich noch aus Heidi-Büchern, Schneeferien, solidem Uhrwerk und feiner Schokolade speiste.
Das Problem mit Federer aber ist: Er passt nicht mehr ins aktuelle Bild vom Heidi-Erbe. Ende dieses Jahres findet sich die Schweiz in den Inselmedien – und damit auch im britischen Bewusstsein – als eine Nation, die im Innern religiöse Minderheiten niederhält und nach aussen hin nur immer über Verletzungen ihres Bankgeheimnisses zetert. Vor allem der Minarettentscheid hat zu bösen Schlagzeilen geführt. Schliesslich halten sich die Briten zugute, mit einer starken islamischen Minderheit in ihren Reihen zu leben.
Schwarzes Schaf ist unvergessen
Schon früher hatte man das Gefühl, dass fremdenfeindliche Tendenzen die Heimat der Helvetier zu einem unwohnlicheren Ort machten. Das schwarze Schaf der SVP ist unvergessen geblieben. Die «dunklen Schatten» des Minarettsonntags werden eine ähnliche Wirkung haben. So etwas merkt man sich auf der Insel. Mehr noch als eine Affäre um Roman Polanski. Oder den Ärger mit Ghadhafi, dem ja auch die Briten nicht sonderlich gewogen sind.
In Londoner Finanzkreisen anderseits wird die Schweiz als strampelnde Steueroase eingestuft. Verfemt seit dem G-20-Gipfel im Frühjahr in London, gedemütigt von allerlei anderen Staaten, herumgeschubst, ungelehrig und schwer wandelbar, heisst es, sei das Land. Schwer fällt es freilich den Briten selbst, die eigenen Steueroasen in den Griff zu bekommen. Unmut erwecken da Schweizer Initiativen, die die gegenwärtige Verunsicherung der City durch das Herausstreichen eigener Attraktivität im Einkommensbereich noch vergrössern.
Diverse Zeitungsberichte, denen zufolge die Schweizer Botschaft an der Themse sich aktiv als Abwerbeagentur betätige, um Londons Financiers in die Schweiz zu locken, haben geradezu Alarm und gehässige Kommentare ausgelöst. So haben sich die Briten ihre Schweiz nicht vorgestellt. Von diesem Image wieder loszukommen, wird in kommenden Jahren einiger Anstrengung bedürfen. Nicht einmal Federer kann das auf Dauer richten. Und der kann ja doch, wie man weiss, allerhand.