Schweiz
Wie viel Bern verträgt die Schweiz?
Kraft aus der Seeländer Scholle: Bauer Rudolf Minger aus Schüpfen, Bundesrat 1930–1940. (Bild: zvg)
Wehrhafter Kämpfer gegen Anfeindungen seiner Partei:
Fürsprecher Samuel Schmid aus Rüti bei Büren, Bundesrat 2001–2008. (Bild: Susanne Keller)
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Im Doppelpack sollen Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann am 22. September Bern zum glorreichen Comeback im Bundesrat verhelfen. Sie werden von ihren Parteien schon vor der offiziellen Nomination für die Bundesratswahl gerühmt als Figuren von nationalem Format. Ein Kronargument der Wahlstrategen ist: Weil die zwei einen offenen und keinen typischen Berner Geist verströmten, spiele es keine Rolle, wenn gleich zwei Berner in der Landesregierung sässen.
Fürsprecher und Dörfler
Ein Blick zurück auf die zwölf Berner Bundesräte seit 1848 zeigt in der Tat: Die Wahl der Könizer Pianistin von der SP und des Langenthaler Unternehmers von der FDP wäre für Bern ein historischer Einschnitt.
Der typische Berner Bundesrat ist ein Bauern- oder Lehrersohn vom Land – meist aus dem Seeland –, Fürsprecher und Offizier, Mitglied der SVP und im Bundesrat Vorsteher des Militärdepartements. Von seiner Art her ist der Berner Bundesrat behäbig und volksnah, aber weder besonders kommunikativ noch debattierfreudig. Sein Weltbild ist stabil, bisweilen unverrückbar. Er weiss, was in der Demokratie möglich und was unmöglich ist, was sich gehört und wie seine Partei und er selber durch Taktik und Kompromisse erhalten, was ihnen zusteht.
Verwalter statt Gestalter
Um den Gipfel der Macht zu erreichen, hangelt er sich auf einer jahrelangen Ochsentour geduldig aufwärts: vom Gemeindepräsidenten zum Parteisekretär, vom Grossrat oder Regierungsrat zum National- oder Ständerat. Hohes Tempo ist ihm fremd. Auf seiner zäh ansteigenden Karrierekurve gilt ein Überholverbot. Wie die Kader der Kommunistischen Partei Chinas wartet er in der Berner SVP die Generationenabfolge ab, bis die Reihe an ihm ist.
Wenn er dann einmal in der Landesregierung sitzt, kann der Berner Bundesrat ein beachtliches Beharrungsvermögen entwickeln. Er ist eher bewahrender Verwalter als innovativer Gestalter. Mit dem Staat, dem er und seine Parteifreunde Posten, Aufträge und Subventionen verdanken, schliesst er früh in seiner Karriere Frieden.
Stille und weniger Stille
Natürlich ist dieses Berner Bundesratsprofil leicht zugespitzt. Und doch wird es durch eine Mehrheit der Berner Bundesräte bestätigt (siehe www.dieberner.bernerzeitung.ch). Acht von zwölf kamen vom Land, acht von ihnen waren in der Kantonshauptstadt ausgebildete Fürsprecher, die sieben letzten Berner Bundesräte waren alle Mitglieder der von Rudolf Minger gegründeten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und ihrer Nachfolgepartei SVP, die den Berner Bundesratssitz in den letzten 70 Jahren im Abonnement besetzten.
Die meisten Berner Bundesräte waren pflichtbewusste, wenig charismatische Schaffer. Sie erbten und hinterliessen Justiz- oder Armeereformen, die auch ohne ihr Zutun vorangeschritten wären. Es gibt aber Ausnahmefiguren von nationaler Statur, die die Regel des braven Berner Bundesrats bestätigen. Der erste Berner Bundesrat Ulrich Ochsenbein war laut seinem Biografen Rolf Holenstein ein genialer Gründervater und als Chefdenker der Bundesverfassung von 1848 der Erfinder des ausgleichenden Föderalismus. Der Heisssporn Jakob Stämpfli, der Ochsenbein aus dem Bundesrat verdrängte, war ein populärer Volksführer. Übertroffen wurde er darin noch vom Bauernführer und Parteigründer Rudolf Minger, der vor dem Zweiten Weltkrieg mit Ener-gie und bauernschlauer Taktik die Schweizer Armee aufrüstete.
Der feingliedrige Agronom Friedrich Traugott Wahlen, der geistige Vater der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg, war als Direktor bei der UNO-Ernährungsorganisation in Rom kein Landanwalt, sondern ein Mann von Welt, der als Bundesrat die Schweizer Europapolitik mitbegründete. Adolf Ogi schliesslich schaffte es als populärer Netzwerker und Quereinsteiger aus dem Sportbusiness ohne akademische Weihen ins höchste Regierungsamt, wo er mit Elan das Jahrhundertwerk der Neat-Alpentransversale durchsetzte.
Samuel Schmids Endspiel
Dass seit dem 2008 abgetretenen Samuel Schmid kein Berner mehr in der Landesregierung sitzt, hat seine Logik. Das Fixseil, an dem sich die Spitzenkandidaten der Berner SVP jahrzehntelang gut gesichert auf den Regierungsgipfel hocharbeiteten, wurde in Schmids Ära gekappt. Die selbstverständliche Vormacht der alten Berner Dominanzpartei SVP und ihr dynastischer Anspruch auf einen Bundesratssitz sind erledigt.
Der Kanton Bern und seine Wählerschaft sind vielfältiger und uneinheitlicher geworden. Und der aggressive, dynamische Zürcher Parteiflügel Christoph Blochers hat den träge gewordenen Berner Parteigranden das SVP-Steuer aus der Hand gerissen. Samuel Schmid ist das letzte Exemplar der ausgestorbenen Gattung des typischen Berner Bundesrats. Er wurde zerrieben vom Machtwechsel in der SVP und vom Auszug der BDP.
Braucht Schweiz Berner?
Dass Bern derzeit keinen Bundesrat mehr stellt, ist nicht nur auf diese Parteiquerelen zurückzuführen. Es ist eine Anpassung an die Realitäten. 1848 war Bern neben Zürich das andere Kraftzentrum der Schweiz, jeder fünfte Schweizer lebte im Kanton Bern. Heute ist es nicht einmal mehr jeder siebte, und der Kanton Bern hat den Anschluss an die wertschöpfungsstarken Kraftorte verloren, die die Schweiz wirtschaftlich voranbringen: Zürich, Basel, Genf. Der nationale Standortwettbewerb ist härter geworden. Seit dem Ende der Zauberformel gilt das auch für den Verteilkampf um die Bundesratssitze.
Der Anspruch des ländlich strukturierten und wenig dynamischen Kantons Bern auf einen Bundesratssitz ist nicht mehr zwingend gegeben. Und herausragende, innovative Berner waren in der Landesregierung seit dem Zweiten Weltkrieg rar. Braucht es in der Schweizer Regierung überhaupt Berner Köpfe? Nur wenn sie das Land nicht bloss verwalten, sondern auch voranbringen wollen.
Neuer Berner Geist
Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann mutet man das zu. Sie verkörpern einen anderen Geist als die früheren SVP-Bundesräte aus dem sich lange selbst genügenden Bernbiet. Die im Aargau aufgewachsene Zuzügerin und frühere Konsumentenschützerin vertritt die mobile, urban und gleichzeitig nachhaltig gesinnte Schweiz. Schneider-Ammann kommt aus dem Unternehmertum, das auf Eigeninitiative und Wertschöpfung vertraut statt, wie in der Berner Politik oft üblich, auf den helfenden Staat. Die beiden Kandidaten repräsentieren Potenziale, die der Kanton Bern und seine Hauptstadtregion aktivieren müssen, wenn sie vorankommen wollen. Ihre Wahl wäre ein Signal für Bern. Denn ihre Persönlichkeitsprofile wirken unbernisch, weltoffen, zukunftsorientiert.
Aber nicht nur. Als Politiker ist der Unternehmer Johann Schneider-Ammann mit Wurzeln im ländlichen Emmental ein vorsichtiger, leicht behäbiger Taktiker, der urbernische Politgene in sich trägt. Die als parteiübergreifende Brückenbauerin gelobte Sachpolitikerin Simonetta Sommaruga ist geprägt von der Berner Vorsichts- und Ausgleichskultur. Wollen die beiden das Land voranbringen, müssen sie bisweilen über ihren Schatten springen. Und vor allem auf jene Berner Stärken setzen, die im zerstrittenen Bundesrat hilfreich sind: Geduld, Realitätssinn, Beharrlichkeit.
Standortvorteil für Bern?
Braucht der Bundesrat Berner? Dass diese Frage am 22.September vielleicht doch eine Rolle spielen könnte, erkennt, wer sie umdreht: Brauchen die Berner einen Bundesrat? Was nützt ihnen das? Dass zur Neat auch der schon eröffnete Lötschberg-Basistunnel gehört, ist zweifellos auch dem Berner Adolf Ogi zuzuschreiben. Dass Bern im Kalten Krieg viel militärische Infrastruktur beherbergte, von der das regionale Gewerbe profitierte, hat auch damit zu tun, dass Wehrminister Rudolf Gnägi Berner war.
Bundesräte sind nicht nur uneigennützige Diener des Landes, sondern auch Vertreter ihrer Region. Wenn in Zukunft milliardenschwere Ausbauten am Schweizer Bahnnetz anstehen, könnte es für Bern vorteilhaft sein, wenn bei den Verteilkämpfen ums Bundesgeld in der Landesregierung Berner mitreden.
Genau aus diesem Grund könnten Parlamentarier aus der übrigen Schweiz am 22.September finden, dass es nicht gleich zwei Bundesräte aus jenem Kanton braucht, der der Rekordbezüger aus dem nationalen Finanzausgleich ist. Eine Doppelvertretung könnte im ganzen Land den für Bern abträglichen Verdacht nähren, der Hauptstadtkanton wolle von seiner Nähe zur Bundeskasse profitieren.
Der 22. September könnte zum nationalen Stimmungstest für den Kanton Bern werden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 28.08.2010, 14:29 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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