Schweiz
Wieso das Wallis zu Recht ein schlechtes Image hat
Von Hubert Mooser*. Aktualisiert am 24.01.2009 158 Kommentare
Finanzminister Hans-Rudolf Merz musste sich bei den Wallisern entschuldigen, als er sie zu Beginn seiner Amtszeit als subventionsgieriges Völklein kritisierte. Der frühere Chef des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft, Philippe Roch, musste sogar einen Bussgang nach Sitten antreten, weil er die Walliser Regierung wegen ihres Umweltverständnisses angriff. Jetzt musste sich der Chefredaktor des «Beobachters» bei «diesen Wallisern» entschuldigen, weil einer seiner Redaktoren in einer Kolumne den Kanton als unrentable, subventionierte Randregion abtat.
Gegen 600 Millionen Franken aus Bern
Schmerzt die harmlose Kritik vor allem darum, weil sie einen Funken Wahrheit beinhaltet? Die Millionen, die der Bergkanton aus Bundesbern erhält, machen inzwischen fast das halbe Kantonsbudget aus. Insgesamt dürften gegen 600 Millionen Franken pro Jahr aus der Deutschschweiz in Richtung Sitten fliesssen. Mit dem Geld wird zum Beispiel die Krankenkassenprämie fast jedes zweiten Bürgers verbilligt. Rund 200 Millionen fliessen pro Jahr in den Strassenbau – insbesondere in die Fertigstellung der Nationalstrasse A9 im Oberwallis.
Richtig vorwärts ging es mit der A9 trotzdem lange Zeit nicht. Umweltschützer, Kanton und Planer zankten sich jahrzehntelang um Notwendigkeit und Linienenführung. Damit die Strassengelder aus Bern wegen des Streits nicht verloren gingen, verlochte man zwischendurch einen Teil der Millionen - unter anderem in eine Deluxe-Strasse über den Simplon nach Italien. Warnungen von Umweltschützern, man ebne damit dem Schwerverkehr den Weg über die steile Passstrasse, wischte die Baulobby vom Tisch.
Alles hängt am Subventions-Tropf
Jetzt donnern jedes Jahr mehr Sattelzüge über die Bergstrecke. Und die Vertreter der CVP, von jener Partei also, welche den Ausbau des Simplons zur Superstrasse vorantrieb, fordern plötzlich von Verkehrsminister Moritz Leuenberger Massnahmen für mehr Verkehrssicherheit am Simplon. Nacheinander reichten die CVP/CSP-Nationalräte Viola Amherd, Roberto Schmid und Ständerat René Imoberdorf entsprechende Vorstösse in Bern ein.
So funktioniert das Wallis halt. Alles hängt irgendwie am Subventions-Tropf des Bundes. Die CVP, die den Kanton seit über einem Jahrhundert wie eine Demokratur regiert, wacht über die Verteilung der Millionen an die kantonale und regionale Baulobby. Man wird im Wallis nicht gewählt, um in Bern eine gute Figur zu machen, sondern um für den Kanton sprichwörtlich die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Politiker wie der Oberwalliser René Imoberdorf oder der Mittelwalliser Maurice Chevrier gelten in Bern als Hinterbänkler. Geht es aber darum, Vorteile für ihre Region herauszuholen, sind sie äusserst erfolgreich.
Mais wegen Tomaten, Aprikosen und Fendant
Darin liegt vielleicht auch der Grund, weshalb im Wallis einzelne Bauwerke einige Schuhnummern zu gross geraten, wie zum Beispiel der Visper SBB-Bahnhof. In der Gemeinde mit knapp 7000 Einwohnern steht auch ein fast 20 Millionen teuerer Opernpalast. Er weckt Erinnerungen an den Film Fitzcaraldo mit Klaus Kinski in der Hauptrolle. Der Hauptakteur wollte mitten im Urwald einen Opernhaus bauen.
Gäbe es über 70'000 Schafe im Wallis, wenn dafür keine Subventionen fliessen würden? Einige Walliser halten sich die Tiere bloss als Hobby. Aber wehe dem, der den Mut besitzt, das auch zu sagen. Überhaupt: Die Landwirte sind mitverantwortlich, dass das Wallis in der «Üsserschwyz» einen derart miserablen Ruf geniesst. In den Fünfzigerjahren steckten Aprikosenbauern SBB-Wagons in Brand, in den Sechszigern schmissen Landwirte aus Protest Tomaten in die Rhône, in den Achtzigerjahren rebellierten die Weinbauern. Das alles hat Spuren hinterlassen im kollektiven Gedächtnis der Deutschweiz.
Eine Reihe von Bau-und Finanzskandalen
Die Walliser tun aber auch alles, damit dieser Ruf erhalten bleibt. Seit den Siebzigerjahren reiht sich ein Bau- und Finanzskandal an den nächsten. Beim so genannten Savro-Skandal zweigte ein Bauunternehmer mit Chefbeamten Gelder ab. Es ging um ein paar hunderttausend Franken. Der Financier Jean Dorsaz setzte bereits gegen 200 Millionen Franken mit riskanten Geschäften in den Sand. Seine Hausbank, die Walliser Kantonalbank, knickte beinahe ein. Die Deutschschweiz schaute dem Treiben im Wilden Westen der Schweiz amüsiert zu.
Das änderte sich, als der Ferienort Leukerbad nach einer beispiellosen Bauorgie Pleite ging. Die Emissionszentrale der Schweizer Gemeinde sass als Geldgeberin mit im Boot und mit ihr zahlreiche Gemeinden in der Deutschschweiz. Die Üsserschwyzer fanden das nicht mehr lustig.
Mit den Gesetzen nimmt man es nicht sehr genau
Aus Bern kommt zwar viel Geld, aber mit der Umsetzung der Bundesgesetze nehmen es die Walliser nicht sehr genau. Luchs, Wolf und Bartgeier, eigentlich geschützte Tierarten, haben in der Rhônerepublik einen schweren Stand. Illegale Abschüsse kommen immer wieder vor. Illegale Pistenplanierungen und Bauarbeiten sind ein Volkssport.
Umweltgesetze empfindet man im Wallis ohnhin als ein Diktat aus der Deutschschweiz. Das musste auch Heimatschützer Franz Weber zu Beginn der Walliser Tourismusära erfahren. Als er sich im Val d'Anniviers gegen den Bau einer Helibasis wehrte, übergossen ihn ausgebrachte Einheimische mit einem Kübel Gülle. Ein paar Jahre später wurde der Walliser WWF-Sekretär, der gegen illegale Planierarbeiten und Waldrodungen Einspruch erhob, von einem Überfallkommando in seinem Haus attackiert und zusammengeschlagen.
Natürlich kann man sagen, all das ist Schnee von gestern. All das prägte jedoch das Bild des Kantons in der Restschweiz. Und dass sich die Sitten im Wallis nicht sehr geändert haben, beweist der Präsident des FC Sion Christian Constantin. Er feuert seit Monaten einen Trainer nach dem anderen - das ist nicht gerade die feine Art. Und ein Walliser CVP-Politiker, der nackt beim Koksen auf der Frontseite von auflagenstarken Zeitungen abgebildet wird und ein betrunkener SP-Staatsrat, der seinen Wagen zur Geisterstunde im Waadtland in eine Baugrube steuert, sind auch nicht besonders gut für das Image. Da kann auch PR-Mann Stölker nicht mehr viel ausrichten, der sich seit knapp zwei Jahren bemüht , das Wallis den Deutschweizern als Paradies anzupreisen.
Hat der Kolumnist des Beobachters mit seinem satirischen Beitrag also tatsächlich daneben gegriffen? Im Grunde genommen ist es fast wie mit Sizilien: Alle wissen, dass die Mafia dort das Sagen hat. Aber alle fahren dorthin in die Ferien. Weil es eben so schön ist.
* Der Autor ist Walliser und arbeitet in Zürich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.01.2009, 17:57 Uhr
Kommentar schreiben
158 Kommentare
@Christian KOCH: Überlegen Sie nächstes Mal etwas länger, bevor Sie uns Westschweizer samt dem Wallis weghaben wollen. Es scheint, dass Sie sich über Kulturgut und den wahren Schatz der Schweiz nie so richtig Gedanken gemacht habt. Lernen Sie die positiven Aspekte zu betrachten! Wir verlieren nie solch herablassende Bemerkungen über das Deutsch-Schweizer-Volk. Antworten
Schweiz
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!



