Wieso die Schweiz so bildungsfeindlich ist

Historiker Philipp Sarasin plädiert für eine stärkere Förderung der gymnasialen und universitären Bildung. In der schweizerischen Bildungspolitik ortet er drei Konzeptfehler.

«Wachsende Nachfrage nach Akademikern»: ETH-Campus auf dem Hönggerberg in Zürich.

«Wachsende Nachfrage nach Akademikern»: ETH-Campus auf dem Hönggerberg in Zürich. Bild: Keystone

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Wer neue Kampfflugzeuge kauft, hat weniger Geld für anderes. Dass die Finanzministerin auf Forschung und Bildung als mögliche Ziele verschärfter Sparbemühungen hinweisen musste, scheint die politische Mehrheit jedoch nicht zu schrecken. Denn die Förderung von Forschung und höherer Bildung ist politisch nicht prioritär. Unser Bildungswesen wird von der fixen Idee beherrscht, die Schulkarriere der grossen Mehrheit der Jugendlichen sei möglichst zügig in eine Berufslehre zu überführen – und dass nur rund 20 Prozent aller jungen Erwachsenen die Matura erhalten sollen.

Gymiprüfungen und andere Selektionsinstrumente sorgen dafür, dass diese Quote stabil bleibt. Verändert hat sich seit den 90er-Jahren hingegen die Geschlechterproportion: Weil das Erlernen von sogenannten Frauenberufen wie Primarlehrerin, Krankenschwester und neuerdings auch die Karriere von Models de jure oder faktisch an den Mittelschulausweis gebunden sind, sind es gemäss dem eidgenössischen Bildungsbericht 2010 mehrheitlich Mädchen, die im Gymnasium die Schulbank drücken. Umgekehrt durchläuft ein rekordverdächtig tiefer Anteil von nur 15 Prozent der jungen Männer das Gymi mit Erfolg. Dass viele dieser jungen Leute später nicht an die Universität oder die ETH gehen, verschärft das Problem: Der Schweiz fehlen die Akademiker, und zwar zunehmend.

Rudimentäre Bildung

Hinter den Selbstverständlichkeiten unserer Bildungspolitik verbergen sich drei Konzeptfehler. Der erste besteht darin, dass die hohen Eintrittshürden ins Gymnasium als Instrumente der Qualitätssicherung dysfunktional und ungerecht sind. Denn zum einen erzwingen sie einen zu frühen Richtungsentscheid, der das gesamte spätere Leben tief greifend prägt und nur um den Preis verlorener Jahre halbwegs korrigiert werden kann. Die im Vergleich deutlich höhere Abiturientenquote in den europäischen Ländern hat, neben allen sonstigen Gründen, auch die Funktion, den Entscheid über die Befähigung eines Jugendlichen für einen akademischen Bildungsweg länger hinauszuschieben – und damit etwa pubertätsbedingte Entwicklungsschwierigkeiten gerade bei Knaben abzuwarten sowie den negativen Einfluss eines bildungsfernen Familienhintergrundes durch eine grössere Anzahl von besuchten Schulstunden ein Stück weit zu kompensieren.

Die grosse Mehrheit der Jugendlichen, die mit ihrer Berufsbildung und Berufsarbeit zum Teil schon weit vor dem zwanzigsten Lebensjahr beginnt, bezahlt dafür nicht selten den Preis einer bloss rudimentären Bildung. Die Pisa-Studie von 2000 zeigte, dass am Ende der obligatorischen Schulzeit ein Drittel der Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage ist, einen einfachen Text zu verstehen und zu interpretieren, und weiteren 20 Prozent dies nur ganz knapp gelingt; 16 Prozent der Erwachsenen gelten als illiterat.

Bessere Integration

Der gerne vorgebrachte Hinweis auf die «tiefe Jugendarbeitslosigkeit» hilft nicht weiter: Zu behaupten, dass Jugendliche, die länger und besser ausgebildet würden, im Rahmen unserer Gesellschaft und unseres Arbeitsmarktes schlechtere Erwerbschancen hätten, ist absurd. Warum sollen diese sinken, wenn die Berufsausbildung mit 20 statt mit 16 begonnen wird – und ein grösserer Prozentsatz als heute nicht um eine Lehrstelle konkurriert, sondern auf die Uni geht?

Zum andern weist der Bildungsbericht Schweiz nach, dass Kinder aus privilegierten Familien rund doppelt so häufig ins Gymnasium kommen wie Kinder aus benachteiligten Familien; Benachteiligung misst sich dabei nicht nur in sozioökonomischen Kategorien, sondern kann durch eine migrationsbedingte kulturelle Alterität noch verschärft werden. Gerade Jugendliche mit Migrationshintergrund werden vom heutigen Bildungssystem (nicht selten im Verbund mit Vorurteilen gegen höhere Bildung im Herkunftsmilieu) einigermassen zuverlässig benachteiligt: Die eindeutige Korrelation zwischen der familiären Herkunft und der Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, zeigt, dass die Chancengleichheit im Bereich der Sekundarstufe II nicht gewährleistet ist.

Klassensortierungsanlagen

Kurz: Harsche Selektionsinstrumente dienen nicht einmal dazu, dass nur «the best and the brightest» den Weg zum Gymnasium finden. Es sind vor allem die Eltern aus dem ehemaligen Bürgertum, die neuen Reichen und der gehobene, oft zugewanderte akademische Mittelstand, die dank Lernstudios, Privatschulen, Gymi-Vorbereitungskursen und schliesslich durch eigenen Nachhilfe-Einsatz dafür sorgen, dass ihre Kinder den Übertritt ins Gymnasium schaffen. Die Selektionsinstrumente und Eintrittshürden ins Gymnasium sind daher oft schlichte Klassensortierungsanlagen, welche die ehemalige Selbstverständlichkeit, dass man «e Lehr» macht, wenn man zum «Volk» gehört, technokratisch nachbilden und verstetigen – und damit den Bildungswillen von vielen Jugendlichen abwürgen.

Dies geschieht nicht selten unter sozialdemokratischer Aufsicht. Dass die SP zwar am liebsten den Kapitalismus überwinden möchte, keinesfalls aber die Zürcher Gymiprüfung, zeigt dabei nur an, wie intellektuellenfeindlich und bildungsskeptisch nicht nur die Rechte, sondern auch die Linke ist.

Akademikerfeindlichkeit

Der zweite Konzeptfehler in der schweizerischen Bildungspolitik besteht darin, dass unser Bildungssystem in einseitiger Weise darauf ausgerichtet ist, qualifizierte «Berufsleute» hervorzubringen, nicht aber Akademiker. Das ist im Grunde vollständig paradox: Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Markt der freien Berufe – Ärzte, Juristen, Architekten etc. – stark gewachsen; zudem stieg die Nachfrage nach Akademikern in der forschungsbasierten Industrie und im Bildungswesen, seit einigen Jahrzehnten auch im Dienstleistungssektor und in den kantonalen und staatlichen Verwaltungen. Obwohl Zahlen zum Anteil der Akademiker an der Gesamtzahl der Beschäftigten bezeichnenderweise nie erhoben worden sind (!), kann man mit Sicherheit sagen, dass dieser Trend einer wachsenden Nachfrage nach Akademikern anhalten wird.

Doch was geschieht? Es ist regelmässig zu lesen, dass die Schweiz viel zu wenige Ingenieure, Ärzte, Gymnasiallehrer und andere akademisch Qualifizierte ausbildet und diese daher buchstäblich zu Tausenden aus dem Ausland importiert. Ein Land jedoch, das es sich leistet, nur 15 Prozent der jungen Männer zur Matura zu führen und zusammen mit dem nur wenig höheren Anteil bei den jungen Frauen einen viel zu kleinen Pool von möglichen Hochschulabsolventen zu bilden, muss sich nicht wundern, dass auf ihren ständigen Ruf nach «Arbeitskräften» nicht einfach, wie Max Frisch noch sagen konnte, «Menschen» zu uns kommen, sondern Ärzte, Professoren, Manager – und insgesamt: Hochschulabgänger. Das ändern kein noch so schönes duales Bildungssystem, keine «Brücken» aus der Welt der Berufsbildung und keine Fachhochschulabschlüsse: Der Chef ist heute schon in der Regel ein zugezogener Akademiker, während sich die einheimischen Fachhochschulabgänger im mittleren Kader wiederfinden – oder aber zwar in den Leitungspositionen von KMU, jedoch deutlich weniger in jenen der Finanz- und Grossindustrie und auf den Lehrstühlen der Hochschulen. Das mag man unerheblich finden; zumindest in dem Masse aber, wie die chauvinistische Rechte daraus politisches Kapital zieht, würde allein schon politische Klugheit es nahelegen, den Anteil des eigenen akademischen Nachwuchses zu stärken.

Aber es geht um mehr: Denn die Förderung der gymnasialen Ausbildung würde nicht zuletzt zu einer stärkeren Integration jener bildungsfernen und fremdsprachigen Jugendlichen in den akademischen Arbeitsmarkt führen, deren Chancen heute durch die frühen, hohen Eintrittshürden in den gymnasialen Bildungsweg beschnitten werden, weil sie im falschen Kanton wohnen ? oder in der Agglo leben und -ic heissen.

Bildungsverachtung

Doch würde mit einer solchen Expansion der akademischen Bildung nicht notwendigerweise das Niveau gesenkt? Abgesehen davon, dass heute viele Begabte gar nicht die Möglichkeit haben, zu zeigen, dass ihr Einbezug das Niveau vielleicht sogar steigern würde, lauert hinter diesem Verdacht der dritte Konzeptfehler. Denn eine akademische Qualifikation in Gestalt eines formalen Studienabschlusses hat nicht Genialität zu ihrer Voraussetzung. Für eine Gesellschaft, die auch für sehr praxisorientierte Berufe im Gesundheitswesen und in der vorschulischen oder Primarausbildung die Matura voraussetzt, die für sehr viele Tätigkeiten etwa in der Verwaltung ein Studium verlangt und die jedes Jahr zu Hunderten neue Lehrer, Ingenieure, Juristen, Ärzte und akademisch gebildete Medienschaffende braucht, ist eine breitere Streuung von Mittel- und Hochschulqualifikationen keine Bedrohung, sondern existenziell notwendig.

Dass die Schweiz glaubt, nicht selbst für die Ausbildung all dieses Personals sorgen zu müssen, sondern die fehlenden Arbeitskräfte jederzeit und nach Bedarf aus dem Ausland importieren und dann gegebenenfalls wieder nach Hause schicken zu können, ist Ausdruck einer ebenso dummen wie zynischen Bildungsverachtung eines kleinen Herrenvolkes. In ihr trifft sich die Ideologie des bodenständigen Mittelmasses, der «e Lehr» schon immer das höchste Bildungsziel war, mit der neuen Kultur des individualistischen Hedonismus, dem dank fortwährendem Fun und im europäischen Vergleich sehr guten Löhnen für junge Leute Investitionen in akademische Bildungstitel schlicht obsolet erscheinen. Dass all das am Schluss auch noch mithelfen soll, den Altherrentraum des perfekten Kampfflugzeugs zu finanzieren, ist wahrlich tragisch. Denn für ein Land, das sich als urbane, weltweit vernetzte Wissens-, Dienstleistungs- und Kreativgesellschaft neu erfinden müsste, ist Bildungsverachtung die denkbar schlechteste Strategie.

Dies ist die leicht gekürzte Version eines Aufsatzes aus dem Buch «Das Gymnasium im Land der Berufslehre» (Veröffentlichungen der Kantonsschule Zug, Herausgeber Andreas Pfister), das Ende Oktober erscheint. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.10.2011, 14:44 Uhr)

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Er plädiert für tiefere Hürden ins Gymnasium und bessere Förderung der Hochschulbildung: Philipp Sarasin (55), Ordinarius für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.

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