«Wikileaks war meine letzte Hoffnung»

Rudolf Elmer publizierte auf Wikileaks Bankdaten. Er stört sich aber zunehmend am Verhalten von Julian Assange.

«Whistleblowing wird zum Geschäft. Und das kann es ja auch nicht sein»: Rudolf Elmer.

«Whistleblowing wird zum Geschäft. Und das kann es ja auch nicht sein»: Rudolf Elmer.

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Herr Elmer, vor drei Jahren nutzten Sie als erster prominenter Whistleblower Wikileaks. Was versprachen Sie sich davon?
Wikileaks war meine letzte Hoffnung. Ich hatte zuvor über acht Jahre versucht, im Alleingang die Missbräuche im Offshore-Finanzgeschäft aufzudecken. Weder die Steuerbehörden in der Schweiz noch die Zürcher Staatsanwaltschaft, die Bundesanwaltschaft oder die Medien interessierten sich jedoch dafür.

Wie half Wikileaks, wo Sie zunächst anonym veröffentlichten?
Julian Assange, Daniel Domscheit-Berg und das Rechtsberatungsteam übersetzten meinen Whistleblower-Brief ins Englische, in dem ich meinen Namen offenlegte. Sie übersetzten auch meine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Sie stellten zudem Kontakte her. Wikileaks hat mich davor bewahrt, als psychisch Kranker, als an Verfolgungswahn Leidender gebrandmarkt und beiseitegeschoben zu werden.

Welchen Eindruck gewannen Sie von der Person Julian Assange?
Ruhig, zielorientiert, engagiert und überlegt. Das gilt übrigens für das ganze Team damals. Mir schien, als sei eine Art Wikileaks-Familie am Ball.

Teilen Sie die Meinung, dass Wikileaks sich in den letzten drei Jahren stark verändert hat?
Heute ist Wikileaks gleich Julian Assange. Es hat sich von einer Whistleblower-Plattform zum politischen Instrument entwickelt. Damit stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit. Wenn Assange meint, er könne zum Beispiel die brasilianischen Wahlen mitentscheiden, wird es gefährlich. Weil die Organisation von ihren Grundprinzipien abweicht und in den Dienst einer Einzelperson gestellt wird, die die diplomatischen Depeschen als Munition braucht. Dies führte auch dazu, dass sich talentierte Leute von Wikileaks abgewendet haben. Ich habe im Moment Mühe, den Nutzen des politischen Aktivismus von Assange für die Öffentlichkeit zu erkennen.

Was versprechen Sie sich von neuen Plattformen wie Openleaks, die Whistleblowern als politisch neutrale Drehscheiben dienen wollen?
Solche Plattformen sind unbedingt nötig. Wir sollten nicht vergessen, dass die Missstände in Ländern wie China und Afghanistan oder in Afrika enorm sind. Dort setzen Whistleblower ihr Leben und das ihrer Familie aufs Spiel. Deshalb braucht es politisch nicht erpressbare Plattformen. Ich bin sicher, dass das Konzept Wikileaks nicht mehr gestoppt werden kann. Es wird den Bürger und Bürgerinnen aber nur so lange nützen, als eine solche Plattform nicht in ein Informationschaos mit gefälschten, belanglosen oder nicht relevanten Informationen ausartet. Neue Plattformen müssten punkto Auswahl und Nachprüfung höheren Anforderungen genügen.

Erwarten Sie, dass Wikileaks schweres Belastungsmaterial gegen eine grosse Wallstreet-Bank aufdecken wird, wie Assange angekündigt hat?
An echt belastendes Material glaube ich nicht. Denn die Praxis im Bankgeschäft ist so, dass heikle und missbräuchliche Vereinbarungen nur mündlich getroffen werden. Sicher ist jedoch, dass fast jedes interne Dokument, welches publiziert wird, das Vertrauen in die Bank erschüttert. Die Kunden werden als Konsequenz die Gelder abziehen. Der Schaden für die Bank wird gewaltig sein. Und daher muss sich Julian Assange gut überlegen, ob das Material wirklich belastend ist. Ich bezweifle, dass er die Fachkompetenz dazu hat. Wikileaks wollte mich als Bankenspezialisten beiziehen. Aber ich zögere, da ich zweifle, ob die Organisation jetzt auf dem richtigen Pfad ist.

Glauben Sie, dass anfällige Branchen wie die Finanzindustrie ihre Abwehrmechanismen verschärfen werden? Und dass Regierungen striktere Gesetze gegen Whistleblower erlassen werden?
Der Reputationsschaden durch die Aktionen eines Whistleblowers kann ein Unternehmen in seiner Existenz bedrohen. Deshalb werden die Abwehrmechanismen massiv verschärft, das liegt in der Natur der Sache. Anderseits wird der Verkauf von Informationen zu einem Geschäft, es können enorme Summen damit verdient werden, Zeitungen werden gezwungen sein, Seiten für anonyme Whistleblower einzurichten. Es entsteht eine Art Whistleblowing-Industrie. Gleichzeitig untergräbt die Veröffentlichung der diplomatischen Depeschen den über drei Jahre geschaffenen Goodwill für Wikileaks aufseiten der Politik. Der aus Gewissensgründen handelnde Whistleblower wird somit weiterhin keinen Schutz haben.

Viele Whistleblower fühlen sich verfolgt und unverstanden. Viele versuchen jedoch ebenso, ihr Wissen zu verkaufen, wie Sie eben angetönt haben. Sie auch?
Ich habe Abklärungen getroffen. Ob ich aber Geld akzeptieren würde, ist eine völlig andere Frage.

Können Sie konkreter werden?
Ein Whistleblower könnte etwa mit der amerikanischen Steuerbehörde IRS ein Abkommen treffen, wonach er Anspruch auf 15 bis 30 Prozent der zusätzlichen Steuereinnahmen hätte. Dies als Belohnung für Material, das der IRS erlauben würde, einem Steuerbetrüger auf die Spur zu kommen. Ob die Belohnung aber je ausbezahlt wird, ist offen. Whistleblower geraten oft in finanzielle Probleme, weil sie den Job verlieren. Es ist deshalb verlockend, die Forderung an die IRS für einen Bruchteil an einen Hedgefonds zu verkaufen. Der Fonds selber geht in diesem Fall die Wette auf die volle Auszahlung ein. Ich persönlich finde solche Deals falsch. Denn ein echter Whistleblower möchte kein Geld, er will Schutz und will in seinem Beruf weiterarbeiten können. Die US-Lösung mit Belohnungen ist eine Fehlentwicklung, Whistleblowing wird zum Geschäft, und das kann es ja auch nicht sein.

Würden Sie sich heute mit belastendem Material wieder bei Wikileaks melden?
Nein, und zwar, weil Assange heute mein Material weder anschauen noch publizieren würde. Ich habe versucht, ihm weitere, belastende Unterlagen zum Vorgehen der Zürcher Justiz im Fall der Bank Bär zu übergeben. Er hat diese gar nicht mehr beachtet. Bis 2009 hat er Material aus diversen Bereichen publiziert, heute scheint sich alles nur noch um oder eben gegen Amerika zu drehen.

Es ist beinahe vergessen gegangen, dass auch die Missstände im amerikanischen Energiekonzern Enron durch einen Whistleblower bekannt wurden. Sherron Watkins verschaffte damals der Justiz entscheidendes Beweismaterial. Wie geht es ihr heute?
Sie hat jedenfalls immer noch keinen ihren Fähigkeiten entsprechenden Job. Auch alle anderen Whistleblower wie zum Beispiel Martin Woods von der Wachovia Bank oder auch Charlie Rawl von der Stanford Financial Group kämpfen um ihre Existenz und ihren Ruf. Viele Freunde haben sich von ihnen abgewendet. Diesen Menschen werden heute noch Steine, ja Felsen in den Weg gelegt, weil sie den Mut hatten, Missbräuche öffentlich zu machen. Es ist eine Schande für eine sogenannt aufgeklärte Gesellschaft.

Bradley Birkenfeld half als UBS-Insider, die illegalen Machenschaften der UBS in den USA aufzudecken. Dafür kassierte er 40 Monate Haft. Was lief falsch?
Für Birkenfeld war das Geld wichtig; dazu wurde er falsch beraten. Ohne ins Detail zu gehen, ich habe in meiner Sache den Behörden alle meine möglichen kriminellen Handlungen offengelegt und eine Bestätigung verlangt, dass ich dafür nicht belangt werde. Diese schriftliche Zusicherung habe ich erhalten. Birkenfeld hätte diese Möglichkeit in den USA mit grosser Sicherheit auch gehabt, aber er entschied sich, gewisse Straftaten nicht offenzulegen. Deswegen musste er nicht nur ins Gefängnis, er verliert möglicherweise sogar seine Whistleblower-Belohnung.

Wie ist es Ihnen persönlich und Ihrer Familie ergangen, seit Sie Belastungsmaterial gegen die Bank Bär auszupacken begannen?
Die ganze Familie, meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sogar meine Nachbarn wurden durch Stalker und durch die Behörden unter Druck gesetzt. Es war eine Art von Psychoterror. Meine Gedanken gingen von Selbstmord bis zu einem Rachefeldzug und dann zur Auswanderung. Wir mussten die Schweiz 2006 zeitweilig verlassen, der Druck wurde auch nach meiner Verhaftung konstant erhöht. Die Sache wurde zur Odyssee für die ganze Familie; freilich hat sie uns andererseits auch stark gemacht. Wir haben immer wieder Lösungen gefunden. Auch wenn ich dreimal meine Arbeit verloren habe und an einer posttraumatischen Belastungsstörung litt. Auch wenn meine Frau 14 Monate von mir und der Tochter getrennt in der Schweiz Geld verdienen musste.Unsere Hoffnung auf Gerechtigkeit haben wir nie aufgeben, und mein 11-jährige Tochter kämpft nun auch an meiner Seite. Wir sind heute stolz darauf, was wir erreicht haben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.12.2010, 13:06 Uhr)

Der Schweizer auf Wikileaks

Am 19. Januar 2011 beginnt vor dem Bezirksgericht Zürich der Prozess gegen Rudolf Elmer wegen Bankgeheimnis-Verletzung. Seit 2005 hatte Elmer, Nummer zwei der Julius Baer Bank and Trust Company auf den Cayman Islands, den Medien und der Eidgenössischen Steuerverwaltung vertrauliche interne Dokumente zugestellt. Zuvor hatte er sich mit der Bank verkracht und war entlassen worden. Ab 2007 stellte Elmer einen Teil der Informationen auf Wikileaks. Auch die Steuerbehörde des deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen belieferte er. Bei einer Verurteilung drohen ihm eine bedingte Freiheitsstrafe und eine Busse.

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