«Wir haben die saftigeren Geschichten»

Trotz des Angriffs von links werde die Schweiz von Marignano weiterleben, sagt SVP-Nationalrat Peter Keller.

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Wie erklären Sie sich den plötzlich aufgeflammten Deutungsstreit um die Schlacht von Marignano?
Die Linke hat die ältere Schweizer Geschichte lange vernachlässigt und die Nase gerümpft, wenn wir die Wurzeln unseres Landes gepflegt haben. Zu ­diesen gehören auch die Schlacht von Marignano 1515 oder die Ereignisse rund um Morgarten 1315. Historiker wie Jean-François Bergier haben versucht, diese Morgarten-Schweiz zu demontieren. Aber es will ihnen einfach nicht gelingen. Sie lebt weiter. Das erklärt die Kränkung und auch die Gehässigkeit, wenn es jetzt um die 500-Jahr-Feierlichkeiten und die Deutungshoheit von Marignano geht.

Statt Marignano möchte die SP lieber das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Beginn des europäischen Friedenswerks feiern. Feiern Sie mit?
Natürlich soll man des Endes des Zweiten Weltkriegs gedenken. Allerdings mit einem anderen Schwerpunkt, als es die Linke tun möchte. Dass die Schweiz den Zweiten Weltkrieg so gut überstanden hat, hat mit dem psychologischen Genie von General Henri Guisan zu tun: Die geistige Landesverteidigung, sein Rütli-Rapport waren von jenem freiheitlichen Geist ­geprägt, an den wir auch bei Marignano und Morgarten erinnern werden.

Der Bundesrat will die Feier zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs unterstützen, die Erinnerungsfeier in Marignano hingegen nicht. Die Regierung argumentiert, die Schlacht habe nur eine untergeordnete Rolle für die Identität der Schweiz gespielt.
Und liegt damit falsch. Marignano hat ein Eigenleben entwickelt. Es ist nicht nur das Ereignis, das die Wirkung dieser Schlacht ausmacht. Über die Zeit hat sich eine zweite Wirklichkeit in der Beschäftigung mit Marignano gebildet, und die lässt sich jetzt nicht mehr negieren. Die Unterstützung des SP-Vorstosses zeigt, wohin es den Bundesrat zieht. ­Marignano, aber auch Morgarten stehen für eine Schweiz der Selbstbehauptung und für die immerwährende Neutra- lität – der Bundesrat orientiert sich im Moment aussenpolitisch an einem ganz anderen Kurs: Er will die Schweiz in die EU «integrieren».

Neue historische Erkenntnisse machen deutlich: Marignano war beileibe nicht der Beginn der Schweizer Neutralität.
Das ist nicht entscheidend. Fakt ist, dass nachfolgende Generationen in dieser Schlacht einen Wendepunkt Richtung Neutralität erkannt haben. Ein ähnlicher Vorgang übrigens, wie wir das jetzt mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs er­leben: In der Wahrnehmung der da­maligen Schweizer Bevölkerung stand sicher nicht das Friedensprojekt ­Europa, geschweige denn eine mögliche EU im Vordergrund. Auch das ist eine Pro­jektion, eine Hinterherdeutung aus ­heutiger Sicht.

Im Grunde geht es bei diesem Kampf um die richtige Kultur der Erinnerung, um das zukünftige Verhältnis der Schweiz zu Europa, über das wir in den kommenden zwei Jahren abstimmen werden. Ist dieser Kampf um Europa tatsächlich auf dem Gebiet der Erinnerungskultur zu gewinnen?
Mit der institutionellen Anbindung an die EU droht uns das Ende der Selbst­bestimmung. Wir würden eine Rechtskolonie der EU. Die Kraft, solchen Plänen zu widerstehen, schöpft man auch aus der Herkunft – und der Erinnerung an unsere Herkunft. Wir dürfen selbstbewusst auf die vergangenen siebenhundert Jahre zurückblicken. Um uns herum sind Grossreiche entstanden und wieder vergangen, die Schweiz hat als friedliche Nation überlebt und für beispielhaften Wohlstand gesorgt. Einem Wettbewerb der Erinnerungskultur können wir locker entgegensehen. Wenn es darum geht, beispielsweise die Gründung des Bundesstaats gegen die Schlacht von ­Marignano antreten zu lassen, dann ­gewinnen wir: Wir haben einfach die­ ­saf­tigeren Geschichten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2014, 08:30 Uhr

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Peter Keller

Der 43-jährige Historiker und Journalist der «Weltwoche» ist seit 2011 Nationalrat für die SVP Nidwalden.

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