«Wir leben nicht mehr, wir überleben bloss»

Ein Soldat hat am 23. November 2007 mit einem Sturmgewehr die 16-jährige Francesca Prete erschossen. Für ihre Eltern gehört deshalb auch die Armee auf die Anklagebank.

Sie war erst 16 jahre alt: Der Grabstein von Francesca Prete.

Sie war erst 16 jahre alt: Der Grabstein von Francesca Prete.

Der Fall Hönggerberg

Am Abend des 23. Novembers 2007 ereignete sich bei der Bushaltestelle Hönggerberg ein Tötungsdelikt, das die ganze Schweiz erschütterte: Die 16-jährige Coiffeuse-Lehrtochter Francesca wartete mit einem Kollegen auf den Bus, als sie kurz nach 22 Uhr von einem damals 21-Jährigen grundlos und gezielt erschossen wurde. Der Täter, ein Schweizer chilenischer Herkunft, hatte an dem Tag die Rekrutenschule abgeschlossen. Obwohl er einen militärischen Tarnanzug trug und mit einem Armeegewehr schoss, wird der Fall von einem zivilen und nicht von einem Militärgericht beurteilt. Der damalige Bundesrat Samuel Schmid begründete dies damit, dass der Todesschütze vor der Tat noch kurz zu Hause war. Morgen Dienstag findet die Gerichtsverhandlung im Obergericht statt. Die Anklage lautet auf Mord. Der Prozess wird aus Sicherheits- und Platzgründen für die Öffentlichkeit in einem Aussengebäude der Universität Zürich per Video übertragen (Hörsaal E 3, Häldeliweg 2, 8044 Zürich, Tramstation Platte, ab 8 Uhr). (mom)

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Im Wohnzimmer der Familie Prete in einer Zürcher Vorortsgemeinde hängen drei grosse Fotos von Francesca. Die 16-Jährige trägt auf allen Bildern freche Frisuren und lacht fröhlich in die Welt. Ihre Eltern, beide Mitte 40, sitzen auf dem Sofa und wirken wie das Gegenteil ihrer Tochter. Sie sehen müde aus und traurig, als hätte jemand in ihnen einen Schalter ausgeknipst.

Die Medien haben Francesca als positive, strahlende junge Frau charakterisiert. Wie würden Sie sie selbst beschreiben?
Marisa Prete: Genau so: positiv, strahlend. Francesca hat das Leben geliebt. Jeden Morgen hat sie mich von der Arbeit aus angerufen und gefragt: Was machst du gerade? Wie gehts? Sie war ständig am Telefonieren, das Handy war ihr Brot. Es liegt immer noch in ihrem Zimmer, in dem wir nichts verändert haben.

Nach Francescas Tod sind Sie aus Zürich weggezogen. Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, die Schweiz ganz zu verlassen und wieder in Ihr Heimatland Italien zurückzukehren?
Marisa Prete: Wir mussten aus unserem Quartier wegziehen, in dem sie alle so geliebt haben. Dort hätten wir es einfach nicht geschafft. Antonio Prete: Aber wir bleiben in der Schweiz, weil auch sie hier geblieben ist.

Wie haben Sie die Zeit nach Francescas Tod überstanden?
Antonio Prete: Überstehen kann man so etwas nicht. In den 20 Monaten, die vergangen sind, hat sich nichts geändert. Wir leben nicht mehr, wir überleben bloss. Nimmt man einem Menschen das Glück, ist er so gut wie tot. Marisa Prete: Freunde, Familie, Nachbarn und Psychologen haben uns geholfen. Wir machen weiter für unseren Sohn Pasquale. Er leidet sehr, redet aber nie darüber. Unsere Kinder waren sich sehr nahe. Francesca war der Vulkan, Pasquale der ruhige Pol. Kam Francesca nach Hause, spürte man ihre Lebendigkeit schon von Weitem, alles vibrierte um sie herum. Sie stellte die Musik an, den Fernseher und sprudelte drauflos. Jetzt ist es ganz ruhig geworden. Ich höre keine Musik und schaue nicht fern, die Stille ist mir lieber. Francesca war der Pfeffer von allem. Antonio Prete: Sie hat uns mit in die Disco geschleppt und freute sich, wenn wir mit ihr tanzten. Das war ihr nie peinlich.

Am 25. Augst findet der Prozess gegen den Mann statt, der Ihre Tochter so abrupt aus dem Leben gerissen hat. Hoffen Sie, dass Ihnen das Urteil hilft, Francescas Tod besser zu verarbeiten?
Antonio Prete: Wir werden uns nie besser fühlen. Vor dem Prozess geht es uns einfach noch schlechter.

Sie haben jede Einvernahme via Videoübertragung mitverfolgt.
Antonio Prete: Das war sehr schwierig für uns. Aber wären wir nicht dabei, würden wir unsere Tochter im Stich lassen.

Hat sich der Täter je bei Ihnen entschuldigt?
Antonio Prete: Monate nach dem Mord hat er uns über unseren Anwalt eine Karte geschrieben, seine Eltern einen Brief. Wir haben weder Brief noch Karte gelesen. Sie kamen zu spät.

Hassen Sie den Täter?
Antonio Prete: Ja. Er empfindet auch im Gefängnis kein bisschen Reue. Marisa Prete: Für so einen Menschen gibt es keine Worte. Er ist ein Stück Eis, ein Monster. Antonio Prete: So einer ändert sich nie. Kommt er je aus dem Gefängnis, wird er andere zum Weinen bringen. Offenbar hat er persönliche Probleme gehabt. Bloss weil es einem schlecht geht, macht man doch nicht andere kaputt!

Was machte Francesca an jenem Tag?
Marisa Prete: Um 21.26 Uhr verliess Francesca das Haus, um 22.12 Uhr knallte er sie ab. Sie hatte an diesem Tag Spätschicht im Coiffeursalon, war um 20 Uhr zu Hause, ass eine Kleinigkeit und ging noch schnell weg, um ihr Handy zu laden. Sie wollte ihrem Vater, der am nächsten Tag Geburtstag hatte, um Mitternacht per SMS gratulieren. Francesca machte das immer, wenn jemand Geburtstag hatte: Sie wollte immer die erste Gratulantin sein. Antonio Prete: Sie wurde am Tag vor meinen Geburtstag erschossen. Wie kann man da je wieder Geburtstag feiern?

Francescas Tod hat die Schweiz erschüttert. Noch heute ist ihr Grab stets voller Blumen. Spendet das Mitgefühl der anderen Trost?
Marisa Prete: Ja, es tut gut. Ich gehe jeden Nachmittag an Francescas Grab, nehme die Blumen und Geschenke mit, um sie in ihr Zimmer zu legen. Nur von der Regierung oder dem Militär haben wir nichts bekommen, nicht einmal einen Blumenstrauss. Ein Divisionär hat uns eines Tages besucht und uns einen Brief von Bundesrat Samuel Schmid überreicht, das wars. Kein Behördenvertreter hat sich je entschuldigt oder gefragt: Braucht ihr etwas? Braucht ihr Geld, braucht ihr Essen? Das ist einfach nicht richtig. Es ist einfach nicht richtig. Francesca wurde mit einer Armeewaffe und mit Armeemunition getötet: Ihr Tod ist eine Angelegenheit des Militärs. Antonio Prete: Der Täter hatte vor der Rekrutenschule Leute bestohlen und einen Molotowcocktail geworfen. So einem Menschen gibt man doch keine Waffe in die Hand. Zudem konnte er problemlos Munition stehlen. Das Militär gehört auch auf die Anklagebank. Marisa Prete: Wir sind einfache Leute und haben uns nie etwas zuschulden kommen lassen. Mein Mann verlegt Böden. Ich bin Hausfrau und Mutter, weil ich für meine Kinder da sein und sicherstellen wollte, dass sie nicht vom Weg abkommen. Wären wir wichtigere Leute, hätte man uns nicht so im Stich gelassen. Das tut weh.

Was wünschen Sie sich?
Marisa Prete: Es gibt absolut keinen Grund, weshalb Armeewaffen zu Hause gelagert werden sollten. Was bringen sie? Sie werden nur dazu gebraucht, Menschen wehzutun. Unser letztes Ziel ist es, die Armeewaffen aus den Haushalten zu verbannen. Francesca war so temperamentvoll. Führte ihr Tod dazu, dass Armeewaffen ins Zeughaus verbannt würden, könnten wir sagen: Francesca hat auch das geschafft. Dann wäre ihr Tod nicht umsonst gewesen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2009, 09:43 Uhr

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