«Wir müssen auch via Facebook und Twitter kommunizieren»
Von Claudia Blumer. Aktualisiert am 10.11.2010
Zur Person
Gerhard Schwarz (59) hat in St. Gallen, in den USA und in Kolumbien Wirtschaftswissenschaften studiert. Nach Assistenztätigkeit, Dissertation und Mitarbeit bei der Hilti AG wechselte er 1981 zur NZZ, wo er unter anderem als Frankreich-Korrespondent und ab 1994 als Leiter des Wirtschaftsressorts tätig war. Seit Anfang November ist er Direktor der Denkfabrik Avenir Suisse.
«Beseelter Journalismus»
Der «Zeit» sagte Gerhard Schwarz vor wenigen Monaten, bei der NZZ fehle ihm die «Perspektive für einen beseelten Journalismus». Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet führt er das Zitat aus: «Journalismus war für mich immer politisch gefärbt und aufklärerisch, weil ich nicht an Wertfreiheit und Objektivität glaube». Die NZZ habe sich unter dem Konkurrenzdruck dem Mainstream angenähert, sagt Schwarz. Über Ereignisse berichte sie heute grösser als früher. «Um nachzudenken und etwas zu vertiefen gibt es nicht mehr soviel Platz, Ressourcen und Musse wie früher.» Auf den Einwand, er verlasse die NZZ, weil sie sich mit der Modernisierung den Gesetzen des liberalen Marktes beugen müsse, entgegnet Schwarz: «Erstens habe ich mir eine Zukunft bei der NZZ vorstellen können, ich war nicht auf Jobsuche und bin nicht im Streit gegangen. Zweitens gibt es im Markt immer zwei Reaktionen: Man kann sich der Konkurrenz anpassen, oder man kann eine Nische besetzen. Auch die NZZ hat beide Möglichkeiten und ich habe innerhalb des Hauses stärker das Anderssein betont.» Schliesslich sei die neue Aufgabe aber eine einmalige Chance, gerade nach vielen Jahren Journalismus, fügt er hinzu.
Stichworte
Herr Schwarz, was war Ihre erste Amtshandlung?
Am Montagmorgen haben wir mit einer Sitzung mit allen Mitarbeitern und einem Glas Prosecco meinen Einstand gefeiert. Ich habe erzählt von meiner Woche in den USA und meinen Eindrücken von den Think Tanks.
Niemand kann genau sagen, was Avenir Suisse ist. Wie erklären Sie es einem 7-jährigen Kind?
Es trifft nicht zu, dass niemand genau sagen kann, was Avenir Suisse ist. Inzwischen sind Ziel und Arbeitsweise durch die täglichen Erwähnungen in den Medien einem grösseren Publikum bekannt. Einem Kind würde ich sagen: Wir denken nach über die Zukunft der Schweiz und in welche Richtung sie sich entwickeln sollte. Wobei ein 7-jähriges Kind mit dem Begriff «Zukunft» vielleicht nicht sehr viel anfangen kann.
Ihre Kinder sind schon älter. Wie haben Sie es ihnen erklärt?
Ich habe meine Aufgabe als Chef erklärt: Anstösse geben, koordinieren, Vielem den endgültigen Schliff geben, Dinge nach aussen vertreten. Dann die Aufgabe von Avenir Suisse: Einerseits die Produktion von Büchern, Diskussionspapieren, Medienartikeln oder Vorträgen zu Themen, die für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes wichtig sind. Dann die Distribution, das Vermitteln der Botschaften.
Ihr Vorgänger war ein alt 68-er. Das ist ein ziemlicher Bruch, oder?
Thomas Held hat vom Habitus her einiges aus der 68er-Zeit mitgebracht. In diesem Sinne ist es ein Bruch. Ich bin konservativer, bürgerlicher, vielleicht auch durchschnittlicher. Doch mein Vorgänger hat sich entwickelt und viele seiner liberalen Ideen waren wahrscheinlich in der 68er-Zeit angelegt, ohne dass man sich dessen bewusst war. Antiautoritäre Haltung hat auch etwas mit einem liberalen Geist zu tun. Held und ich hatten in den letzten Jahren viel Kontakt und waren uns über weite Strecken einig.
Trotzdem hat Avenir Suisse jetzt einen ganz anderen Chef. Was werden Sie verändern?
In den ersten Jahren des Bestehens von Avenir Suisse ging es darum, dem Unternehmen ein Gesicht zu geben. Jetzt kommt die Konsolidierungsphase, ich möchte den Fokus von der Person des Direktors weglenken hin zum Team und zu unserer Arbeit.
Sie wollen mehr Fleissarbeit und weniger Öffentlichkeit?
Im Gegenteil. Wir müssen das Gewicht wohl noch mehr Richtung Kommunikation verschieben, aber vielleicht anders kommunizieren. Ich stelle mir mehr kurze Publikationen vor als lange, die stärkere Verwertung von Ausschnitten aus Büchern. Wir müssen auch die Elektronik und moderne Kommunikationsmittel wie Facebook und Twitter nutzen. Ich könnte mir vorstellen, dass wir einen Blog aufbauen. Ein Think Tank in den USA hat 265 000 Facebook-Freunde. Ich bin zwar überzeugter Zeitungsjournalist, aber gehe in dieser Hinsicht einen Schritt weiter als mein Vorgänger.
Im Gegensatz zu Thomas Held sind Sie EU-Beitritts-Gegner. Gibt es einen Kurswechsel?
Es stimmt, dass ich gegenüber einem EU-Beitritt der Schweiz skeptisch bin. Dass Avenir Suisse den EU-Beitritt befürwortet, stimmt hingegen nicht. Avenir Suisse hat die Europa-Frage bis jetzt nicht behandelt. Ausser mit dem kürzlich erschienenen Buch zum Weg nach dem Bilateralismus. Dieses geht vor allem der Frage nach, was sein wird, wenn der bilaterale Weg am Ende ist. Hier unterscheiden sich Thomas Held und ich etwas. Ich nehme gewisse Signale aus Brüssel wohl gelassener als er.
Es heisst, die Geldsuche sei für Avenir Suisse auch schon einfacher gewesen. Wie ist die finanzielle Situation?
Die Zusagen und effektiven Mittel reichen für fünf Jahre. Es ist auch das Ziel, jeweils für die nächsten fünf Jahre finanziert zu sein. Ob die Geldsuche harziger geworden ist, kann ich nicht beurteilen. Geldsuche ist grundsätzlich harzig.
Was sind die wichtigsten Themen der Zukunft für Avenir Suisse?
Da gibt es vier Themenbereiche, die aber noch nicht in Stein gemeisselt sind. Einer ist «Die Schweiz in der Welt». Dabei geht es um die geographische Nähe zu Europa, aber eben nicht nur um Europa, sondern auch um weitere Aussenbeziehungen der Schweiz. Das zweite würde ich umschreiben mit «Nach der Krise». Wenn zum Beispiel der Anteil des Finanzmarkts am BIP schrumpft, stellt sich die Frage, was zu tun ist, damit der Wohlstand weiterhin generiert wird. Ein dritter Bereich ist die Infrastruktur bis hin zu den Sozialwerken. Das vierte Thema ist der Mittelstand. Eine spannende Frage dabei ist, ob die Reformen, für die wir eintreten, nicht ausgerechnet dem Mittelstand schaden, der uns weltanschaulich unterstützt. Wenn wir beispielsweise dafür sind, dass die Leute ihre Kosten möglichst selber tragen, führt das zu höheren Gebühren und Tarifen. Die unteren Schichten der Bevölkerung erhalten Subventionen, die oberen Schichten kümmert es nicht. Aber den Mittelstand schmerzt es.
Eine aktuelles politisches Thema sind Lohnexzessen. Wie ist diesen beizukommen?
Meiner Ansicht nach muss das Aktienrecht so revidiert werden, dass die Eigentümer ihren Willen voll zum Ausdruck bringen können. Das heutige Aktienrecht hat gewisse Mechanismen, welche den wahren Willen der Aktionäre nicht zum Ausdruck bringen. Und Millionenlöhne fehlen am Ende den Eigentümern. Weiter wünschte ich mir ein gewisses Sensorium von Leuten in exponierten Positionen für die öffentliche Wahrnehmung. Man kann nicht die Lohnhöhe aus den USA importieren, nicht aber den Umgang mit dem Reichtum. In den USA ist das Mäzenatentum weit verbreitet.
Der Wunsch nach einem Sensorium dürfte ein Wunsch bleiben.
Das glaube ich nicht. In letzter Zeit ist einiges passiert in der Wahrnehmung, im Bewusstsein der Spitzenmanager. Diesen Eindruck habe ich aus Gesprächen. Man hinterfragt die Höhe der Einkommen vermehrt und fragt sich, was mache ich mit dem Geld? Allerdings gibt es ein weiteres Dilemma. Zur schweizerischen Kultur gehört nicht so sehr, über die guten Taten zur sprechen. Das steht uns im Weg.
Sie galten als liberales Gewissen der NZZ. Wer oder was hat sie in dieser Grundhaltung am meisten geprägt?
Mein Vater hatte einen kleinen Handelsbetrieb mit fünf Angestellten. Er verkaufte Maschinen für den Lebensmittelhandel. Von dort habe ich die Haltung des Gewerbes mitbekommen, dass einem der Staat mit Steuern und Vorschriften einengt und weh tut. Geprägt hat mich auch der Kampf ums monatliche Einkommen, auch wenn es vielleicht pathetisch klingt. In guten Monaten war mein Vater grosszügiger, in schlechten ging es um die Existenz. Geprägt haben mich auch die Ausbildung in St. Gallen und die Dissertation, bei der ich mich mit Fragen der Dritten Welt beschäftigte. Diese Arbeit hat mich desillusioniert, was staatliches und halbstaatliches Gutmenschentum angeht. Massgebend waren auch die 30 Jahre bei der NZZ und damit verbundene Lehrjahre bei meinem Vorvorgänger Willy Linder, einem in der Wolle gefärbten Liberalen.
Sie werden als elitär wahrgenommen. Sehen Sie sich auch so?
Von meinem Lebensstil und meiner Haltung her bin ich nicht elitär. Vielleicht von meinem hohen intellektuellen Anspruch her. Gegenüber Argumenten, die zu schnell dahergeredet sind, bin ich streng, ungeduldig, oder eben elitär. Eine Elite ist grundsätzlich wichtig, für jedes Land und jede Gruppe. Elite heisst aber nicht Macht.
Elitär heisst auch unnahbar. Das könnte bei den neuen Mitarbeitern übertriebenen Respekt auslösen.
Ich hoffe, die normale anfängliche Reserviertheit, sofern überhaupt vorhanden, beziehe sich auf das Neue an sich, nicht auf meine Person. Ich weiss aber, dass ich gelegentlich als unnahbar wahrgenommen werde, zumindest beim ersten Eindruck. Ich bin aber eher scheu und will mich nicht aufdrängen.
Sind Sie mit Ihren neuen Mitarbeitern schon per Du?
Nein, noch nicht. Manche kenne ich von früher, mit diesen bin ich per Du. Als ich vor 16 Jahren bei der NZZ Wirtschaftschef wurde, habe ich den Neueintretenden nach drei, vier Monaten das Du angeboten. Heute warte ich etwas länger. Ich merke, dass der Altersabstand manchmal auch den jüngeren Kollegen nicht behagt, dass sie Mühe haben, sich ans Du zu gewöhnen. Auch ist das Du mit dem Chef in der Avenir-Suisse-Kultur noch nicht verankert.
Bei der NZZ haben Sie mehr auf der Meta-Ebene geschrieben, jetzt müssen Sie sich mit Alltagskram beschäftigen. Wie ist das?
Es ist schon eine Umstellung, nebst der inhaltlichen Arbeit plötzlich auch für einen ganzen Kleinbetrieb verantwortlich zu sein, und es ist auch spannend. Das ändert aber nichts an meiner Lust, eine wirtschaftsphilosophische Sicht auf die Welt zu vermitteln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.11.2010, 19:35 Uhr





