Schweiz

«Wir sind hier nicht an der Zürcher Bahnhofstrasse»

Von Thomas Widmer, Hannes Nussbauer. Aktualisiert am 25.06.2011 8 Kommentare

SRG-Generaldirektor Roger de Weck spürt an sich selber in der beschleunigten Medienwelt eine Gelassenheit des Älterwerdens. Veränderungen bräuchten eben Zeit, sagt er.

Sämtliche Institutionen im Land würden «schlechtgeredet»: Roger de Weck.

Sämtliche Institutionen im Land würden «schlechtgeredet»: Roger de Weck.
Bild: Keystone

Zur Person

Roger de Weck (57), der perfekt zweisprachige Freiburger, ist seit Anfang Jahr Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft. Somit ist er Chef über 6100 Angestellte, acht TV- und 18 Radioprogramme. Zuvor war de Weck, der Volkswirtschaft studiert hat, Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» (1992 bis 1997) und der Hamburger «Zeit». Beim Schweizer Fernsehen moderierte er die «Sternstunde Philosophie». Er ist Vater von vier Kindern. (TA)

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Herr de Weck, Sie sind seit sechs Monaten SRG-Generaldirektor. Nach aussen dringt wenig. Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?
Ich äussere mich nicht zu allem und jedem, aber immer wieder zum Service public und zu den Perspektiven des Medienplatzes Schweiz. Für meine Begriffe rede ich eher zu viel.

Was war in dieser Anfangsphase der grösste Erfolg?
In den vier Sprachregionen gibt es vier verschiedene Systeme für die Produktion von Aktualität und Sport. Nun haben sich alle auf ein und dasselbe System verpflichtet; bis 2015 wird das umgesetzt. So sparen wir Geld und vereinfachen den Austausch von Videos. Vor allem ist es ein Kulturwandel. Die SRG arbeitet wirtschaftlicher, wenn nicht länger jede regionale Unternehmenseinheit in ihrer Ecke tut, was sie aus ihrer Optik für richtig hält.

2015? Für einen Mann Ihres Temperaments muss diese Langfristigkeit erschreckend sein.
Bald werde ich 58. Ein Vorzug des Älterwerdens ist die Gelassenheit; die Erfahrung und Einsicht, dass wesentliche Änderungen – wie wir sie vorhaben – Zeit brauchen. Man muss jahrelang in einen neuen Sender investieren, bis er sich etabliert. Eine stimmige Radiosendung wie «Echo der Zeit», ein begabter TV-Moderator wie Kurt Aeschbacher haben jahrzehntelangen Erfolg. Hott und hüst in der Strategie wäre Gift. Wir sind hier an der Giacomettistrasse in Bern, nicht an der Bahnhofstrasse in Zürich.

Was ist die grösste SRG-Baustelle?
Ich sehe drei Herausforderungen: die mediale, die wirtschaftliche, die politische. Kein Medienhaus weiss, wo es in zehn Jahren stehen wird. Das gilt für den «Zürcher Oberländer» wie für Google. (GOOG 591.53 -2.01%) Schlechte Sicht herrscht auch im Wirtschaftlichen. Die ganze Medienbranche dachte, 2010 werde ein katastrophales Jahr – und daraus wurde ein Rekordjahr bei den Werbespots. Sollte jedoch Athen zahlungsunfähig werden, würden wir im Nu einen Einbruch erleiden.

Wie steht es mit der politischen Herausforderung?
Ganz Europa debattiert, was Service public im digitalen Zeitalter sein soll, sein darf, sein könnte, sein wird. Diese Debatte ist unerlässlich, ich suche sie, wir haben gute Argumente. Den Kritikern der SRG bin ich dankbar, dass sie die Diskussion mit anstossen.

Vor einiger Zeit war zu lesen, der SRG-Sitz werde bei der Renovation erdbebensicher gemacht. Das klingt hübsch symbolisch: Die SRG macht sich auf Erschütterungen gefasst.
Die Erdbebenfestigkeit des AKW Mühleberg ist mir ehrlich gesagt wichtiger.

Die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli will die Gebühren von 462 auf 200 Franken kürzen. Was wären die Folgen?
Wer den Marktanteil ausländischer TV-Kanäle von heute 60 Prozent auf 80 Prozent pushen möchte, der kämpft für tiefere Gebühren. Fernsehen ist teuer. Deutsche, französische, italienische Anbieter können viel mehr ins Programm investieren. France 2 hat für einen TV-Sender in einer Sprache mehr Geld als die gesamte SRG. Mit den vorhandenen Mitteln kommen wir auf einen Marktanteil von einem Drittel. Weniger Geld für die SRG bedeutet weniger Marktanteil.

Die Gebühren fliessen, und doch haben Sie bei Informationssendungen wie «Tagesschau» oder «Kassensturz» ein Problem. Die «NZZ am Sonntag» führte kürzlich vor, dass die Quoten sinken.
Wie hoch ist bitte die Auflage des «Tages-Anzeigers»?

203'000.
Als ich in den Neunzigern Chefredaktor Ihres Blatts war, überstieg die Auflage 280'000. Meine Nachfolger trifft aber nicht der geringste Vorwurf; das ist der Trend. Zeitungsleser wechseln ins Internet. Und immer mehr Hörer und Zuschauer verfolgen unsere Sendungen via Internet auf dem PC, Laptop, Tablet oder Smartphone. Dort legen wir zu.

An welchen technischen Fragen studiert die SRG derzeit herum?
Jedes moderne TV-Gerät ist «hybrid». Es hängt am Kabel oder an der Satellitenschüssel, gleichzeitig kann man es ans Internet anschliessen. Bald gibt es wie beim iPhone auf dem TV-Schirm Applikationen. Sie schauen den «Club». Einen der Gäste kennen Sie nicht. Mit einer App holen Sie sich seinen Lebenslauf auf den Schirm. Leider sind heutige Fernbedienungen zu kompliziert für Hybrid-TV. Mit der Unzahl von Knöpfen können die wenigsten Zuschauer etwas anfangen. TV-Apparate müssen sich eines Tages so einfach bedienen lassen wie ein Handy.

Bei der Internetwerbung schwebt Ihnen eine Kooperation vor mit Medienhäusern wie Tamedia, die den «Tages-Anzeiger» herausgibt. Wie hätten Sie als TA-Chefredaktor reagiert, wenn der SRG-Direktor das damals vorgeschlagen hätte?
Lassen Sie mich zunächst die Grundfrage erörtern. Wir haben ein Haupteingangstor zu unseren Sendungen, die klassischen Kanäle. Und ein Seitentor, das Internet. Immer mehr Menschen gelangen über das Seitentor zu den Sendungen. Wie können wir ihnen optimalen Zugang bieten? Evidenterweise braucht es attraktive Onlineportale, um sie zu unseren Sendungen zu locken.

Mit gebührenfinanzierten Onlineseiten konkurrenzieren Sie bei der Werbung die Verleger.
Das Publikum wechselt ins Internet, und die Werbung folgt dem Publikum: Das Internet ist der Werbemarkt von morgen. Darf die SRG daran nicht teilhaben, wird sie eines Tages nur noch gebührenfinanziert sein. Die Gebühreneinnahmen reichen aber bei weitem nicht, international konkurrenzfähige TV-Programme in den drei Landessprachen zu finanzieren. Weniger betroffen wäre das Radio, das günstiger ist. Dort werden wir in Zukunft ohnehin ein duales System haben: werbefreien Service public einerseits, werbefinanzierte Kommerzsender andererseits. Dank Digitalisierung (DAB+) werden lokale Sender die ganze Deutschschweiz erreichen, zu einem Bruchteil der Kosten des heutigen UKW-Systems. Es wird Platz geben für werbefinanzierte landesweite Sender.

Aber noch einmal: Wie hätten Sie als Chefredaktor auf ein Kooperations-angebot der SRG reagiert?
In meinen 35 Jahren als Journalist erhielt ich nie eine Antwort auf eine hypothetische Frage. Warum sollte ich diese beantworten? Die Medienwelt war damals eine völlig andere.

Verstehen Sie, dass private Medienhäuser keine Freude haben, wenn die gebührenfinanzierte SRG sie bei den Onlineportalen konkurrenziert?
In den Vereinigten Staaten spielt der Service public keine Rolle. Geht es den amerikanischen Zeitungen deswegen besser? Im Gegenteil! Die SRG zu schwächen, würde keineswegs die privaten Verlage stärken. Wir debattieren über die Zukunft unseres Finanzplatzes, Werkplatzes, Hochschulplatzes in einer globalisierten Welt. Über den Medienplatz hingegen diskutieren wir, ohne die Globalisierung zu berücksichtigen. Der Schweizer Medienplatz ist kein geschlossener Raum, zusehends bestimmen globale Anbieter das Spiel. Sie schneiden sich gewaltige Stücke des Kuchens ab, und wir führen einen Verteilungskampf um die Brosamen.

Welche globalen Anbieter sind das?
Global Players wie Google und Facebook. ( 31.91 -3.39%) Sie haben einen Anteil von 70 Prozent und mehr am Werbemarkt im Internet. Und ihr Angebot ist «glokal», sowohl global als lokal: Ich kann die indische Volkswirtschaft googeln, aber ich kann auch die Öffnungszeiten des indischen Restaurants um die Ecke googeln. Wollen die schweizerischen Medienhäuser am Werbemarkt der Zukunft mitverdienen, müssen sie Internetwerbung gemeinsam vermarkten. Nur so erreichen sie die kritische Masse gegen Google und Facebook mit ihren Millionen Nutzern.

Sollen SRG, Tamedia, NZZ, Ringier ernsthaft zusammenspannen?
Auch kleinere Medienhäuser sind wichtig im Land der direkten Demokratie und des Föderalismus. Es geht darum, ein gescheites Schweizer Modell zu entwickeln; es wird auf einem gut eidgenössischen Kompromiss gründen.

Wo setzen Sie denn nun an, um relevantes Fernsehen zu fördern?
Kommerzielle Massenmedien, die sich an das breiteste Publikum wenden, greifen nur das auf, was zieht, was sich gut verkauft. Sie funktionieren nach dem Boulevardprinzip. Service public hingegen heisst, neben dem Interessanten auch das Relevante aufzugreifen und es interessant aufzubereiten.

Konkret?
DRS 3 berichtet derzeit mit «Chez les Welsch» zwei Wochen intensiv über die Romandie. Oder: 2013 werden wir in Fernsehen, Radio, Internet einen Themenmonat über Schweizer Geschichte gestalten, mit einer vierteiligen Serie zu prägenden historischen Figuren. Der Pilotfilm zu Henri Dufour liegt vor. Wer weiss, dass der General im Sonderbundskrieg 1847 bewusst keine Explosivmunition einsetzte? Er wollte den Bürgerkrieg gewinnen, aber auch die Versöhnung erleichtern. Ein solcher 52-Minuten-Film kostet über eine Million Franken. Wir investieren in ein populäres Fernsehen, das das breite Publikum bereichert, statt es zu verdummen.

Wie geht es dem Citoyen de Weck, der sich lustvoll in die politischen Debatten einmischte, auf dem Posten des politischen Eunuchen ganz grundsätzlich?
Ich trage Mitverantwortung für eine der kleineren, nicht unwichtigen Institutionen im Lande – in einer Zeit, da sämtliche Institutionen schlechtgeredet werden. Der Bundesrat, das sind «sieben Gartenzwerge». Der Ständerat: die «Dunkelkammer». Die Justiz erfährt Angriffe seltener Heftigkeit. Eine Zeit lang ging es gegen die Hochschulen und ihre ausländischen Professoren. Nun richtet sich das Augenmerk auf Nationalbank und SRG, die sich beide dem Zugriff der Machtpolitik entziehen. Die Unabhängigkeit der SRG und ihrer Journalisten zu vertreten, ist eine politische Aufgabe – und gewiss nicht die Sache eines Eunuchen. Bei der SRG bin ich im Element.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2011, 22:04 Uhr

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8 Kommentare

Klaus Schweizer

25.06.2011, 11:40 Uhr
Melden 69 Empfehlung

Die Unabhängigkeit der SRG und ihrer Journalisten zu vertreten, ist eine politische Aufgabe, meint de Weck. Seit wann sind die SRG und Journalisten unabhängig? Man merkt doch bei jeder Äusserung von SRG-Leuten, auf welcher Seite ihr (politisches) Herz schlägt. Antworten


rudolf thoma

25.06.2011, 08:04 Uhr
Melden 66 Empfehlung

Ja ja schon gut Herr de Weck...lassen sie sich ruhig Zeit...vielleicht sogar bis zu ihrer Pensionierung (ev. auch frühzeitig!) das wird ja nicht mehr allzulange dauern. Dass die SRG kein Biss hat und kein bisschen wettbewerbsfähig ist hat sie schon genügend bewiesen. Aber eben dafür können sie ja wirklich nichts und jetzt noch was zu verändern bringt eh nix! Wünsche weiterhin guten Schlaf ! Antworten



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