«Wir sind kein Parteiblatt»

Eric Gujer, der neue Chefredaktor der NZZ, grenzt sich von der SVP und ihren Forderungen ab. Mit Markus Somm an der Spitze der Zeitung wäre es «schwierig» geworden, sagt er.

«Wir hüten uns davor, Anklickjournalismus zu betreiben»: Eric Gujer, neuer Chefredaktor der NZZ. Foto: Reto Oeschger

«Wir hüten uns davor, Anklickjournalismus zu betreiben»: Eric Gujer, neuer Chefredaktor der NZZ. Foto: Reto Oeschger

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Sie sind bekanntlich zweite Wahl, der Verwaltungsrat wollte Markus Somm als Chefredaktor installieren. Haben Sie genügend Rückhalt im Verwaltungsrat?
Der Verwaltungsrat hat mich einstimmig gewählt. Ich spüre grossen Rückhalt.

Dass Markus Somm im Gespräch war, hat er selber bestätigt. Welche Rolle haben Sie dabei gespielt?
Keine.

Hätten Sie ihn sich als Chefredaktor, also als Ihren Vorgesetzten ­vorstellen können?
Ich glaube, es wäre schwierig geworden, nicht nur für die Redaktion. Herr Somm hat den Ruf, eine gewisse Nähe zu Herrn Blocher zu haben. Das hätte das Aktionariat und unsere Leserschaft gleichermassen gespalten.

Die SVP hat als grösste und reichste Partei des Landes an den beiden letzten Aktionärsversammlungen der NZZ versucht, mehr Aktien zu zeichnen. Stört Sie das?
Es ist völlig klar, dass alle Parteien versuchen, auf das nationale Leitmedium Einfluss zu nehmen. Das ändert aber nichts an der publizistischen Unabhängigkeit der Redaktion.

Die SVP staunt, dass Freisinnige ungern SVP wählen – eine Partei, die den Freisinn seit Jahren verhöhnt. Für wie wichtig halten Sie den Ton in der Auseinandersetzung?
Die SVP schlägt einen sehr deutlichen, nach meinem Geschmack allzu konfrontativen Ton an. Allerdings muss man anerkennen: Die Partei hat damit Erfolg. Sie scheint einem Wunsch der Bevölkerung nach grosser Deutlichkeit zu entsprechen. Damit müssen die anderen Parteien klarkommen. Für uns bei der NZZ haben Etiketten wie rechtsbürgerlich oder linksfreisinnig keine Bedeutung. Wir sind kein Parteiblatt, und ich bin kein Bindestrich-Liberaler.

Was halten Sie von der Ansicht Ihres Verwaltungsrates, die NZZ müsse sich weiter rechts positionieren?
Mir ist keine solche Ansicht oder Absicht des Verwaltungsrats bekannt. Im Gegenteil: NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod hat vor den Mitarbeitern unterstrichen, er habe keine politische Agenda, sondern wolle unternehmerisch erfolgreich sein.

Also legen Sie die politische Linie der Zeitung fest und nicht Herr Jornod?
Die Linie der Zeitung ist in den Statuten vorgegeben und bleibt gültig: Die NZZ bleibt eine Zeitung mit liberaler Haltung.

Was heisst das?
Das Schöne am Liberalismus ist: Er legt sich nicht auf eine Ideologie fest. Entscheidend ist bei allem das Verhältnis von Individuum und Staat. Im Moment sind die Befürworter staatlicher Eingriffe in der Schweiz im Vorteil. Das ist für Liberale eine schwierige Entwicklung.

Im Wirtschaftsteil ist die NZZ ­ordoliberal, also streng auf ­deutschem Kurs.
Wir sind ordoliberal. Sie könnten auch neoliberal sagen. Diese Etiketten treffen zu.

Sie haben viel in den Wirtschaftsteil investiert, dennoch bleiben die Lesequoten sehr tief, das haben Untersuchungen gezeigt.
Wir haben in die Wirtschaft investiert. Es ist unser grösstes Ressort. Wir können und wollen uns in vielem noch weiter verbessern.

Können Sie konkreter werden?
Ich könnte. Aber das bespreche ich nicht mit Ihnen.

In der NZZ operieren die Ressorts weitgehend selbstständig. Wie wollen Sie Reformen durchsetzen?
Ich bin überzeugt, dass diese Reformen sehr gut mit den Ressorts möglich sind. Das hat schon das Zusammengehen von Print und Online gezeigt.

Sie haben mit Anita Zielina eine neue Kollegin in der Chefredaktion, die für das Digitale zuständig ist. Wie werden Sie zusammenarbeiten?
Frau Zielina hat noch gar nicht angefangen, aber es ist klar: Wir können nur als Team Erfolg haben.

Was hat Sie an ihr am meisten ­beeindruckt?
Obwohl sie jung ist, hat sie viel Erfahrung darin, traditionelle Medien ins digitale Zeitalter zu führen. Das hat sie beim «Standard» und beim «Stern» gezeigt.

Wir schreiben im Zeitalter des Anklickjournalismus. Bei der NZZ wird diese Entwicklung registriert, die Quoten den Autoren aber nicht weitergegeben. Warum?
Da kann ich nur als bisheriger Auslandchef antworten. Wir möchten unsere Reichweite steigern. Dennoch hüten wir uns davor, Anklickjournalismus zu betreiben. Deshalb achten wir auch darauf, dass unsere Korrespondenten nicht in diese Versuchung geraten.

Die «Neue Zürcher Zeitung» braucht eine bessere Sprache, angefangen bei den Titeln. «Unermessliches Nadelöhr aus Sand» gehört nicht dazu.
Die NZZ pflegt eine sorgfältige Sprache, dafür ist sie bekannt. Sie ist uns ein zentrales Anliegen. Ich gebe Ihnen recht, dass manche Titel bei uns verbesserungsfähig sind. Aber welchem Medium geht das nicht so?

Aussenpolitisch denken Sie sehr konservativ. Wie sieht es ­innenpolitisch aus? Wie würden Sie die Masseneinwanderungsinitiative umsetzen?
Ich muss diese nicht umsetzen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich die Vorlage abgelehnt habe.

Sind Sie Mitglied einer Partei?
Nein.

Welches Buch lesen Sie gerade?
«Die Macht der Moral im 21. Jahrhundert» von Otfried Höffe, weil es in der nächsten Ausgabe von «NZZ Standpunkte» ein Thema sein wird.

Welcher Film hat Sie besonders beeindruckt?
«Game of Thrones.»

Das ist eine Fernsehserie über die Durchsetzung von Macht. Man sagt, Sie hätten einen ausgeprägten Machtinstinkt.
Das wäre mir neu. Ich weiss nicht, woher Sie diese Zuschreibung haben. Es braucht den Willen, um eine grosse Redaktion zu führen. Das genügt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2015, 23:40 Uhr)

Klug, konservativ, empfindlich

Der neue NZZ-Chef gilt als brillanter Analytiker des Zeitgeschehens. Im Auftritt wirkt er sehr reserviert.

Eric Gujer ist seit fast 30 Jahren für die «Neue Zürcher Zeitung» tätig. Der Name des neuen Chefredaktors des Traditionsblatts ist noch wenigen geläufig, obwohl ihm nachgesagt wird, einer der einflussreichsten Schweizer Journalisten zu sein. Die «Basler Zeitung» erhob ihn einst gar in den Kreis der wichtigsten ­Intellektuellen des Landes.

1962 in Zürich geboren, machte Gujer nach der Matur ein Volontariat bei der Tageszeitung «Mannheimer Morgen», studierte an den Universitäten Freiburg im Breisgau und Köln Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik. 1986 begann er als Praktikant und freier Mitarbeiter bei der NZZ, bevor er DDR-Korres­pondent in Berlin wurde. Es folgten Stationen in Zürich, Moskau und erneut Berlin. Seit 2008 arbeitet er fest in Zürich, seit 2013 verantwortet er das Ausland­ressort. Gujer geniesst den Ruf eines ausgezeichneten Kenners der EU, Deutschlands, Osteuropas und des Nahen Ostens. Als Experte und Buchautor hat er sich zu ­internationalen Strategiefragen und ­Terrorismus einen Namen gemacht.

Gute Kontakte zu deutschen Spitzenpolitikern

Weggefährten erzählen von einem zuverlässigen und stets gut vorbereiteten Journalisten. Gujer gilt als kluger Schreiber, der seine Meinung laut einem langjährigen Redaktor «konsistent und konsequent» äussert. Eine weitere Qualität sei seine Vernetzung. Gujer pflegt gute Kontakte zu deutschen Spitzenpolitikern.

Inhaltliche Schwächen orten seine Kollegen bei der Innenpolitik. Aussenpolitisch ist Gujer konservativ. Treu gegenüber Israel, den USA und der Nato. Seine Leistungen im Auslandsressort verschaffen ihm Anerkennung auf der ganzen Redaktion und tragen zum inter­nationalen Profil der NZZ bei.

Gujer ist profunder Kenner der Nachrichtendienste. Aus Berlin hat er Positionen des deutschen Geheimdiensts vertreten. Und in der Schweiz ist er auf der Linie des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB). Gerät dieser in die Kritik, schreibt Gujer auffallend oft Artikel, in denen das Verhalten des NDB mit In­siderinfos verteidigt wird. Gujer fordert stets mehr Überwachungsmöglichkeiten.
Christian Lüscher

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