Schweiz

«Wir sind spät, weil die Schweiz nicht in der EU ist»

Von Markus Brotschi. Aktualisiert am 10.11.2009 97 Kommentare

Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamts für Gesundheit, wehrt sich gegen den Vorwurf, die Verteilung des Schweinegrippe-Impfstoffes verlaufe chaotisch.

«Selbst wenn sich alle impfen lassen, gibt es genug
Impfdosen»: Thomas Zeltner.

«Selbst wenn sich alle impfen lassen, gibt es genug Impfdosen»: Thomas Zeltner.
Bild: Keystone

Umfrage

Schweinegrippe: Haben die Schweizer Behörden die Lage im Griff?

Ja

 
26.5%

Nein

 
73.5%

705 Stimmen


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WHO: «Nicht warten»

Ärzte können gemäss Erfahrungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Risiko einer schweren Erkrankung oder eines tödlichen Verlaufs der Schweinegrippe mindern, wenn sie Patienten mit Grippesymptomen sofort behandeln. «Warten Sie nicht das Ergebnis der Analyse ab», sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan gestern in Genf.

Zu den Impfkampagnen erklärte Chan, die selbst Ärztin ist und Ende 2006 dank ihres früheren Einsatzes beim Kampf gegen die Vogelgrippe und Sars in Hongkong an die WHO-Spitze berufen wurde: «Es wäre klug, zuerst die Risikogruppen schwangere Frauen, Kinder und chronisch Kranke zu impfen sowie das medizinische Personal.»

Ausbreitung und Erscheinungsbild der Schweinegrippe würden sich von Land zu Land und auch innerhalb einzelner Länder unterscheiden. Bisher habe die WHO nicht festgestellt, dass sich aus Mutationen des Schweinegrippevirus eine neue Krankheit entwickelt habe.

Die Pandemie bezeichnete Chan als «moderat», auch wenn die bereits zweite Welle der Schweinegrippe in der nördlichen Hemisphäre stärker sei als in einem normalen Grippe-Winter. Chan verwahrte sich gegen Vorwürfe, die WHO habe Alarmismus betrieben. «Stellen Sie sich vor, was geschehen wäre, wenn wir in einer Welt mit 6 bis 6,5 Milliarden nicht gemäss den Regeln der WHO den Pandemiealarm ausgelöst hätten.» Die WHO-Direktorin lobte ausdrücklich das Vorgehen Mexikos, der USA und Kanadas beim Ausbruch der Schweinegrippe. (di)

Die Schweiz hat 13 Millionen Impfdosen bestellt, mehr als genug für die ganze Bevölkerung. Ärgert es Sie, dass die Schweinegrippe-Impfung für viele nun doch zu spät kommt?
Ich bin tatsächlich unglücklich über diesen Umstand. Der Rückstand von fast drei Wochen auf unsere Nachbarländer ist bedauerlich. Wir haben den Impfstoff sehr früh bestellt. Dass Swissmedic für die Zulassung des Impfstoffes nicht rechtzeitig Zugang zu den Daten der Europäischen Arzneimittelagentur hatte, ist aber nicht der Fehler der Schweizer Arzneimittelbehörde. Die Schweiz zahlt hier den Preis dafür, dass sie nicht in der EU ist.

Was ziehen Sie für Lehren daraus?
Wir müssen nun versuchen, mit der EU eine Vereinbarung über den Zugang zu den Daten zu erhalten. Zur Beruhigung kann immerhin gesagt werden, dass die Schweinegrippe relativ milde verläuft und die meisten Leute sie wie eine saisonale Grippe ohne Impfung problemlos durchstehen können.

In den letzten Tagen entstand der Eindruck eines Chaos. Offiziell sollte am 16. November mit Impfen begonnen werden. Solothurn startete bereits am letzten Wochenende, während andere Kantone noch auf den Impfstoff warteten. Wäre ein solch unkoordiniertes Vorgehen nicht zu verhindern gewesen?
Nur wenn die Kantone vereinbart hätten, dass sie erst mit der Impfung beginnen, wenn alle Kantone im Besitz des Impfstoffes sind. Kantone, die früher bestellt haben, bekamen den Impfstoff früher ausgeliefert. Solothurn hatte mit uns Kontakt aufgenommen. Aus unserer Warte sprach nichts dagegen, dort mit der Impfung bereits zu beginnen. Sicher ist, dass alle Kantone am 16. November starten können.

Werden weitere Kantone noch diese Woche beginnen?
Ja, Thurgau hat am Montag begonnen, und Freiburg hat uns mitgeteilt, dass es am Mittwoch startet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass noch einige andere Kantone bereits diese Woche beginnen. Am Dienstagmorgen werden alle im Besitz von Impfstoff sein.

Einige Kantone kritisieren, dass die Koordination zwischen Bund und Kantonen mangelhaft sei.
Das sehen wir nicht so. Wir haben wöchentlich ein Treffen oder eine Telefonkonferenz mit den Kantonen. Aber es ist eine sehr komplexe Geschichte, zwei in kurzer Zeit zugelassene Impfstoffe in ebenso kurzer Zeit zu verteilen und zu verimpfen.

Ist der Kantönligeist bei der Bewältigung der Pandemie hinderlich?
Unser Gesundheitssystem mit 26 Kantonen und dem Bund ist eine komplexe Organisation – laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) eine zu komplexe. Die Schweiz hat in der Steuerung gegenüber anderen Ländern damit Nachteile.

Einige Hausärzte klagen, sie hätten zu wenig des für die Kinder zugelassenen Impfstoffes Focetria.
Das stimmt nicht. Es gibt in der Schweiz 90'000 Kinder mit chronischen Krankheiten, die sich impfen lassen sollten. Dazu kommen 60'000 schwangere Frauen. Selbst wenn sich alle impfen lassen, gibt es genug Impfdosen. Aber Voraussetzung ist, dass die Ärzte mit diesem Impfstoff wirklich nur Kinder mit chronischen Erkrankungen und Schwangere impfen. Nur wenn sich die Ärzte nicht daran halten, könnte es eng werden.

Der Impfstoff reicht auch, wenn man wie vorgesehen alle Kinder unter zehn Jahren zweimal impft?
Jawohl, es reicht.

Wie gross sind die Gruppen, die in der ersten Phase geimpft werden sollen?
Wir gehen bei Kindern und Erwachsenen von insgesamt einer Million Risikopersonen aus. Dazu kommen 1 Million Betreuende und Pflegende.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat eine Hotline eingerichtet, um Fragen aus der Bevölkerung zu beantworten. Es gibt bereits Meldungen von Müttern, die nach einer Viertelstunde vergeblichen Anrufens aufgegeben haben. Ist diese Hotline personell genügend ausgestattet?
Ich bin froh um solche Rückmeldungen. Bis jetzt war es relativ ruhig. Aber sollten die Anfragen nun zunehmen und es tatsächlich solche Wartezeiten geben, werden wir den Personalbestand der Hotline aufstocken.

Laut Umfragen zeigen die Leute in der Schweiz wenig Bereitschaft zur Impfung.
Die Impffreudigkeit fluktuiert sehr stark. Wenn ein Gut knapp ist, kann es sein, dass es plötzlich alle wollen. Das Impfverhalten könnte sich auch ändern, sollte es in der Schweiz zu vielen schwerwiegenden Erkrankungen oder gar zu Todesfällen kommen. Es ist für uns schon fast etwas erstaunlich, dass es in der Schweiz bisher noch zu keinen tödlichen Verläufen gekommen ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2009, 12:20 Uhr

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97 Kommentare

Achermann Corinne

10.11.2009, 08:49 Uhr
Melden

Vom Impfstoff für Schwanger und Kinder gibt es 240'000 Dosen. Das reicht, um die Schwangern und chronisch kranken Kinder in der Schweiz zu Impfen. Vom Impfstoff Pandemrix gibt es 13 Mio Dosen - mehr als genug. Dieser ist aber erst ab 18 Jahren zugelassen. Womit wird dann bitte meine 9 Monate alte Tochter geimpft, die gottseidank nicht chronisch krank ist aber eine Krippe besucht? Antworten


Alois Leimgruber

10.11.2009, 08:18 Uhr
Melden

Frage: Was soll die EU damit zu tun haben,warum kann das BAG Herr Zeltner und Swissmedic Frau Beerli ihre Fehler nicht zugeben. Für was haben wir eigentlich so hoch bezahlte Beamte ? Am Schluss nur Ausreden,absolut chaotisch. Antworten



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